Von PETRA RECKTENWALD, 19.03.08, 20:35h
Lange zögerte der Kölner Rat, das Todesurteil gegen Adolf Clarenbach und Peter von Fliesteden zu vollstrecken. Zwar galt schon als ausgemacht, dass die beiden Anhänger der Reformation für ihr „ketzerisches“ Treiben büßen müssten, wie es die Gegner der „Irrlehre“ Luthers verlangten. Aber der Beschluss sorgte für Unruhe in der Bevölkerung, auf Flugblättern wurde die Freilassung der eingekerkerten Prediger gefordert. Für die Ratsherren eine brenzlige Situation. Erst Monate später - am 28. September 1529 - ließen sie die Inhaftierten auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Die Gelegenheit schien günstig. Kurz zuvor hatte eine Grippe-Epidemie viele Menschenleben gefordert - eine Strafe Gottes, argumentierte der Klerus, weil die Bürger „Ketzer“ im katholischen Köln geduldet hätten. Viele ließen sich einschüchtern, die Stunde der Inquisition hatte geschlagen.
„Clarenbach und Fliesteden sind die ersten evangelischen Märtyrer im Rheinland“, sagt Hans Martin Karwehl, protestantischer Pfarrer im Ruhestand und trotz seiner 83 Jahre noch immer begeisterter Stadtführer beim kirchlichen Anbieter Antoniter-City-Tours. Während seiner Erkundungstouren präsentiert er den Begleitern manchmal einen Gedenkstein, dessen Inschrift an die beiden Wortführer der Reformation in Köln erinnert. Zum 450. Todestag im Jahr 1979 ließen Rat und Bürgerschaft den Steinblock aufstellen - auf der ehemaligen Hinrichtungsstätte Melaten, die längst zum Friedhof geworden war. Vermutlich wäre das Denkmal unter Bäumen - Karwehls Lieblingsort - aber immer mehr in Vergessenheit geraten, hätte der Geistliche dem nicht entgegengewirkt. „Es war allmählichzugewuchert“, schimpft er. „Ich habe dafür gesorgt, dass es freigeschnitten wurde.“
Und nicht nur dies. Schon immer legten einige wenige Friedhofsbesucher Blumen auf dem vom Kölner Künstler Heribert Calleen geschaffenen Stein ab; Hans Martin Karwehl überzeugte noch mehr Menschen, dem Beispiel zu folgen - etwa während seiner vielen Führungen über den weitläufigen Totenacker. „Einmal brachte eine Teilnehmerin einen Strauß für das Grab von Willy Millowitsch mit. Aber das lag zu weit ab von unserer Route“, erzählt der ehemalige Pfarrer der Johanneskirche in Porz-Westhoven. Also schlug er vor, das Gebinde stattdessen „dem Clarenbach“ zu überlassen. Die Dame setzte jedoch andere Prioritäten. „Ich geb's dem Pitter, der hat's nötiger“, sagte sie und dachte dabei an Peter von Fliesteden, der in Köln weniger bekannt war als sein Leidensgenosse.
Inzwischen schmücken regelmäßig Blumen das Denkmal für die beiden protestantischen Märtyrer. Und mancher Passant liest aufmerksam die Inschrift, die an die düsteren Ereignisse aus dem Zeitalter konfessioneller Wirren erinnert. „Viele Jahrhunderte lang konnten evangelische Christen in Köln ihren Glauben nicht offen leben. Erst in der Franzosenzeit durften sie öffentlich Gottesdienste abhalten“, erläutert Karwehl.
Auf ein Dekret Napoleons ist auch zurückzuführen, dass der Friedhof Melaten 1810 vor den Toren der Stadt angelegt wurde. Pfarrer Karwehl hat hier selbst Beerdigungen geleitet, aber seine letzte Ruhestätte wird er dort nicht finden. In Köln möchte er nämlich nicht begraben sein, stattdessen soll seine Asche in Jerusalem in die Erde gesenkt werden. „Ich habe mit meiner Frau dort einen »Claim« auf einem Templerfriedhof erworben - also den Rechtsanspruch auf eine Begräbnis-Parzelle“, erläutert der Geistliche. Denn der Heiligen Stadt fühlt er sich eng verbunden - „mindestens zwölf Mal“ hat er auch hier bereits den Führer für Besuchergruppen gegeben.
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