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Dicke Erdbeeren aus der Wüste

Von TOBIAS KAUFMANN, 16.04.08, 10:22h, aktualisiert 16.04.08, 14:52h

Meere und Wüsten, grüne Hügel und trockene Täler, spirituelle Ruhe und hedonistische Vibration, gedrängt in ein Gebiet, das etwa so groß ist wie Hessen. Das macht Israel attraktiv. Von Tobias Kaufmann

Bild: Sandra Kaufmann
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Am Krater von Mitzpe Ramon
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Am Krater von Mitzpe Ramon
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In der Wüste Negev
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Die hängenden Gärten der Bahai in Haifa
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Dieses Licht. Aus der Luft gesehen - und bei gutem Wetter - scheint das Flugzeug eine kleine Ewigkeit auf den ausgestreckten Küstenstreifen zuzuschweben. In diesem Moment wirkt Israel groß. In Wirklichkeit ist das Land winzig klein. Meere und Wüsten, grüne Hügel und staubtrockene Täler, spirituelle Ruhe und hedonistische Vibration, zusammengedrängt in einem Gebiet, das nicht einmal so groß ist wie Hessen. Genau das macht es für jene Touristen attraktiv, die weder zu einer christlichen Pilgergruppe gehören noch auf Familienbesuch sind. Touristen wie uns. Wir haben ein Hotelzimmer wenige Schritte vom Strand in Tel Aviv gebucht, ein Auto gemietet und werden Israel erkunden, eine Woche lang.

SPECIAL: Reise und Urlaub

Der Verkehr von Tel Aviv sieht auf dem Stadtplan ganz einfach aus. Aber wer sich nicht auskennt, verirrt sich im Netz aus Einbahnstraßen, in denen Linksabbiegen nicht erlaubt zu sein scheint. Glücklicherweise ist die Innenstadt überschaubar - man gelangt immer wieder dorthin zurück, wo das Verwirrspiel begonnen hat. Israelis sind Weltmeister in schlechtem Autofahren. Davon lenken sie durch Hupen ab, das anstelle des Bremsens angewendet wird. Für die zwei Kilometer von der Autobahnabfahrt zum Hotel brauchen wir eine halbe Stunde. Danach geht es direkt zum Strand. Vor ein paar Stunden sind wir bei nassgrauem Nieselwetter ins Flugzeug gestiegen, jetzt essen wir im Bistro "Frishman's" weiche, würzige Falafel und schauen auf ein unverschämt blaues Meer. Das wird unser Stammplatz.

Es fehlt die Angst

Erst am nächsten Morgen, auf der Autobahn Nummer 2 an der Küste entlang Richtung Süden, fällt uns auf, was diesmal fehlt: Angst. Als ich im Winter 2001 in Israel war, habe ich in jedem Restaurant die Tür im Auge behalten. Am letzten Abend tanzten wir in Tel Aviv in der Disko. Zur selben Zeit rissen zwei palästinensische Selbstmordattentäter in Jerusalem elf Israelis mit in den Tod. Doch diesmal, sieben Jahre später, ist das Sicherheitsgefühl zurückgekehrt. Nicht nur, aber auch wegen des Zauns an der Grenze zum Westjordanland. Wer den bei deutschen Besuchern verbreiteten Trugschluss überwindet, die allgegenwärtigen Rekruten mit ihren sehr lässig getragenen Maschinenpistolen als Bedrohung zu empfinden, hat nichts, weswegen man ständig zur Tür schauen müsste. Auch deshalb erwartet die israelische Tourismusindustrie zum 60. Jubiläum der Staatsgründung einen Besucherboom.

Einer der unzähligen anderen Gründe ist der Krater Machtesch Ramon. Es ist der größte Erosionskrater in der Wüste Negev, fast 40 Kilometer lang, aber weniger steil und tief als etwa der Grand Canyon - und deshalb besser zu betrachten. Ein versteinertes Riff, als hätte eine gigantische Hand Rillen in die Landschaft gezogen. Ich vermute sogar, dass es genauso gewesen ist, als wir über das Mäuerchen der Promenade von Mizpe Ramon hinab in die Tiefe blicken. Die Steinböcke, die zum Straßenbild der Wüstensiedlung gehören, mustern uns gleichgültig und lümmeln weiter auf der Straße herum, als warteten sie auf den Bus.

Um nach Mizpe Ramon zu kommen, fuhren wir von Tel Aviv aus immer südwärts, durch Beershewa, wo wir dicke Erdbeeren, Datteln und Pita-Brot gekauft haben. Von dort sind es noch etwa 80 Kilometer durch die Negev-Wüste. Schilder warnen vor kreuzenden Kamelen. Auf den Hügeln ringsherum stehen Siedlungen der Beduinen, die schuld sind an einer Eintrübung des Wüstenpanoramas. Mülltrennung kennen die Beduinen nicht, sie werfen einfach alles in die Gegend.

Auf halbem Wege zwischen Beershewa und Mitzpe Ramon liegt Sde Boker, der Kibbuz, in den sich einst Israels Staatsgründer David Ben Gurion zurückzog. Das Haus, in dem er bis zu seinem Tod wohnte, ist heute ein Museum. Es sieht noch genauso aus wie damals, mit grünen Sesseln und Tischdeckchen. Vor dem Bett stehen Pantoffeln. Eine preisgünstige Attraktion ist es, mit der Bahn von Tel Aviv nach Jerusalem zu reisen. Fast anderthalb Stunden brauchen wir für die rund 50 Kilometer lange Strecke, auf der etwa 700 Meter Höhenunterschied überwunden werden. Erst vor drei Jahren ist die Strecke wiedereröffnet worden. Die Trasse führt zwischen Bet Shemesch und Jerusalem mitten durchs Naturschutzgebiet: Ein Flüsschen, Berge und Felsen, Esel und Vögel. Der Zug fährt hier langsam, zum Sattsehen. Er endet in der Nähe des Biblischen Zoos und des Shoppingcenters "Jerusalem Mall". Wer von hier in die Altstadt will, hat einen langen Fußmarsch bergauf vor sich - besser, er vertraut sich einem der freundlichen Taxifahrer an.

Die Altstadt spiegelt das Leuchten des Himmels in cremefarbenem Stein. Wir erkunden die Stadt erst mal von oben, nachdem uns ein leidenschaftlich telefonierender Araber im Kassenhäuschen nebenbei zwei Karten für den Mauerrundgang verkauft hat. Von der alten Stadtmauer hat man einen Ausblick über alle Viertel der Metropole. Zwischen den Wassertanks und den Satellitenschüsseln auf den Häuserdächern glitzert die goldene Kuppel des Felsendoms. Am Damaskus-tor steigen wir wieder ab und tauchen ein ins Gewimmel. Gewürze und Tand werden in den Gassen des arabischen Viertels verkauft, Lebensmittel und Spielzeug, und neben dem T-Shirt, auf dem "Free Palestine" vom Mittelmeer bis zum Jordan reicht, hängt eines mit einem israelischen Kampfjet und dem Spruch "Keine Angst, Amerika - Israel steht hinter dir!" Glaube und Geschäft, Koexistenz und Konflikt sind wohl nirgends so selbstverständlich ineinander verschränkt wie hier.

Dass nach ein paar Stunden wieder der Zug geht, macht den Tag perfekt: Von Jerusalem, das in seiner Heiligkeit glänzt und erdrückt, zurück ins coole Tel Aviv mit dem ruhelosen Nachtleben und einem Strand, an dem man morgens joggen kann, ohne Verrückten über den Weg zu laufen - wenn man in fernöstliche Übungen vertiefte Frühaufsteher zu den Normalen zählt.

"Welcome to Jordan"

Am Ende einer Woche haben wir ohne Stress so viel gesehen, wie es wohl kaum anderswo möglich wäre als in diesem frommen und säkularen, zugleich nahöstlicher und russischer werdenden jüdischen Staat voller ethnischer und religiöser Ausnahmen. Die modernen, ständig wachsenden Städte der Mittelmeerküste; die hängenden Gärten der Bahai in Haifa; das Tote Meer, den türkis glitzernden Salzsee, an dem uns gleich zwei Telefongesellschaften übereifrig mit einer SMS begrüßten: "Welcome to Jordan." Sogar ein Kitschfoto mit Sonnenuntergang am See Genezareth hat eine christliche Reisegruppe von uns gemacht. Am letzten Tag schaffen wir sogar die zwei Kilometer vom Hotel zur Autobahnauffahrt in wenigen Minuten und orientalisch selbstbewusst.



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