Von LIOBA LEPPING, 19.04.08, 00:28h
Eitorf - „Mein Frettchen hatte Schlafstörungen, doch seitdem ich den Traumfänger aufgehängt habe, geht es besser“, erzählt Vicky. Die rothaarige Schülerin mit den nassen Haaren steht an der „Gut-drauf-Tanke“ und hält einen Schwatz mit Sozialarbeiter Jürgen Meyer. Der hat in seinem umfunktionierten Imbisswagen auch so ein Mini-Mobilé hängen, das offenbar tierisch die Träume fördert.
Vicky kommt gerade vom Schwimmunterricht im nahe gelegenen Hallenbad und wartet auf ihren Bus, der sie nach Hause in einen Ortsteil von Windeck bringen
soll. Die zwölfjährige Gymnasiastin ist eine von etwa 100 Schülern, die täglich an der Eitorfer „Tanke“ Station machen - die einen länger, die anderen kürzer. Streetworker Jürgen Meyer verfüttert an seine jugendlichen Kunden rund sechs Kilo Möhren und 50 Äpfel.
In mundgerechten Happen serviert, greifen die Kids gerne zu. „Viele bekommen zu Hause auch kein Mittagessen“, weiß der 44-Jährige, der im Juli 2006 zum ersten Mal auf dem Eitorfer Bahnhofsvorplatz seine Tanke in Betrieb nahm. „Ich hatte so etwas in Frankreich mal gesehen. Dort gab es überall Gesundheitstankstellen für Jugendliche.“
Dass der Rhein-Sieg-Kreis gerade als Modellregion für das von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geförderte „Gut-drauf“-Projekt ausgesucht worden war, war eine glückliche Fügung. In der Trägerschaft des Diakonischen Werks wurde die Idee der Tanke umgesetzt. Sie ist Teil eines umfassenden Maßnahmenkatalogs, der einer Verwahrlosung der Jugendlichen an der oberen Sieg vorbeugen soll.
„Jugendhilfe vom Büro aus, das ist nichts für mich.“ Schließlich war der erfahrene Sozialarbeiter vor seiner Eitorfer Zeit zwölf Jahre am Kölner Hauptbahnhof tätig. Irgendwann hatte er genug vom täglichen Spritzentausch und wechselte erst einmal nach Troisdorf, wo er in der Suchtprävention tätig war. Als Meyer hörte, dass Eitorf einen Streetworker sucht, wurde er hellhörig.
Inzwischen hat er festgestellt, dass sich die Arbeit in Eitorf von der in Köln gar nicht so sehr unterscheidet. „Das Vorbeigeh-Prinzip ist das gleiche“, findet Jürgen Meyer, der ein glühender Verfechter dieser
Form des Hilfsangebots ist. „Ich würde mich den Jugendlichen nie aufdrängen, auch nicht bei meinen Runden durch die Stadt. Wenn man missionierend auf sie zugeht, zucken die ganz schnell zurück.“
Ist es in Köln ein umgebauter
KVB-Bus - die von „wir helfen“ geförderte Boje - die Obdachlosen, Junkies und Punks einen Schutzraum bietet, so ist es in Eitorf die Tanke, die Kinder auffängt. Hier können sie sich bewegen, entspannen und sich gesund ernähren
- das sind die drei Säulen der „Gut-drauf“-Idee.
Wer etwas auf dem Herzen hat, findet auch Unterstützung über den kurzen Schwatz hinaus, wie etwa Meyers früheste Kunden - die Schulschwänzer. „Die sind manchmal schon um 12 Uhr hier. Viele von ihnen sind trotz ihres jungen Alters deprimiert und sehen keine Perspektive“, kennt Meyer die Sorgen seiner Kunden.
Bei einem 14-Jährigen konnte er den Kontakt zum Sozialarbeiter der Hauptschule vermitteln und dem Jungen zu einem Praktikum verhelfen. „Schule, das war für ihn einfach
nichts. Der musste praktisch arbeiten.“ Dadurch, dass in der 20 000-Einwohner-Gemeinde die Wege kurz sind, ist es viel leichter möglich, den Jugendlichen Hilfen an die Hand zu geben. „Man kennt sich und kann Brücken bauen. Das war in Köln viel schwieriger bei der großen Zahl von Hilfsangeboten.“
Wer nicht an der Tanke mit Jürgen Meyer ins Gespräch kommen mag, der kann ihn auch auf seinem Diensthandy erreichen. Im Jahr 2007 ist es zu 29 intensiven Beratungsgesprächen mit Jugendlichen gekommen, die je nach Wunsch auf
der Parkbank, im Eiscafé oder im Jugendzentrum stattfinden. Die Themenpalette ist breit: Es geht um Schulprobleme, Stress mit den Eltern, Cannabis-Konsum, fehlende Perspektiven in Schule und Beruf, Liebeskummer, Langeweile und Einsamkeit.
Die dringendsten Hilferufe auf dem Diensthandy kamen interessanterweise von muslimischen Mädchen. Meyer hat beobachtet, dass diese ab einem Alter von 14 Jahren in ihrer Herkunftskultur verschwinden. Dank der guten Zusammenarbeit mit der örtlichen Jugendhilfe soll für diese spezielle Gruppe im neuen großen Jugendcafé, das in diesem Jahr gebaut wird, ein eigener Raum zur Verfügung stehen.
Die Tanke macht das nächste Mal Halt am 21. und 23. April jeweils von 13 bis 15 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz Eitorf.
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Hedwig Neven DuMont
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