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Vom Kühlschrank in den Mülleimer

Von KATRIN DIENER, 18.04.08, 15:08h

Der Joghurt ist einen Tag über dem Datum, die Paprika sieht ein bisschen runzlig aus, der Pudding schmeckt nicht. Schnell weg damit! Bei vielen Menschen ist die Wertschätzung für Nahrung verloren gegangen.

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Der Joghurt ist einen Tag über dem Datum, die Paprika sieht ein bisschen runzlig aus, der Pudding schmeckt nicht. Schnell weg damit! Der Weg zwischen Kühlschrank und Tonne ist kurz.

Wissenschaftler aus Wien haben nun zahlreiche Mülleimer durchwühlt - akribisch durchforsteten sie den Inhalt auf der Suche nach Essbarem. Das Ergebnis hat ein ganzes Land zum Diskutieren gebracht: In Wien wirft jeder Einwohner pro Jahr 43 Kilo Lebensmittel weg. Darunter sind nicht nur Essensreste und verdorbene Nahrung, sondern auch angebrochene oder gar original verpackte, unberührte Lebensmittel. „Unsere Untersuchungen ergaben, dass zehn Prozent der gekauften Nahrungsmitteln weggeworfen werden“, sagt Felicitas Schneider vom Wiener Institut für Abfallwirtschaft.

Auch in Deutschland ist der Umgang mit Lebensmitteln oft gedankenlos, vielleicht gerade weil noch keine Abfallstudie aufzeigte, wie viel Essen tagtäglich in die Tonne wandert. Essen gibt es hier in Hülle und Fülle, trotz gestiegener Lebensmittelpreise.

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Aber nur ein paar Flugstunden entfernt kämpfen Menschen ums Überleben, kosten für sie ein Stück Brot, eine Schale Reis ein Vermögen. Wegen explodierender Lebensmittelpreise stürzen wütende Menschen in Haiti die Regierung. Unter den steigenden Kosten leiden auch die Menschen auf den Philippinen, in Kambodscha, Niger, Senegal, Kamerun, Ägypten und Marokko. „Die Menschen sollten sich bewusst machen, wie kostbar Nahrungsmittel in anderen Ländern sind“, sagt Simone Pott, Sprecherin der Welthungerhilfe. Frischkäse in 20 verschiedenen Ausführungen, Berge mit frischem Gemüse und Obst, appetitlich präsentiert. Einkaufen macht Lust auf Essen, aufs Zugreifen - auch wenn der Kühlschrank eigentlich voll ist. Doch der unbedachte Griff hat Folgen: Die Lebensmittel werden schneller schlecht, als sie verzehrt werden können. Das Essen landet im Müll. Lebensmittel werden weggeworfen - ohne zu bedenken, wie aufwändig sie produziert wurden. „In Deutschland gibt es ein Überangebot an Lebensmitteln“, sagt Ernährungssoziologe Rudolf Brüse. „Aber nur Produkte die knapp und teuer sind, sind für die Menschen viel wert.“ In Nigeria geben Familien 73 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus. In Deutschland liegen die Ausgaben durchschnittlich bei 15 Prozent.

Doch auch Wegwerfen ist teuer. Der Studie in Österreich zu Folge kostet der schlampige Umgang mit dem Essen den Konsumenten im Jahr durchschnittlich 387 Euro. Dabei geht jedoch nicht jeder gleichsam verschwenderisch mit seiner Nahrung um. „Jüngere werfen mehr weg, Ältere haben oft eine höhere Wertschätzung für Lebensmittel, weil sie miterlebt haben, wie es ist, wenig zu haben“, sagt Schneider. Aber auch Vollzeitbeschäftigte ließen Essen eher verkommen, ebenso wie Singles. Ein Grund dafür sind die zu großen Packungen - der Zehnerpack lockt mit Dumpingpreisen.

Auch für die Supermärkte ist es nicht leicht, immer eine große Vielfalt frischer Waren bereitzu- halten. Viele spenden die Lebensmittel, die kurz vor dem Verfall stehen, an soziale Organisationen. Allein die Kölner Tafel holt monatlich 52 Tonnen Nahrungsmittel in den Geschäften ab und verteilt sie an soziale Einrichtungen. In ganz Deutschland gibt es 770 Tafeln. Auch die Kölner Lisa-Jones-Häuser erhalten überschüssige Ware von Bäckereien und Supermärkte. Alleine 180 000 Brote und Brötchen verteilen sie monatlich an Bedürftige - ein positives Zeichen.

SPECIAL: Der Wert des Essens

Aber auch außerhalb des deutschsprachigen Raumes wird fleißig weggeworfen. In Großbritannien, so das Ergebnis einer Studie, landet rund ein Drittel der gekauften Lebensmittel im Müll. Von dem Ergebnis aufgeschreckt, startete die britische Regierung die Kampagne „Wir lieben Essen und hassen Abfall“ („Love Food, Hate Waste“). In China rief ebenfalls die Regierung dazu auf, das übriggebliebene Essen im Restaurant einpacken zu lassen - auch ohne die Erklärung „für den Hund“. In Deutschland sind die sogenannten Doggy Bags nach wie vor verpönt, obwohl viele Restaurants bei ihren Kunden mit Riesenportionen punkten wollen.

Doch nicht nur der Überfluss ist schuld an dem sorglosen Umgang mit Lebensmitteln. Ein weiterer Grund ist die industrielle Entfremdung. Wir schlachten, melken und ernten nicht mehr selbst. Lebensmittel werden so verarbeitet, dass sie in ihrem Ursprung kaum noch zu erkennen sind. „Chips haben mit der Kartoffel nicht mehr viel gemeinsam“, sagt Ernährungssoziologe Brüse. „Außerdem werden nur noch die einzelnen Produktionsschritte von den Menschen wahrgenommen.“ Aus dem Supermarkt über die Pfanne auf den Teller: Lebensmittel erscheinen gesichtslos, ohne eine Vergangenheit. Wege und Entwicklungen können viele kaum erfassen. „Es ist naiv zu glauben, Distanzen zu Produkten in einer Industriegesellschaft aufheben zu können“, sagt Brüser.

Wir leben in dem Bewusstsein, dass wir alles, was wir wegwerfen, auch wieder neu kaufen können. „Unser Lebensstil ist Ausdruck davon, wie wir hier mit Ressourcen umgehen“, sagt Simone Pott, Sprecherin der Welthungerhilfe. Mehr Bewusstsein im Umgang mit Lebensmitteln fordert auch der Psycho-Analytiker und Buchautor Wilhelm Schmid-Bode: „Wenn ein Schnitzel auf dem Teller liegt, dann sollte dem Menschen auch klar sein, dass dafür ein Tier gestorben ist.“

Ein ganzer Laib Brot, Eier oder Joghurts, deren Verfallsdatum noch nicht erreicht war - die Menge an frischen Lebensmitteln in den Mülltonnen ihrer Mitbürger überraschte selbst die österreichischen Wissenschaftler. „Wir hoffen“, sagt Felicitas Schneider „dass wir die Menschen durch die Ergebnisse ein bisschen sensibilisieren können.“



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