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Serie: Wilde Spiele

Mehr Freiraum für Kinder

Von MICA FRANGENBERG, 24.04.08, 21:01h, aktualisiert 17.06.08, 10:42h

Freies Spielen ist wichtig für die kindliche Entwicklung, aber durch Platzmangel und Medieneinfluss selten geworden. Die Serie „Wilde Spiele“ des Magazins zeigt neue Spielräume und entdeckt alte wieder.

BILD: RAKOCZY
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Wildes Spielen ist gut für die Entwicklung.
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Wildes Spielen ist gut für die Entwicklung.
„Viele Kinder können gar nicht mehr spielen!“ Dieter Spanhel, emeritierter Professor der Allgemeinen Pädagogik an der Universität Erlangen, sorgt sich um die „Kinder von heute“. „Erstens fehlt ihnen dazu oft schlicht und ergreifend der Platz, und zum zweiten haben sie es vor dem Fernseher und dem Computer einfach verlernt.“ Die Spielräume der Kinder, bedauert er, würden durch die Erwachsenen systematisch zerstört. Stadtplaner haben die moderne, funktionale Stadt für Erwachsene gebaut und dabei die Kinder vergessen.

Jetzt, wo nach den Gründen für die vielfältigen Schwierigkeiten von Kinder und Jugendlichen gesucht wird, werden sie auf ihre Fehler aufmerksam. Vor allem in den Innenstädten sind die Bereiche verloren gegangen, die Kinder einst als ganz natürliche Spielräume nutzen konnten. Wiesen, die man betreten darf, brachliegende, verwunschene Grundstücke ohne „Betreten verboten“-Schilder, Bäche und kleine Seen, die nicht von hohen Zäunen umgeben sind, Unterholz zum Verstecken, Bäume zum Erklettern und Matschlöcher, um sich mal richtig einzusauen. „Stattdessen haben Erwachsene eine künstlich ausgestattete Spielwelt für Kinder organisiert“, kritisiert die Pädagogin Susanne Roux. Viele Spielplätze seien perfekt geplant - und würden deshalb gerade nicht Kreativität von Kindern anregen.

Wo früher die nähere und weitere Umgebung der elterlichen Wohnung unsicher gemacht wurde, bleiben Kinder heute zu Hause. Freunde wohnen zu weit weg, die Straßen der Innenstädte sind zu gefährlich. PC, Playstation und Fernseher sind schneller zu erreichen. Und wenn sie sich mal auf eigene Faust bewegen, sorgt der Handykontakt für permanente elterliche Kontrolle. Viele Eltern fühlen sich bereits bei Kleinkindern dafür verantwortlich, die Freizeit und die sozialen Kontakte nahtlos zu organisieren. „Im Rhythmus von Baby- und Kinderturnen, Musikalischer Früherziehung, Malkursen und Ballett haben Kinder schon früh das Gefühl, keine Zeit zu haben“, sagt Susanne Roux.

Freies, selbstbestimmtes Spielen hat im Alltag von Kindern wenig Platz. Eltern karren ihre Kinder zu Verabredungen, die drei Tage im Voraus getroffen werden müssen. In der bürgerlichen Familie wird Freizeit zur Terminsache. Denn die meisten Väter und Mütter stehen ebenfalls unter permanentem Zeitdruck. Muße für ungeplantes Spiel zu kurz.

Das alles hat Auswirkungen auf die Entwicklung. Zwar können Kinder von ihrer modernen Lebensweise mit all den Chancen auf gute Förderung, Persönlichkeitsentwicklung und Selbstständigkeit auch profitieren, wie Studien von Experten belegen. Gleichzeitig halten aber viele Kinder die damit einhergehenden Belastungen nicht aus: Sie zeigen Stresssymptome, Angst, Unsicherheit, Kontaktarmut, Konzentrationsschwächen, Bewegungsarmut - all jene „Störungen“, die Kinderpsychologen immer wieder und immer öfter schon bei kleinen Kindern feststellen.

Freies, wildes Spielen ist unerlässlich für die körperliche, die soziale und geistige Entwicklung. Eine Untersuchungsreihe in den USA belegt, dass verspielte Kinder nicht nur sozial kompetenter sind, sondern auch psychisch belastende Situationen besser aushalten können.

Auseinandersetzung mit der Umwelt

Über das Spiel setzten sich Kinder mit ihrer Umwelt auseinander und machen sich mit Unbekanntem vertraut. Formen, Farben und Zahlen werden in das kindliche Denken integriert. Gleichzeitig wird der Wortschatz erweitert, die Wahrnehmung des eigenen Körpers verbessert und die Fantasie angeregt. „Ab dem dritten Lebensjahr sollte ein Kind sich täglich eine halbe Stunde so bewegen, dass es nass geschwitzt ist“, sagt Kinder- und Jugendarzt Wolfram Hartmann, der sich um die Gesundheit vieler Kinder sorgt. „Kinder müssen die Chance bekommen, ihre eigenen Erfahrungen zu sammeln - durch ihr eigenes Tun“, fordert auch Dieter Spanhel. „Kinder müssen das Spielen eigentlich nicht lernen, sie brauchen auch keine Anweisungen und Regeln dazu.“ Alles, was sie zum Spielen brauchen, hätten sie in sich.

So ist die Forderung der Experten klar. „Runter vom Sofa!“, fordert Spanhel Eltern und Kinder auf. Es gilt, Spielräume für und mit Kindern wiederzuentdecken oder ganz neu zu finden - denn ein paar gibt es schon noch. Manchmal muss man ein bisschen suchen oder sich auf den Weg in die Umgebung machen. Eltern dürfen zwar ein bisschen mitmachen und Anregungen geben - viele gute Ideen werden sie in den folgenden Serienteilen finden. Aber vor allem müssen sie lernen, ihren Kindern wieder zu vertrauen. Und ihnen unkontrollierte Freiräume zu lassen.



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