Von ANJA KATZMARZIK, 04.04.08, 21:35h
Sie schrieb Gedichte - „furchtbare Gedichte“, wie sie heute sagt - und Kurzgeschichten. Ihr erster Roman „Heim“ wurde sogar mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Ebenfalls preisverdächtig, aber kaum bekannt: Die Schriftstellerin aus Köln-Ehrenfeld bietet in Justizvollzugsanstalten des Landes Literaturwerkstätten für junge Inhaftierte, von denen viele auch ohne stabile Familienstrukturen aufgewachsen sind.
Mirijam Günter hat es geschafft. Nicht „obwohl“, sondern vielleicht gerade „weil“ sie einen Hauptschulabschluss hat. Mit ihrem Debütroman über eine Heim-„Karriere“ in Deutschland polarisierte sie die Jugendbuchkritiker - auch aufgrund ihrer unverblümten Sprache. Aus der Perspektive von Jugendlichen nimmt sie Begriffe wie „Sozialstaat“ und „Chancengleichheit“ auseinander; ihre Ich-Erzählerin verbaut sich jede Chance auf ein besseres Leben.
Auch die Protagonistin in Günters jüngstem Roman „Ameisensiedlung“ über das Leben in einem sozialen Brennpunkt am Stadtrand hat kaum Perspektiven. Die Mutter der 15-jährigen Conny ist Alkoholikerin, die nichts anderes kennt als Arbeitslosigkeit, Sucht und Gewalt. Conny selbst gehört zu einer Clique, die ständig von einem besseren Leben träumt, aber versagt, wenn sich einmal eine Chance ergibt.
Die Direktheit, mit der Mirijam Günter formuliert, gleicht der ihrer „Schüler“ in den Justizvollzugsanstalten. „Da gibt es viele, die schreiben“, weiß Günter. Deren zumeist autobiografischen Kurztexte und Verse zeugen von Verletzlichkeit, aber auch Aggression. Die Autorin beobachtet: „Statt sich jemandem anzuvertrauen, machen sie sich gegenseitig fertig. Alle Nationalitäten gegeneinander. Die definieren sich über Rassismus, dabei hängen sie alle im selben Mist.“ Mit der Schilderung schlimmster Tathergänge versuchten sie die junge Frau zu schockieren und sich gegenseitig zu übertrumpfen. „Bis sie gemerkt haben: Bei mir brauchen sie sich nicht verstellen.“
Die Teilnehmer der Literaturwerkstätten, die Mirijam Günter anbietet, hätten sich gewundert, „dass ich nach unserem ersten Treffen überhaupt wiederkam“. So sehr sei das Vertrauen vieler Jugendlicher in ihre Umwelt erschüttert. Liebende Eltern seien die Ausnahme bei jugendlichen Gefängnis-Insassen. „Es ist eher eine Normalität, wenn der Vater in der Zelle nebenan sitzt, und sich Geschwister im Gefängnis wiedertreffen.“ Doch Günter bändigte selbst Grobiane ein bisschen. „Plötzlich ermahnten die sich gegenseitig, vor mir nicht mehr so brutal zu reden.“
Schockierend war für sie nur die Aussage eines jungen Mannes, der es „ein Glück“ nannte, seit seinem 17. Lebensjahr im Gefängnis zu sitzen. „Sonst wäre ich heute tot“, sagte er - und Mirijam Günter weiß, warum. „Für viele ist es das erste Mal seit langer Zeit, dass sich Erwachsene um sie kümmern“ - und sei es nur in Gestalt eines „Schließers“, der ihnen die Türen auf- und zuschließt. „Regelmäßige Mahlzeiten und ein eigenes Bett, das ist alles keine Selbstverständlichkeit.“
Bei der Schreibarbeit mit ihr reflektieren viele oft das erste Mal bewusst sich selbst und ihre Taten - mit zum Teil erstaunlichen Ergebnissen. Es ist eine Welt voller „verpasster Gelegenheiten, verlorener Freunde, von Schlägereien und Drogenexzessen, von Einsamkeit und Wut, von Polizeirazzien und Gerichtsprozessen“, die sich in den Texten auftut. Eine tiefe Traurigkeit und ein starker Drang, zu arbeiten und eine eigene Familien zu gründen, um es besser einmal besser zu machen.
Es steht Klartext in den Gedichten, Interviews und Kurzgeschichten der Kursteilnehmer. Das ist eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Mirijam Günter und den jungen Männern und Frauen in ihren Kursen: Ihre Themen sind unbequem und manchmal nur schwer zu ertragen, aber dafür Realität. Ihre Sprache ist nicht schön, aber authentisch.
Heute studiert Günter mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie schreibt mit einem genauen Blick für soziale Ungerechtigkeit und beklagt eine „soziale Desintegration“ heutiger Hauptschüler: „Ich weiß nicht, was ich Schülern raten soll. Das einzige Häuschen der Bushaltestelle zertrümmern, damit jemand auf sie aufmerksam wird?“ Die Ehrenfelderin hat den Eindruck, derzeit würde Jugendlichen durch Nichtbeachtung eher eine gefährliche Botschaft vermittelt, die laute: „Wenn sich an die Regeln hält, kriegt keine Hilfe.“
Die Autorin forderte eine gesellschaftliche Aufwertung der Hauptschule und eine bessere Integration der vierten Migranten-Generation in Deutschland: „Wenn wir nicht begreifen, dass diese ein Teil unserer Gesellschaft sind, mit denen wir zusammenleben, wird es schwierig.“
Günter, Mirijam. Die Ameisensiedlung. dtv junior verlag. 2006. 272 Seiten. 7,50 Euro.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Hedwig Neven DuMont
Viele Kinder leiden unter Depressionen, Lernbehinderungen und Krankheit. Manche werden als „sozial gestört“ abgestempelt. Sie alle brauchen unsere Hilfe. Hilfe, um aus ihrem dunklen seelischen Loch herauszukommen. Hilfe durch gesunde Freizeitangebote und das Teilhaben an Sport und anderem mehr.
Diese Kinder müssen wir an die Hand nehmen und ihnen eine Chance geben, körperlich und seelisch zu gesunden. Unser Thema bis Oktober 2012 lautet deshalb: „wir helfen – um alle Kinder hier an die Hand zu nehmen.“

Testen Sie das ADHS-Risiko Ihres Kindes!
Lizzy Net - Internet für Mädchen
Sozialdienst Katholischer Frauen
Sozialdienst Katholischer Männer
Kidkit - Für Kinder süchtiger Eltern
Netkids - Gegen Kinderpornografie im Netz
Diakonie Michaelshoven - Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe