Von CHRISTIAN BOS, 28.04.08, 20:44h, aktualisiert 29.04.08, 09:42h
Ausgerechnet Hilton! Die Pionierin einer derart weitaufgespannten Sichtbarkeit, dass es nicht länger vonnöten scheint, hinter ihr noch Inhalte zu verbergen, über den seit 1963 im Verborgenen lebenden wichtigsten Schriftsteller der Vereinigten Staaten dozieren zu lassen, ist ein Witz von welterschütternder Grandiosität.
Hatte nicht fast gleichzeitig ein Literaturkritiker bemerkt, dass Pynchons Weigerung, sich zur öffentlichen Person zu machen, in so krassem Gegensatz zur herrschenden Kultur stünde, dass, sollten der Autor und Paris Hilton sich jemals begegnen, die daraus resultierende Materie / Antimaterie-Explosion alles von hier bis Tau Ceti IV verdampfen ließe?
Reizvoller wäre doch der Gedanke, dass sich der bald 71-jährige Nobelpreiskandidat und die ewige Debütantin in eine lauschige Sofaecke verzögen, aus der für den Rest des Abends immer mal wieder schallendes Gelächter aufbranden würde. Pynchons Faszination für das Billige und Populäre ist jedenfalls ungebrochen, wie sein jüngster Roman „Gegen den Tag“, dessen deutsche Übersetzung diese Woche erscheint, eindrucksvoll beweist. Im Übrigen hat er die besseren Sexszenen. „Gegen den Tag“ ist auf 1596 Seiten prall gefüllt mit Ballon fahrenden Jugendromanhelden, sprechenden Hunden, einem Kugelblitz namens Skip, der Suche nach einer magischen Stadt in einem Reich unterhalb des Wüstensands, Dynamitstangen werfenden Anarchisten, dem in Alpentunneln lauernden Tatzelwurm und tödlicher belgischer Mayonnaise.
Die Handlung dieses ausuferndsten aller ausufernden Pynchon-Romane zu beschreiben, wäre ein ähnlich sinnvolles Unterfangen wie der Versuch, das Internet inhaltlich zusammenzufassen. Immerhin, so viel kann man festhalten: „Gegen den Tag“ spielt sich hauptsächlich in der Zeit von der Chicagoer Weltausstellung 1893 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs ab. Der geradlinigste Handlungsfaden, den man aus diesem schwer durchdringlichen Gewebe ziehen kann, erzählt eine Rachegeschichte. Frank, Reef und Kit, die Söhne des anarchistischen Minenarbeiters Webb Traverse, verfolgen den Mörder ihres Vaters, einen erzbösen Plutokraten namens Scarsdale Vibe.
Sein hundertköpfiges Romanpersonal jagt Pynchon von Colorado zum Nordpol, von Göttingen nach Zentralasien via Triest, Transsylvanien und Tungusku bis zu einer geheimnisvollen „Gegen-Erde“. „Gegen“, wie in Gegenkultur, ist ein wichtiges Wort in Pynchons Werk,
das sich als radikaler Gegenentwurf zur offiziellen Geschichtsschreibung lesen lässt. Dieser erstreckt sich vom späten 18. Jahrhundert in „Mason & Dixon“ über die Jahre des Zeiten Weltkriegs in „Die Enden der Parabel“, die 50er und 60er in „V“ und „No. 49“ bis hin zu den 70er und 80ern in „Vineland“. „Gegen den Tag“ passt in Pynchons bisheriges Werk wie ein Puzzleteil. Ein sechzehndimensionales Puzzleteil.
Die alles verbindende Metapher - ähnlich der V2-Rakete in „Die Enden der Parabel“ - ist hier das Mineral Calcit, das einfallendes Licht in zwei Bündel bricht. Ein Objekt erscheint, durchs klare Calcit betrachtet, doppelt: „Das Original und der Unterbau der Wirklichkeit.“ Wer die Welt durch ein Stück Doppelspat betrachtet, heißt es an anderer Stelle, dem wird sich „die Architektur des Traums offenbaren, alles dessen, was sich dem Netzwerk gewöhnlicher Länge und Breite entzieht“.
Die vorgeblich idyllische Zeit vor 1914 erscheint in Pynchons Brechung als verzweifelter Kampf um die letzten unkolonialisierten Gebiete. Über den Wolken, unter den Dünen, im Innern der Berge. Und die ehrgeizigen Pionierleistungen der Mathematiker, Experimental-Physiker und eigenbrötlerischen Erfinder jener Jahre kippen bei Pynchon schnell in ihre okkulten Gegenparts. Natürlich tritt dann auch Nikola Tesla auf, der genialisch-verrückte Erfinder, der in den Bergen Colorados Starkstromexperimente durchführte, über deren Sinn bis heute die Experten streiten. So behauptete Tesla etwa, mit seinem sogenannten „Todesstrahl“ das Tunguska-Ereignis in Sibirien ausgelöst zu haben, die ungeklärte Explosion, die 1908 Bäume im Umkreis von 30 Kilometern entwurzelte. Spät im Roman findet Reef Traverse einen Tesla-Turm, ähnlich dem, der angeblich Todesstrahlen aussandte, im Hinterland des österreichischen Kaiserreichs. Das Massensterben des Ersten Weltkriegs steht unmittelbar bevor.
Trotz des katastrophischen Grundtons: „Gegen den Tag“ ist auch Pynchons komischstes Buch. Die Dringlichkeit, den bösen Wahn von „Die Enden der Parabel“ - seinem, so Paris Hilton, Meisterwerk - wird Pynchon nie wieder erreichen. Doch das luftigere „Gegen den Tag“ kann mit einer beinahe absichtslosen Fabulierlust punkten. Als hätten die Abenteuer- und Westernromane, die Pynchon zur Recherche las, stärker abgefärbt als beabsichtigt. Zwar sollte man während der Lektüre den Laptop laufen lassen, um nachgoogeln zu können, was genau etwa die Quaternionenlehre besagt. Doch das stört nicht das Lesevergnügen, zumal die Übersetzer Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren den Kraftakt, Pynchons Endlossätze in entspanntes Deutsch zu übertragen, virtuos meistern. Wer sich mit „Gegen den Tag“ auf große Fahrt durchs Labyrinth begibt, ist jedenfalls für den Alltag auf unbestimmte Zeit verloren. Vielleicht bilden Pynchon-Leser auf diese Weise genau die Gegenkulturenklave, nach der seine Figuren so rastlos suchen.
Thomas Pynchon: „Gegen den Tag“ , übersetzt von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren, Rowohlt, 1596 Seiten, 29,90 Euro
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