Von GEORG IMDAHL, 14.03.08, 21:51h
Die „Kölner Progressiven“ waren schon einmal wiederentdeckt worden. Es waren „68er“, die vor rund vierzig Jahren auf das rheinische Trio gestoßen war - in der Hochphase der „sozialen Relevanz“, welche die Kunst damals unbedingt beweisen musste, und im Zeitalter des „Multiple“, das die Botschaft massenhaft unters Volk brachte. Doch danach gerieten die jungen Rheinländer aus Köln und Düsseldorf abermals in Vergessenheit. Dabei zählten sie zu den originellsten und einfallsreichsten Klassenkämpfern unter den Künstlern der Weimarer Republik. Franz Wilhelm Seiwert, Heinrich Hoerle und Gerd Arntz hatten einen völlig eigenen, konstruktiven Stil geprägt, um die Antagonismen der Gesellschaft plakativ und doch ästhetisch subtil auf den Punkt zu bringen - echte Avantgarde eben schufen sie, die sich gleichermaßen politisch wie ästhetisch definierte.
Eine von der Amerikanerin Lynette Roth eingerichtete, sehr sehenswerte Ausstellung fächert das Kapitel der klugen Künstler jetzt noch einmal auf. Was die Kuratorin aus Baltimore aus privaten und öffentlichen Sammlungen für das Kölner Museum Ludwig zusammengetragen hat, dürfte dazu beitragen, der „Gruppe Kölner Progressiver“ endgültig den ihnen gebührenden Platz in den 20er Jahren zu sichern. In Köln waren die Künstler bereits damals wohlbekannt und präsent, sie wurden sogar von den Feuilletons - höchste Auszeichnung - karikiert. Die Ausstellung dokumentiert, wie eine Gruppe junger Künstler die ästhetischen Optionen für politische Überzeugungen entwickelt.
Die beiden Kölner Heinrich Hoerle und Franz W. Seiwert (beide starben in den 30er Jahren jung an Krankheit) waren dem Düsseldorfer Gerd Arntz im Atelier des Malers Jankel Adler begegnet, um später gemeinsam jene Allianz zu schmieden, der im weiteren Kreis unter anderem auch Otto Freundlich beiwohnte. Die am Freitagabend eröffnete Ausstellung zeigt, wie die drei Künstler eine weitgehend ähnliche Bildsprache etablierten und dennoch ihre individuelle Handschrift bewahrten. Ihr gemeinsames Fluidum ist ein beherztes und erfrischendes Bekenntnis zum Modernismus und den Elementen einer Kunst, die in den 20er Jahren als „fortschrittlich“ gelten durfte. Nur in der Ausnahme schufen sie zwar ungegenständliche Bilder (Seiwert wagte sich auf dieses Terrain vor), verleibten sich aber konsequent und schlüssig die Einflüsse des Kubismus, Konstruktivismus und der De-Stijl-Bewegung ein. Besonders nahmen sie sich die flächige Komposition zu Herzen, die besonders Seiwerts Bilder „Arbeiter“, „Der deutsche Bauernkrieg“ und „Demonstration“ prägen - die prominentesten Werke der Künstler-Trias. Mit ihrem extrem zurückgenommenen Bildraum und den schematisierten Figuren setzten die „Progressiven“ einen überzeugenden Kontrast zur ebenfalls sozialkritischen Neuen Sachlichkeit eines George Grosz und Otto Dix.
Deren beißender Sarkasmus war den jungen Rheinländern fremd. Auch sie aber übten sich nicht bloß in plumpem Agitprop, sondern erprobten eine Zustandsbeschreibung der Gesellschaft, die sich über die parteiische Anklage erhebt. Keiner hat dafür ein so genialisch einfaches Bildvokabular entwickelt wie der 1988 in den Niederlanden gestorbene Gerd Arntz, der heute noch unterschiedlichsten Künstlern wie Andreas Siekmann oder Julian Opie eine Menge zu sagen hat. Er verlegte sich ausschließlich auf den Holzschnitt, den er kontrastreich, spielerisch und dekorativ auslegte. Arntz hatte besonders stark von der Gruppe profitiert, wie die Ausstellung anhand seiner rasanten Entwicklung in den frühen 20ern belegt - seine Figuren spiegeln eine mechanische Welt, visionär weisen sie voraus in eine Emblematik der Globalisierung. Zu den Höhepunkten der Schau zählt Arntz' zwölfteilige Holzschnittserie mit „Zwölf Häusern der Zeit“ von 1927 - heute im Besitz des Gemeentemuseums Den Haag. Mit einer Eleganz, die auf Léger und noch auf die Art déco zurückzugehen scheint, stilisiert Arntz die Enge in der Arbeiterwohnung und das mondäne Leben des Großbürgertums, die Limousine vorm Hotel und die Kaufkraft im Warenhaus. Sein kluger rasterförmiger Bildaufbau und seine schwarzen und weißen Hintergründe sind singulär in seiner Zeit. Der begnadete Holzschneider suchte hier und da den Weg zurück zur Farbe, indem er den Druckstock bemalte - doch setzte er Maßstäbe auf Papier.
Auch dort, wo die Welt der „Kölner Progressiven“ am Ende der Ausstellung verdächtig gefällig und harmonisch wird, weist sie voraus - in den späten Landschaften Hoerles und dem Porträt von Kölner Zeitgenossen (aus dem Kölnischen Stadtmuseum): Die aus Facetten zusammengesetzte „Rheinische Landschaft“ von 1932 aktiviert die Tüpfelmalerei des Neoimpressionismus und lässt mit ein bisschen Fantasie an Hockney denken.
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