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Blutleere Diskussion bei Anne Will

Von RAINER BRAUN, 27.04.08, 23:48h, aktualisiert 28.04.08, 14:23h

„Arme ärmer, Reiche reicher“. Was hätte man aus diesem Thema alles machen können. Doch Moderatorin Anne Will fehlte (wieder) Temperament und Mut zur Provokation, meint Rainer Braun.

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Anne Will - Arme ärmer, Reiche reicher - Deutschland im Verteilungskampf (ARD, 27.04./21.45 Uhr)

„Wir haben noch keine Minute darüber geredet, dass Reiche immer reicher werden“, beklagte Rudolf Hickel, als die Sendung schon fast vorbei war. Die Kritik des prominenten Ökonomen vom "Institut für Arbeit und Wirtschaft" kam nicht von ungefähr. nach 50 Minuten. Schließlich hatte Anne Will zum Disput unter dem etwas martialischen Titel „Arme ärmer, Reiche reicher – Deutschland im Verteilungskampf“ geladen.

Die ersten 50 Minuten konnte man sich freilich des Eindrucks kaum erwehren, dass eigentlich nur darüber diskutiert wurde, was arm sein in Deutschland heißt und ob es sinnvoller sei, Hartz IV zu erhöhen oder Mindestlöhne einzuführen.

Anne Will machte denn auch gar nicht erst den Versuch, die Kritik von Hickel an der Schieflage der Diskussion zu entkräften, sondern bewies Schlagfertigkeit: „Das war eine astreine Anmoderation für den nächsten Einspieler“. Der thematisierte denn auch prompt die Steuermoral der Besserverdienenden, hohe Managergehälter und die Steuerpolitik der letzten Bundesregierungen. Mehr als zu einer kurzen Kontroverse zwischen Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) und dem NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) reichte die Zeit dann allerdings nicht mehr. Das war schon deshalb schade, weil sich so einmal mehr das schale Gefühl einstellte, dass aus der durchaus illustren Runde mehr zu machen gewesen wäre, wenn die Will-Crew insgesamt souveräner agieren würde.

Das begann diesmal schon bei der Moderatorin, die – wie Hickel korrekt anmerkte - offensichtlich den Titel ihrer eigenen Sendung nicht ernst nahm oder ihn dramaturgisch nicht ausfüllen konnte. Denn jenseits der üblichen statistischen Prosa um die Begriffe relativer und absoluter Armut, mochte keiner in der Runde dem Fakt widersprechen, dass die Schere zwischen Arm und Reich in den letzten Jahren weiter auseinander gegangen ist. Hier erwies sich als weiteres Manko der Will-Truppe, dass zu viele Zahlen referiert werden, die doch auch grafisch unterstützt werden könnten. Wer weiß morgen schon noch, dass in NRW jedes vierte, aber in Berlin schon jetzt jedes dritte Kind in relativer Armut aufwächst?

Was es wiederum bedeutet, mit Hartz IV sein Leben zu fristen, konnten gleichermaßen plastisch Ilka Bessin alias "Cindy aus Marzahn" und Edith Funke beschreiben, die seit Jahren die "Dresdener Tafel" für Bedürftige leitet. Kein Zufall war es deshalb auch, dass die couragierte Sächsin schon bei Halbzeit dem aktuellen Sonntags-Talk ein ziemlich vernichtendes Urteil ausstellte. „Ich kann der Diskussion hier nicht viel abgewinnen, weil Bedürftige wie Schachfiguren und statistische Größen hin- und her geschoben werden“, lautete ihr Verdikt. Statt blutleer und abstrakt über Menschen und deren Schicksale zu reden, mahnte sie an, die Würde der Betroffenen nicht zu vergessen.

Diese Einschätzung war schon deshalb nachzuvollziehen, weil einmal mehr männliche Besserverdiener ziemlich abstrakt über das Elend anderer redeten, während die beiden Frauen in der Runde gewissermaßen für das soziale Gewissen standen, zumal sowohl Funke als auch Bessin jahrelang von Arbeitslosigkeit betroffen waren. Wo die Rollen übersichtlich verteilt waren, musste sich der Ertrag für die Zuschauer in Grenzen halten, da Anne Will auch diesmal das Temperament und der Mut zur Provokation fehlte. Denn natürlich hätte man pointierter nachfragen können, warum der Staat mit Lohnsubventionen letztlich die Gewinne von Unternehmern fördert, die auf Billigarbeit setzen.

Und man hätte auch fragen können, wie es um die Moral einer Leistungsgesellschaft bestellt ist, deren Bankmanager gerade 12 Milliarden Euro in den Sand gesetzt haben und persönlich trotzdem weich fallen. Aber das wäre eine andere Talk-Sendung gewesen als das, was wir so oft sonntags geboten bekommen.



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