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68er-Debatte: „Einen Haufen Mist gemacht“

Erstellt 18.04.08, 10:05h, aktualisiert 18.04.08, 17:01h

Bei Maybrit Illner stritten sich am Donnerstagabend Mitglieder und Kritiker der 68er-Bewegung. Und gegen alle Erwartungen wurde daraus eine leidenschaftliche, sehenswerte Debatte. Von Tobias Kaufmann

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Mabritt Illner und ihre Gäste.
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Mabritt Illner und ihre Gäste.
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Fernsehmoderatorin Maybrit Illner
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Reste-Essen kann richtig lecker sein. Und manchmal kann sogar eine TV-Talkshow rundum unterhaltsam gelingen, obwohl das Thema eigentlich abgestanden ist und auch die Gäste, naja, wie übrig geblieben scheinen. Maybrit Illners ZDF-Sendung zum Thema „Die 68er: Befreier oder Zerstörer?“ am Donnerstagabend war eine dieser Ausnahmen.

Statt eines lahmen Aufgusses aus der Rubrik „Opa und Oma erzählen vom Krieg“ gab es richtig Zoff. Bettina Röhl, Tochter der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof, und die Publizistin Jutta Ditfurth fielen übereinander her als gäbe es kein Morgen mehr. „In ihren Büchern schreiben sie akribisch fantasierten Mist“, rief Röhl. Ditfurths Antwort ging im Tumult unter, bis Theater-Intendant Claus Peymann aus dem Hintergrund Röhl auf eine Art in Schutz nahm, wie man es von den 68ern gewöhnt ist: „Sie leidet halt an ihrer Mutter.“ Immer schön von oben herab, immer eine psychologisierende Erklärung im Gepäck – die im Falle Röhls allerdings vermutlich nicht von der Hand zu weisen ist.

"Einen Haufen Mist gemacht"

Der Furor jedenfalls, mit dem die Autorin die Generation der Mutter auseinander nahm, die ihre Familie dem Kampf für die Revolution geopfert hatte, enthüllte eine tragische Figur. Aber er brachte Feuer in die Runde, immer dann, wenn die in Selbstgerechtigkeit strahlende Ditfurth, der wild fabulierende Peymann oder der sorgfältig differenzierende TV-Journalist Heiner Bremer im Eigenlob über die liberalisierende Wirkung der Studentenrevolte versanken. „Die 68er haben aus einer idealen Situation einen Haufen Mist gemacht“, rief Röhl dann zum Beispiel, oder: „Der Kern der Bewegung war die Revolution, der Staatsumsturz.“

In der Rolle des abgeklärten Provokateurs überzeugte der Historiker Götz Aly. Mit seiner These, es gäbe Kontinuitäten zwischen dem anti-bürgerlichen Aufstand der jungen Nazis (den „33ern“) und der Elite der 68er-Bewegung, brachte er Peymann und Ditfurth gleich zu Beginn der Sendung in Rage. Nicht weniger als die „Relativierung des Faschismus“ warf die Ex-Grüne Aly vor.

Peymann gefiel sich als Retter des Idealismus, der ein „Plädoyer für die Revolution halten“ wollte und seine Schwäche in Sachen Fakten als Sieg der Leidenschaft interpretierte. Etwa, als er zum Thema Gewalt ausrief: „So viele Leichen lagen ja auch nicht an der Seite, das war doch alles verhältnismäßig harmlos.“

An diesen und vielen anderen Punkten trug der Chef der Unionsfraktion im Bundestag, Volker Kauder, wohltuend zur Sendung bei, indem er darauf verzichtete, Peymanns Unsinn lauthals als „Schlag ins Gesicht der Terroropfer“ zu geißeln. Vielmehr überzeugte Kauder durch Ruhe und Sachlichkeit – ohne verbergen zu können, wie sehr die Erfahrung ihn geprägt und wohl auch verletzt hat, mit Anfang 20 während der 68er-Zeit auf der anderen Seite gestanden zu haben: unter denen, die von der studentischen „Elite“ nieder gebrüllt wurden, weil sie einfach nur studieren wollten und die Zerstörung des Systems für einen Fehler hielten.

Wie persönlich dieser ideologische Streit für die Beteiligten bis heute wahrgenommen wird, zeigte sich etwa, als Kauder als Antwort auf Peymanns Lob der Leidenschaft für sich reklamierte, als Student ebenfalls leidenschaftlich gestritten und diskutiert zu haben. „Und trotzdem sind Sie nur in der CDU gelandet“, warf Ditfurth ein, woraufhin Kauder ein einziges Mal die Coolness abhanden kam. „Diese Arroganz haben sie immer noch“, faucht er.

Was die Runde auch für Nicht-Zeitzeugen so interessant machte, war zugleich auch anstrengend: Nicht nur, dass den Egomanen der Revolte Humor und Selbstironie zumeist vollkommen abgehen. Sie können darüber hinaus kein Thema debattieren, ohne alles irgendwie auf sich zu beziehen. „Sie nehmen alles persönlich“, stellte Illner denn auch erstaunt fest, als Ditfurth auf die Frage nach allgemeinen politischen Einschnitten mit ihrem damaligen Alter argumentierte. Peymann beschwerte sich, als „toller Künstler, aber sonst ein Idiot“ angesehen zu werden, obwohl es um ihn persönlich nie gegangen war. Ditfurth verwahrte sich dagegen, dass Röhl sie „persönlich“ angreife – obwohl sie selbst wenige Minuten zuvor Götz Aly höchst persönlich werdend geschulmeistert hatte: „Was du mit deinen beiden letzten Büchern gemacht hast, ist etwas, was ein Historiker nie tun darf: Du entlastest die Eliten. Und für so was kriegt man dann auch das Bundesverdienstkreuz.“ An dieser Stelle hatte sich Aly aus der Debatte aber schon weitgehend ausgeklinkt und verfolgte das Scharmützel mit einem ironischen Lächeln. Politisch erhellendes, neues ist nicht herausgekommen bei Maybrit Illner, wie erwartet. Aber die Kontrahenten schafften es, eine Stunde lang zu belegen, warum über ein ausgelutschtes Thema immer noch leidenschaftlich gestritten werden kann - selbst wenn es jüngeren Zuschauern vorgekommen sein mag wie die Actionvariante von „Oma und Opa erzählen vom Krieg“. Aber das ist ja ab und zu auch mal spannend.



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