Von TIM STINAUER, 13.04.08, 10:46h, aktualisiert 14.04.08, 20:43h
Gegen 17 Uhr versammelten sich die ersten 70 Demonstranten auf dem Rudolfplatz. Sie hatten sich per Internet und sms verabredet. Offenbar besorgte Passanten riefen die Polizei, die mit einer Hundertschaft anrückte. Der Hohenzollernring wurde für Autos gesperrt. Derweil zogen die friedlichen Demonstranten zum Friesenplatz und entrollten ein Transparent mit der Aufschrift „Reclaim the Street - Die Verhältnisse zum Tanzen bringen - Freiräume erkämpfen und verteidigen“.
Federball und Trommeln auf der Straße
Schnell wuchs die Gruppe auf fast tausend Teilnehmer an. Vor dem Rex-Kino stellten sie ein Sofa auf die Straße. Zwei spielten Federball, andere tanzten, trommelten und schossen Feuerwerksraketen in den Himmel. Ein Globalisierungskritiker malte mit Kreide eine Sonne auf eine Hauswand und beruhigte die Umstehenden: „Das ist abwaschbar!“ Zwei andere versuchten sich mit weißer Kreide an einer Blume und schrieben „Blume“ daneben. Polizisten in Kampfuniform sahen dem Treiben zu, setzten auf Deeskalation.
Nur einmal schien die Lage brenzlig zu werden: Einige Demo-Teilnehmer hatten Holzscheite aufeinander gestapelt und ein Lagerfeuer angezündet. Als Feuerwehrmänner die Flammen löschen wollten, wurden sie von Jugendlichen bedrängt. Polizisten schoben die Störer beiseite. Erst nach Mitternacht löste sich die Versammlung auf. Festnahmen gab es keine, auf die Teilnehmer kommt aber ein Verfahren wegen Landfriedensbruch und Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz zu. Der Kripo stellt sich allerdings ein Problem: „Wir wissen nicht, wer verantwortlich ist“, sagte ein Polizeisprecher.
Genau dies ist das Prinzip der „Reclaim the streets“-Bewegung. Die Organisatoren der Spontan-Partys, die bundesweit stattfinden, melden die Veranstaltungen grundsätzlich nicht an und bleiben im Hintergrund. Ihr Konzept lautet „Organisation durch Desorganisation“, heißt es im Internet. Versuche der Polizei, eine Party zu beenden, solle man mit einer „unerwarteten Bauchtanzperfomance“ oder einem Völkerballspiel begegnen - zu der „gegebenenfalls auch die Mannschaft in Grün“ eingeladen werden solle.
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