Von HELMUT FRANGENBERG, 22.04.08, 21:20h, aktualisiert 23.04.08, 10:32h
Sein allein erziehender, arbeitsloser Vater ließ ihn gewähren. „Ich habe bis zum Mittag geschlafen und bin aufgestanden, wenn andere aus der Schule gekommen sind.“ Sein Vater sei ratlos gewesen. „Außerdem musste er sich ja um meine drei kleineren Geschwister kümmern.“ Erst zwei Jahre nachdem Marius mit dem - zunächst sporadischen - Schwänzen begonnen hatte, gestand der Vater sich und den Ämtern ein, überfordert zu sein.
Nachdem er einen Antrag auf Hilfe zur Erziehung gestellt hatte, wurde das Jugendamt aktiv: Marius kam in ein Projekt des Sozialverbandes „In Via“ für Schulverweigerer, wo man nun versucht, wenigstens ein wenig nachzuholen, was vorher versäumt wurde. Was aus ihm werden soll, weiß niemand. Geführt wird er nun als Achtklässler einer Förderschule. Weil er mittlerweile 16 Jahre alt wurde, ist er nicht mehr schulpflichtig. Ein Hauptschulabschluss bleibt in weiter Ferne. Von den 13 Jugendlichen, die bislang im „In Via“-Projekt betreut wurden, haben bislang nur zwei einen Hauptschulabschluss geschafft. Nur einer bekam eine Lehrstelle, scheiterte dann aber in der Probezeit.
Fast alle Jugendlichen in dem Projekt haben monatelanges Dauerschwänzen hinter sich. Wie das in der scheinbar perfekt organisierten Schulbürokratie, die jedes Detail mit Verordnungen regelt, passieren kann, ist unklar. Weil Marius' Fall so unglaublich ist, hat ihn Schul- und Jugenddezernentin Klein von ihren Ämtern und den beteiligten Schulen, so gut es ging, rekonstruieren lassen. Ihr ehrliches Fazit: „Unsere Leistung war nicht gerade glanzvoll.“ Das Protokoll einer gescheiterten Schulkarriere berichtet von Schulen, die sich nicht kümmerten, und solchen, die sich bemühten, aber irgendwann offenbar aufgaben oder zumindest nicht am Ball blieben. Nach dem Umzug von Marius' Familie in einen anderen Stadtteil vertraute seine alte Schule trotz einer damals schon vorhandenen hohen Fehlstundenzahl darauf, dass er bei seiner neuen Schule ankommen werde. Marius sagt, er habe sich selbst bei einer anderen Hauptschule anmelden wollen, doch die habe ihn nicht gewollt. Die Schule sagt, Marius habe selbst entschieden, nicht zu kommen. Sie habe ihn dann auf eine andere Schule schicken wollen, doch auch da ist er nie angekommen.
Marius ist kein Einzelfall, wie „In Via“-Mitarbeiterin Susanne Gessat sagt. Wie viele es von diesen Kindern in Köln gibt, weiß die Schulverwaltung nicht. Klein hofft, dass es mit dem Aufbau der elektronischen Schüler-Datei „schwieriger wird, dass jemand einfach so verschwindet“. Sie will das „Netz dichter knüpfen“ und für die Schulen einen festen Ansprechpartner schaffen, an den sie sich wenden können, bevor es zu spät ist.
Schulen überfordert„Die Schulen sind überfordert“, sagt eine Lehrerin aus Kalk, die nicht namentlich genannt werden möchte. Als normaler Lehrer habe man keine Kapazitäten, um sich intensiv um Einzelfälle zu kümmern. Eine Kollegin an einem Gymnasium berichtet, dass sie ein halbes Jahr lang jeden Morgen einen Schüler angerufen habe, um zu fragen, ob er denn aufgestanden sei. „Wir haben es mit Familien zu tun, die kaum noch Einfluss auf die Kinder haben. Wenn man sich dann beim Jugendamt meldet, bekommt man keinerlei Rückmeldung, ob was passiert.“ Die Zusammenarbeit sei kompliziert und aufwendig. „Alle reagieren zu spät“, sagt die Kalker Lehrerin.
Schuldige zu benennen sei schwierig, meint Gessat. Mal seien es einzelne Lehrer, mal die Schulen oder die Verwaltung. „Und oft hat man es mit Schülern zu tun, die sich mit Händen und Füßen gegen die Schule wehren.“ Das Hauptproblem - da sind sich alle einig - ist aber das Elternhaus. Als Marius als 13-Jähriger mit dem Schulschwänzen begann, lud seine Schule den Vater zum Gespräch. „Fünfmal hat der Lehrer zusammen mit Marius auf den Vater gewartet - vergeblich“, sagt Klein. „Was eine solche Erfahrung mit einem Jungen macht, kann man sich kaum vorstellen.“
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