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Flüchtige Gedanken

Von ANJA KATZMARZIK, 04.04.08, 21:35h

Die preisgekrönte Jugendbuchautorin Mirijam Günther aus Köln-Ehrenfeld hat selbst eine „Heimkarriere“ hinter sich und entlockt jugendlichen Strafgefangenen sehr lebensnahe Zitate.

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Mirijam Günther von der JVA Köln-Ossendorf
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Mirijam Günther von der JVA Köln-Ossendorf
Köln - Sie ist eine von ihnen. „Ich kenne den ganzen Horror. Ich habe selbst eine Heimkarriere hinter mir“, sagt Mirijam Günter. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr hatte sie bereits in sieben verschiedenen Heimen gelebt und etliche Schulen besucht. Nichts klappte. Die Lehre zum Automechaniker nicht, die zum Maler und Lackierer nicht, die zum Koch erst recht nicht. „Ich kann nicht mal 'nen Kaffee kochen!“, sagt die Frau mit der markanten Nase. Doch es klappte mit dem Schreiben.

Sie schrieb Gedichte - „furchtbare Gedichte“, wie sie heute sagt - und Kurzgeschichten. Ihr erster Roman „Heim“ wurde sogar mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Ebenfalls preisverdächtig, aber kaum bekannt: Die Schriftstellerin aus Köln-Ehrenfeld bietet in Justizvollzugsanstalten des Landes Literaturwerkstätten für junge Inhaftierte, von denen viele auch ohne stabile Familienstrukturen aufgewachsen sind.

Mirijam Günter hat es geschafft. Nicht „obwohl“, sondern vielleicht gerade „weil“ sie einen Hauptschulabschluss hat. Mit ihrem Debütroman über eine Heim-„Karriere“ in Deutschland polarisierte sie die Jugendbuchkritiker - auch aufgrund ihrer unverblümten Sprache. Aus der Perspektive von Jugendlichen nimmt sie Begriffe wie „Sozialstaat“ und „Chancengleichheit“ auseinander; ihre Ich-Erzählerin verbaut sich jede Chance auf ein besseres Leben.

Auch die Protagonistin in Günters jüngstem Roman „Ameisensiedlung“ über das Leben in einem sozialen Brennpunkt am Stadtrand hat kaum Perspektiven. Die Mutter der 15-jährigen Conny ist Alkoholikerin, die nichts anderes kennt als Arbeitslosigkeit, Sucht und Gewalt. Conny selbst gehört zu einer Clique, die ständig von einem besseren Leben träumt, aber versagt, wenn sich einmal eine Chance ergibt.

Die Direktheit, mit der Mirijam Günter formuliert, gleicht der ihrer „Schüler“ in den Justizvollzugsanstalten. „Da gibt es viele, die schreiben“, weiß Günter. Deren zumeist autobiografischen Kurztexte und Verse zeugen von Verletzlichkeit, aber auch Aggression. Die Autorin beobachtet: „Statt sich jemandem anzuvertrauen, machen sie sich gegenseitig fertig. Alle Nationalitäten gegeneinander. Die definieren sich über Rassismus, dabei hängen sie alle im selben Mist.“ Mit der Schilderung schlimmster Tathergänge versuchten sie die junge Frau zu schockieren und sich gegenseitig zu übertrumpfen. „Bis sie gemerkt haben: Bei mir brauchen sie sich nicht verstellen.“

Die Teilnehmer der Literaturwerkstätten, die Mirijam Günter anbietet, hätten sich gewundert, „dass ich nach unserem ersten Treffen überhaupt wiederkam“. So sehr sei das Vertrauen vieler Jugendlicher in ihre Umwelt erschüttert. Liebende Eltern seien die Ausnahme bei jugendlichen Gefängnis-Insassen. „Es ist eher eine Normalität, wenn der Vater in der Zelle nebenan sitzt, und sich Geschwister im Gefängnis wiedertreffen.“ Doch Günter bändigte selbst Grobiane ein bisschen. „Plötzlich ermahnten die sich gegenseitig, vor mir nicht mehr so brutal zu reden.“

Schockierend war für sie nur die Aussage eines jungen Mannes, der es „ein Glück“ nannte, seit seinem 17. Lebensjahr im Gefängnis zu sitzen. „Sonst wäre ich heute tot“, sagte er - und Mirijam Günter weiß, warum. „Für viele ist es das erste Mal seit langer Zeit, dass sich Erwachsene um sie kümmern“ - und sei es nur in Gestalt eines „Schließers“, der ihnen die Türen auf- und zuschließt. „Regelmäßige Mahlzeiten und ein eigenes Bett, das ist alles keine Selbstverständlichkeit.“

Bei der Schreibarbeit mit ihr reflektieren viele oft das erste Mal bewusst sich selbst und ihre Taten - mit zum Teil erstaunlichen Ergebnissen. Es ist eine Welt voller „verpasster Gelegenheiten, verlorener Freunde, von Schlägereien und Drogenexzessen, von Einsamkeit und Wut, von Polizeirazzien und Gerichtsprozessen“, die sich in den Texten auftut. Eine tiefe Traurigkeit und ein starker Drang, zu arbeiten und eine eigene Familien zu gründen, um es besser einmal besser zu machen.

Es steht Klartext in den Gedichten, Interviews und Kurzgeschichten der Kursteilnehmer. Das ist eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Mirijam Günter und den jungen Männern und Frauen in ihren Kursen: Ihre Themen sind unbequem und manchmal nur schwer zu ertragen, aber dafür Realität. Ihre Sprache ist nicht schön, aber authentisch.

Heute studiert Günter mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie schreibt mit einem genauen Blick für soziale Ungerechtigkeit und beklagt eine „soziale Desintegration“ heutiger Hauptschüler: „Ich weiß nicht, was ich Schülern raten soll. Das einzige Häuschen der Bushaltestelle zertrümmern, damit jemand auf sie aufmerksam wird?“ Die Ehrenfelderin hat den Eindruck, derzeit würde Jugendlichen durch Nichtbeachtung eher eine gefährliche Botschaft vermittelt, die laute: „Wenn sich an die Regeln hält, kriegt keine Hilfe.“

Die Autorin forderte eine gesellschaftliche Aufwertung der Hauptschule und eine bessere Integration der vierten Migranten-Generation in Deutschland: „Wenn wir nicht begreifen, dass diese ein Teil unserer Gesellschaft sind, mit denen wir zusammenleben, wird es schwierig.“

Günter, Mirijam. Die Ameisensiedlung. dtv junior verlag. 2006. 272 Seiten. 7,50 Euro.



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