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Ein dramatischer Fehlgriff

Von TOBIAS KAUFMANN, 29.02.08, 10:18h, aktualisiert 29.02.08, 14:05h

Der Vatikan hat mit einer islamischen Hochschule die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen gerügt. Damit missbraucht die Kirche den interreligiösen Dialog auf Kosten des säkularen Staates. Von Tobias Kaufmann

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Die Mohammed-Karikatur von Kurt Westergaard.
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Die Mohammed-Karikatur von Kurt Westergaard.

Es ist eine auf den ersten Blick erstaunliche, unheilige Allianz: Gemeinsam mit der El-Azhar-Universität in Kairo hat der Vatikan die erneute Veröffentlichung der Zeichnungen in europäischen Zeitungen verurteilt. An der Hochschule dürfen ausschließlich Muslime studieren. Sie beteiligt sich mit Rechtsgutachten an der Diskriminierung christlicher Kopten in Ägypten. Was treibt die Kardinäle dazu, sich ausgerechnet diese Hochschule als Sparringspartner in der Debatte über die Grenzen der Meinungsfreiheit in westlichen, christlich geprägten Gesellschaften auszusuchen?

Trittbrettfahrer aus dem Vatikan

Vermutlich ist es die Hoffnung auf erfolgreiche Trittbrettfahrerei. Indem die Kirche auf den Zug der islamischen Empörung aufspringt, hofft sie eine Entwicklung rückgängig machen zu können, die fundamentalistischen Christen seit langem ein Dorn im Auge ist: Der Abstieg der Religion und ihrer Institutionen zu einer gleichberechtigten Weltanschauung und Organisation unter vielen. Das Privileg, sich vor Provokationen – und damit im Kern auch vor Kritik – mit Verweis auf die göttliche oder kirchliche Autorität zu schützen, haben die christlichen Kirchen unwiederbringlich verloren. Aber in Allianz mit dem Islam und mit dem gemeinsamen Verweis auf die verletzten Gefühle der Gläubigen ließe sich ein gewisser Schutzraum zurückerobern.

Diese Taktik ist fatal. Wenn der Vatikan ernsthaft die Ansicht vertritt, Gläubige dürften nicht zum Ziel von Provokationen werden, dann nutzt er dem interreligiösen Dialog nicht, sondern er missbraucht ihn. Das friedliche Zusammenleben in der multikulturellen Realität kann nur gelingen, wenn die Religion zugunsten des allgemeinverbindlichen säkularen Rechtsraums zurücktritt. Nur er schützt alle gemeinsam. Wo er fehlt oder deformiert ist, wie in vielen Ländern der muslimischen Welt, sind religiöse Minderheiten Freiwild. Darunter leiden nicht zuletzt Christen in der ganzen Welt. Deshalb müsste es im Interesse des Vatikans sein, die Meinungsfreiheit als zentrale Säule freier Gesellschaften zu stärken, statt sie auszuhöhlen.

LESERKOMMENTARE: Karikaturen veröffentlichen?

Verletzte Gefühle sind eine persönliche Angelegenheit. Wer sich unzulässig beleidigt fühlt, dem stehen alle Wege frei – vom Presserat bis zu den Gerichten. Die Kirche ist die Stimme der Gläubigen. Aber sie kann sich nicht pauschal der Deutungshoheit über deren Gefühle bemächtigen und sich zur kollektiven Schutzmacht erklären. Damit verletzt der Vatikan den Grundkonsens westlicher Gesellschaften.

In ihnen zählt die Freiheit von Individuen, nicht von Instanzen. Die Befindlichkeiten gläubiger Menschen bestimmter Glaubensrichtungen zählen nicht weniger und nicht mehr als die Befindlichkeiten jedes anderen Bürgers. Religionsfreiheit bedeutet auch, dass Menschen das Recht haben, frei von Religion zu leben. Warum sollen ausgerechnet Gläubige vor Provokationen geschützt sein? Sind nicht die Empfindungen von Vegetariern genauso wichtig? Sind riesengroße Hamburger-Plakate für diese Menschen nicht entsetzlich? Mit welchem Recht sollen sich Medien über Neonazis lustig machen, wenn sie die Frommen wegen Jesus und Mohammed verschonen? Ist die Meinungsfreiheit nicht verletzt, wenn Journalisten öffentlich über Fußballvereine höhnen, die für viele Menschen das Allerheiligste überhaupt sind?

Der Vatikan begibt sich mit seinem Wunsch nach Beleidigungsschutz auf verdammt dünnes Eis. Demokratie lebt vom institutionalisierten Konflikt, nicht vom verordneten Konsens. Davon profitieren alle, auch die Beleidigten. Denn die Tatsache, dass Provokation erlaubt ist, bedeutet nicht, dass man sie unwidersprochen ertragen muss. Über die Karikaturen lässt sich trefflich streiten - inhaltlich und öffentlich. Treffen ihre Thesen zu? Sind sie gelungen? Ist ihr Anspruch aufrichtig? Oder dienen sie nur dazu, eine Minderheit anzugreifen, die ohnehin einen schweren Stand hat?

Wer kritisiert, muss ertragen, kritisiert zu werden, und wer kritisiert wird, darf sich wehren - das sind die Spielregeln, von denen auch die Kirche profitiert. Tabus und Verbote aber, die über die bestehenden engen Grenzen hinausgehen, zerstören diese Regeln. Knallharte Interessenpolitik unter dem Vorwand, die Gefühle zutiefst verletzter Menschen schützen zu müssen, gehört zu den Empörungs-Feldzügen islamischer Despotien. Der Vatikan sollte auf dieses Mittel verzichten.

Doch die aktuelle Verlautbarung ist leider keine Ausnahme. Der Vatikan bekräftigt vielmehr das, was er schon in der ersten Runde des Karikaturenstreits vertrat. Aber eine falsche Position wird nicht dadurch richtig, dass man sie wiederholt. In diesem Fall gilt sogar das Gegenteil: Es ist skandalös, dass der Vatikan - und damit die höchste Vertretung der katholischen Gläubigen - in den vergangenen Jahren bei diesem Thema nichts hinzugelernt hat.

Zumal die Warnung vor der Provokation im aktuellen Fall vollkommen schief ist. Das gemeinsame Papier katholischer und muslimischer Autoritäten verwechselt Ursache und Wirkung. Die Karikatur des dänischen Zeichners Kurt Westergaard wurde diesen Monat nur deshalb in zahlreichen Zeitungen gedruckt, weil Westergaard Opfer eines Mordkomplotts muslimischer Fanatiker werden sollte. Der Abdruck des Propheten mit der Bombe als Turban war ein Symbol der Solidarität, keine platte Provokation. Dass der Vatikan nicht einmal das verstehen sollte, ist kaum zu glauben. Und dass er sich mit seiner Reaktion auf die falsche Seite stellt, ist geradezu dramatisch.



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