Schriftgröße

„Spielt doch mit den Schmuddelkindern!“

Von HELMUT FRANGENBERG, 20.04.08, 20:30h

Ein Fest an der Hauptschule Borsigstraße wird zur Demonstration gegen das Schulsystem. Ex-Hauptschüler Ingo Appelt: „Das war erst der Anfang.“ Kann die Öffnung für „Nicht-Pädagogen“ als Modell dienen?

BILD: ARTON KRASNIQI
Bild vergrößern
Ex-Hauptschüler Ingo Appelt mit „seinen“ Kindern auf dem Schulhof in der Borsigstraße.
BILD: ARTON KRASNIQI
Bild verkleinern
Ex-Hauptschüler Ingo Appelt mit „seinen“ Kindern auf dem Schulhof in der Borsigstraße.

„Hier bei uns in Ehrenfeld lebt und kämpft die ganze Welt.“ Jungs und Mädchen der Klasse 10 a der Hauptschule Borsigstraße rappten die neue Hymne der „West Side Cologne“ auf dem Schulhof, und die vielen Gäste staunten. Das Fest der Schule, die seit einem Jahr von rund 20 Kölner Künstlern begleitet wird, wurde zu einer Demonstration gegen das deutsche Schulsystem.

„Wir wollen, dass ihr bekommt, was andere auch haben - und vielleicht noch ein bisschen mehr“, rief Kabarettist Jürgen Becker in seiner Begrüßung. Das frühe Aussortieren der Kinder nach der Grundschule sei ungerecht. „Einige hängen immer noch an der Idee der Ständegesellschaft“, kritisierte Becker. Die Botschaft der „Nichtpädagogen“: „Spielt doch mit den Schmuddelkindern! Es lohnt sich. Und man bekommt unendlich viel zurück.“ Den ganzen Samstag über präsentierten die zwölf Klassen der Schule, zu welchen Leistungen sie fähig sind. Es wurde getanzt, gesungen und Theater gespielt. Zwei Klassen hatten kleine Spielfilme produziert, eine andere parodierte mit viel Witz die Nachmittagstalkshows im Fernsehen. Journalist Martin Stankowski hatte mit Siebtklässlern in vielen Exkursionen die Stadt erkundet. Die Schüler bedankten sich singend: „Ich liebe es, durch die Stadt zu gehen.“ Auch das ist für Hauptschüler keine Selbstverständlichkeit. „Es gibt viele Kinder, die kaum mal aus dem eigenen Viertel rauskommen“, sagt eine Lehrerin im Publikum.

Die Kids auf den verschiedenen Bühnen strotzen einen Tag vor Selbstbewusstsein: „Hauptschule ist cool, Abitur ist schwul“, sang die 8 b mit Comedian Ingo Appelt trotzig. „Diese Kinder wachsen einem ans Herz“, sagte der erfolgreiche Ex-Hauptschüler hinterher. Genau wie fast alle anderen aus dem Team um Jürgen Becker und Wilfried Schmickler will auch Appelt weiter- machen. „Das war erst der Anfang.“

Wie das Engagement der Künstler in den einzelnen Klassen weiter- gehen kann, soll jetzt überlegt werden. Im Idealfall wird es Bestandteil des Unterrichts. Leitung und Lehrer der Hauptschule Borsigstraße empfehlen anderen Schulen, die Chancen der Öffnung für „Nichtpädagogen“ zu nutzen. Doch so viele Beckers, Pachls und Appelts hat Köln nicht. „Die ganze Stadt ist neidisch“, sagte eine Lehrerin, die wie viele Kollegen gekommen war, um sich Anregungen zu holen.

Jürgen Becker ist davon überzeugt, dass ein solches Projekt auch „mit ganz normalen Leuten mit normalen Berufen“ möglich ist. So könne er sich gut vorstellen, dass Rentner mit „Zeit, Lebenserfahrung, Tatkraft und der Fähigkeit zu vermitteln, dass sich Anstrengungen lohnen können“, an Schulen helfen können. Er hoffe, dass sich viele „für dieses Abenteuer begeistern“.

Krimihörspiel produziert

Eine andere Perspektive für neue Projekte könnte sich aus den Erfahrungen ergeben, die Karl-Heinz Pütz gemacht hat, der mit Siebtklässlern ein Krimihörspiel produziert hat. Der Geschäftsführer von Random House Audio hat zwei angehende Medienkaufleute der Firma während ihrer Arbeitszeit mitmachen und Erfahrungen sammeln lassen, die sie sonst wohl nie gemacht hätten.

So wie hier könnten Firmen bürgerschaftliches Engagement ermöglichen und Mitarbeiter für Unterrichtsstunden und Schulprojekte freistellen. Pütz will nun bei der Firmenmutter Bertelsmann dafür werben, dass sie einen Schüler der Borsigstraße als Azubi einstellt. Durchschnittlich findet nur einer von 20 Hauptschülern eine Lehrstelle.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Orte des Geschehens

große Karte

Anzeige


Anzeige


Umfrage

Mehr autofreie Zonen für Köln?
Der Platz vor der Eigelsteintorburg ist schon autofrei, nun soll der Chlodwigplatz folgen. Auch für den Neumarkt schlägt der Masterplan vor, eine Seite für den Verkehr zu sperren. Ist das sinnvoll?


Special


Anzeige




Modisch aufgefallen


Junge Zeiten


Bildergalerien


Termine

Veranstaltungssuche

 

Veranstaltungs-Tipps

Manic Street Preachers

22. April 2012,
E-Werk Köln

 

Neue ksta.tv-Videos aus Köln




Offene Schulen


Top-Links (Anzeige)



Weitere Serien


ksta shop


Aktuelle Verkehrsinfos


Service


Mein ksta.de


ksta.de auf Facebook

KSTA auf Facebook

Aktion


Aktion



Hintergrund


Stadtmenschen Community


Extra


Dienste