Von MARKUS DECKER, 01.04.08, 19:25h, aktualisiert 01.04.08, 19:28h
Der Pfarrer Reiner Andreas Neuschäfer und seine Familie sind augenscheinlich Opfer dieser Fremdenfeindlichkeit geworden. Im Jahr 2000 zog das Ehepaar Neuschäfer aus dem Rheinland in die thüringische Kleinstadt Rudolstadt, die für sich selbst damit wirbt, „heimliche Geliebte Schillers“ zu sein. 2007 - man muss es so sagen - haben das Paar und die inzwischen fünf Kinder die Flucht ergriffen: von Deutschland Ost nach Deutschland West.
In Köln-Kalk geboren
Neuschäfer, in Köln-Kalk geboren und als Pfarrer in Gummersbach und Bergneustadt tätig gewesen, war in Thüringen die Stelle eines Schulbeauftragten angeboten worden. Er griff zu. Der 40-Jährige erteilte Religionsunterricht an staatlichen Gymnasien in Saalfeld und Bad Blankenburg. Und er betreute 300 andere Lehrer, die es ihm in Südthüringen gleich tun. Neuschäfer mochte seinen Job. Die Familie hatte sich in Rudolstadt ein Haus gekauft. Sie kam, um zu bleiben.
Das allerdings erwies sich als schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Denn Miriam Neuschäfer hat eine indische Mutter. Sie selbst und ihre Kinder haben schwarze Haare und eine dunklere Hautfarbe als andere Menschen in Thüringen. „Wir sind nicht mal schwarz-braun, sondern noch relativ hell“, sagt sie. „Aber es hat gereicht.“
Beleidigungen waren an der Tagesordnung. Ein Kind kam mit der Frage nach Hause: „Mama, was ist ein Nigger?“ Es hatte die Frage aus der Schule mitgebracht. Der älteste Sohn Jannik Jonas wurde in der Schule von Gleichaltrigen verprügelt - und musste zwei Wochen zu Hause bleiben. Die Schulleitung, sagt Neuschäfer, unternahm wenig, was das Entsetzen noch vergrößerte. Auch eine Entschuldigung der Eltern der kleinen Schläger blieb aus. Schlimmer für den Jungen waren womöglich seelische Kränkungen. So wurde Jannik Jonas in den sieben Jahren seines Rudolstädter Lebens nicht einmal zu einem Kindergeburtstag eingeladen.
Miriam Neuschäfer sagt, sie sei in der Öffentlichkeit grundsätzlich geduzt worden. In manchen Geschäften habe man sie nicht bedient. „,So was hat man früher zwangssterilisiert!' - das haben mir die Leute ins Gesicht gesagt.“ Die 32-jährige Mutter erklärt: „Wir sind ein bisschen anders. Wir sehen ein bisschen anders aus. Wir haben auch ein, zwei Kinder mehr als andere Familien.“ Im Osten sei zudem sei die Abneigung gegen die Kirche stärker verbreitet als im Westen. Während Herr Neuschäfer wenigstens beruflich integriert war, lebten Frau Neuschäfer und die Kinder im Alter von zehn, acht, fünf, drei und einem Jahr in fast vollständiger Isolation. „Irgendwann“, sagt sie spürbar verzweifelt, „ging es nicht mehr“.
Ärger mit der Kirchenleitung
Im vorigen Herbst bezogen die Neuschäfers einen „Zweitwohnsitz“ im rheinischen Erkelenz; dort haben sie familiäre Kontakte. Und Reiner Andreas Neuschäfer pendelt seitdem jede Woche zwischen Rudolstadt und Erkelenz hin und her. Die Distanz beträgt 430 Kilometer. Die Fahrt dauert vier Stunden. Weil das auf Dauer kein Zustand ist, sucht der keineswegs verbitterte Mann jetzt eine Stelle als Schulbeauftragter im Rheinland. Die rheinische Landeskirche weist ihn auf freie Stellen hin. Ganz einfach ist der Wechsel nicht. „Es ist schwierig, vom Osten in den Westen zurückzugehen“, sagt Neuschäfer. „Ost-Erfahrung ist eher nicht so das, was gesucht wird.“ Mauern stehen nicht bloß in Thüringen.
Anfänglich waren andere Lösungen im Gespräch. Die ebenso verständnisvolle wie ratlose Oberkirchenrätin Krüger hatte dem Pfarrer vorgeschlagen, eine Pfarrstelle an der früheren innerdeutschen Grenze anzunehmen - auf thüringischem Gebiet. Die Kinder hätten in Hessen oder Bayern zur Schule gehen können. Doch dann, so Neuschäfer, hätten die Gemeindemitglieder wohl gefragt, ob denn die Pfarrerskinder etwas Besseres sind als ihre eigenen.
Zuletzt hatte der Pfarrerauch noch Ärger mit der Kirchenleitung. Neuschäfer hatte in der Kirchenzeitung „Glaube und Heimat“ einen Artikel veröffentlicht, in dem er sich mit der Hetzjagd auf Inder im sächsischen Mügeln befasst. Darin verweist er auf die Erfahrungen seiner Familie und schreibt: „Eine ebenso unheimliche wie unterschwellige Feindlichkeit gegenüber Fremdem, Unheimlichem und Anderem gibt es bei uns in Ostdeutschland sowohl bei „den“ Rechten als auch bei „den“ Linken. (...) Auch im Raum der Kirche sind nicht automatisch alle gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit!“
Die Kirchenleitung habe ihn aufgefordert, solche Beiträge nicht nochmal zu veröffentlichen, berichtet Neuschäfer. Mancher Leser habe sich auf den Schlips getreten gefühlt. Das dürfte den Entfremdungsprozess zwischen den Neuschäfers und ihrer Umwelt weiter voran getrieben habe. Einen Monat nach Mügeln verließen sie Rudolstadt. Das Fazit des Pfarrers ist kurz: Wenn die Ostdeutschen das fremdenfeindliche Erbe der DDR nicht aufarbeiteten, werde das Problem nicht zu lösen sein.
Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Sebastian Edathy (SPD), stellt fest: „Dass Menschen sich - zugespitzt formuliert - im eigenen Land auf die Flucht machen müssen, kennt man eigentlich nur aus nicht-demokratischen Ländern.“ Es sollte im 21. Jahrhundert selbstverständlich sein, ohne Angst verschieden sein zu können. „Das Traurige ist, dass mit dem Weggang der Familie genau das Gegenteil dessen passiert, was eigentlich nötig ist - eine heterogenere Zusammensetzung der ostdeutschen Bevölkerung. Eine aktive Bekämpfung von Diskriminierung ist nicht zuletzt ein Beitrag zur Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse.“ Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), sieht „die Zivil gesellschaft gefordert“. Es gehe darum, eine Atmosphäre der Gastfreundschaft über alle kulturellen Differenzen hinweg zu schaffen. „Wer selbst leise Diskriminierung in seiner Nähe wahrnimmt, sollte das zur Sprache bringen“, mahnt Tiefensee. Rudolstadts parteiloser Bürgermeister Jörg Reichl sagt: „Mir sind außergewöhnliche Vorkommnisse nicht bekannt. Es wird manches übertrieben. Hier herrscht keine Ausländerfeindlichkeit.“
Reiner Andreas Neuschäfer sieht das anders. „Einzelne haben uns Mut gemacht“, erwidert er. „Aber wir sind nicht prädestiniert dafür zu kämpfen. Wir können unsere Familie nicht zum Opfer machen.“ In Erkelenz gebe es keine Anfeindungen. „Den Kindern geht es wunderbar. Das ist wie ein neues Leben.“
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige
Anzeige
Rösrather
Nur wenige Tage:
40 % Neujahrsrabatte

Frankfurter Rundschau
Nach Schuss auf Anwalt: Keine neuen Erkenntnisse im Fall JägerInterview mit Jürgen Borchert: "Schluss mit der Heimlichtuerei"

EXPRESS
Big-Brother-Psychologe vermittelt - Frieden im Haus - Carlos darf bleibenWehrhahn-Linie - Skandal-Polier in Düsseldorf gefeuert

Spiegel Online
Oettinger und Co.: EU-Parlament billigt Barrosos KommissionAtomstreit: Warum Teheran keine Angst vor Sanktionen hat