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Niels Frevert hat Mut zur Lücke

Von MARTIN WEBER, 08.04.08, 08:59h, aktualisiert 08.04.08, 09:00h

Von Wolken, Waschmaschinen und der Sehnsucht im Alltag des menschlichen Lebens: Sänger und Songwriter Niels Frevert bringt in Köln kleine Momente groß raus. Mit „Nationalgalerie” war Frevert in den 90ern bekannt.

Bild: Niels Frevert
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Niels Frevert
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Niels Frevert
Bild: Niels Frevert
Auf dauerhafte Präsenz hat der Mann in den letzten elf Jahren keinen Wert gelegt. Zwei Soloalben hat er in dieser Zeit veröffentlicht, hübsche Singer-/Songwriter-Geschichten waren das, doch so schön die Tonträger auch waren – danach war Niels Frevert, 40, vor allem immer eins: nachhaltig nicht da. Was er fern der Musik machte und macht, um das Geld für Miete, Mohnbrötchen und all die anderen Dinge des Lebens zu haben, mochte respektive mag er bis heute nicht sagen, und das sollte man ihm zugestehen; es geht uns ja auch nichts an. Weil es aber nicht viele gute Musiker deutscher Zunge gibt, von denen ein einziges Lied so lange nachklingt, war Niels Frevert auch zwischen den Soloalben trotz seiner selbst gewählten Absenz nie ganz weg. „Evelin“ heißt das Lied, an das sich gut und gerne erinnert, wer heute zwischen Ende 20 und Ende 30 ist, und die Band zum Sänger und Songschreiber Niels Frevert hieß 1993, dem Zeitpunkt ihres größten Erfolgs, „Nationalgalerie“. 1996 war Sense mit „Nationalgalerie“ und Niels Frevert seitdem nur mit großem Mut zur Lücke zu haben. Ende Februar erschien Solo-Werk Nummer drei, „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ heißt es. Es ist keins, das mit großem Brimborium „Jetzt oder nie!“ schreit.

Umso erfreulicher, dass das Gebäude 9 prächtig gefüllt ist, als Niels Frevert dort mit neuer Band seine kleine Deutschland-Tour startet. Er habe sich „zupfenderweise an der Akustikgitarre wiedergefunden“, hatte der Hamburger vorab in dem ein oder anderen Interview mitgeteilt, und „dass ihm nicht so nach Rocken“ sei. Und genauso lässt sich das Konzert auch an. Behutsam, poetisch, beinahe zart, aber niemals verkitscht singt sich Niels Frevert mit „Baukran“ und „S.O.S.“, zwei Songs der neuen Platte, in den Abend.

Dezent swingende Lässigkeit

Der finanzielle Tourrahmen macht vier mitreisende Musiker möglich, und das tut dem Sound gut. Der Drummer bearbeitet sein Instrument, reichlich ungewöhnlich in einem Pop-Kontext, des Öfteren mit Schlagzeugbesen, der Keyboarder sorgt mit seinen Akkorden für dezent swingende Lässigkeit – dergestalt, dass das Fehlen der auf der Tonkonserve vorrätigen Streicher nicht weiter ins Gewicht fällt. Das Herz eines Singer-/Songwriters und die schwebende Leichtigkeit von gutem Easy Listening haken sich auf dem Album sehr beseelt ein, die betörenden Streicher hat Anthony Ventura (alias Werner Becker), ein Orchestermusiker der Siebzigerjahre, arrangiert.

Doch auch ohne die kleine, freundliche Geigen-Armee weht live durch Freverts Songs eine feine Form von Lässigkeit. Kluge Gedanken tappen, was allzu leicht passieren könnte, nie in die Befindlichkeitsfalle, und wie alles Gute in der populären Unterhaltungsmusik werfen die Texte von Frevert mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Im Gebäude 9 kreisen sie um schönes Leben, das Aushalten des Alltags, Treibenlassen und Getriebensein, Aussteigen und Weitermachen. Von Wolken, Wind, Wellen und den Jahreszeiten singt Niels Frevert in „Aufgewacht auf Sand“, der Song ist ein Hort der Stille, aber keinesfalls ein Zuhause für gedanklichen Stillstand. Auch wenn’s einigermaßen geradeaus läuft im Leben, so viel ist für Frevert klar, ist der Mensch mitunter auch Treibholz im Strom des Lebens: Man geht nicht unter, okay, aber wenn selbst bestimmtes Schwimmen nicht drin ist, kann auch ein Treibholz in Seenot geraten.

Faible für Haushaltsgeräte

Wenn Niels Frevert von Wolken singt oder in Liedern wie dem neuen „Waschmaschine“ und dem älteren „Tiefkühltruhe“ Haushaltsgeräte in den Gedanken-Kosmos rückt, ist das nichts Einzigartiges oder gar Neues. Sven Regener, der Sänger und Texter von Element of Crime, hat auf einem solchen Beet aus Naturvokabeln und Alltagsgegenständen ganze Liederbäume gezüchtet. Die Art und Weise, wie Niels Frevert sich im Gebäude 9 singenderweise um den Alltag und Alltägliches kümmert, ist trotzdem bemerkenswert. Weil sie voller Sehnsucht und Wehmut ist, weil sie Melancholie ohne Tristesse transportiert, und weil der Musiker ein Händchen dafür hat, kleine Momente groß rauszubringen. Noch einmal zur Erinnerung: „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ heißt das Album. Nach diesem Konzert im Gebäude 9 ist klar, dass man bei Niels Frevert jederzeit wieder einsteigen kann. Auch wenn er in elf Jahren nur dreimal mit neuen Songs vorbeikommt.



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