Von JULIA HOHENADEL, 30.04.08, 21:32h
Siegburg - Ein zweiter Selbstmord in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Siegburg innerhalb von vier Tagen hat gestern Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter veranlasst, Spezialisten nach Siegburg zu holen. Nach ihrer persönlichen Information im Gefängnis teilte sie die Tatumstände in einer Pressekonferenz mit: Am frühen Morgen um sechs Uhr sei ein Häftling in seiner Zelle tot aufgefunden worden. Der 20-Jährige hatte sich offenbar erhängt. Hinweise auf sein Vorhaben, so die Ministerin, habe es zuvor nicht gegeben. Bereits am Sonntag hatte sich ein 19-Jähriger in seiner Zelle an einer selbst gebastelten Vorrichtung erhängt.
Der 20-Jährige, der sich Mittwochmorgen das Leben nahm, war Ende 2006 festgenommen worden, nachdem er seine Freundin getötet hatte. Kurz danach soll er versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Wegen akuter Selbstmordgefahr war der damals 18-Jährige deshalb in das Justizvollzugskrankenhaus in Fröndenberg gebracht worden, wo er psychologisch und psychiatrisch betreut wurde.
Abschiedsbrief geschriebenDer junge Mann hinterließ einen Abschiedsbrief, in dem laut Ministerin von persönlichen Problemen die Rede ist, die er seit seinem zwölften Lebensjahr gehabt habe. Irgendwann, so seine letzten Zeilen, habe es zum Selbstmord kommen müssen, „jetzt ist es so weit.“
Die Ministerin kündigte die Verlegung eines Kriseninterventionsteams aus der JVA Bielefeld nach Siegburg an. Dabei handele es sich um Justizvollzugsbeamte, die sich auf den Umgang mit posttraumatisch Gestörten spezialisiert haben. Auch solle das Psychologenteam der JVA Siegburg befristet um vier weitere Psychologen verstärkt werden. „Wir wollen vermeiden, dass es zu Nachahmungstaten kommt“, führte Müller-Piepenkötter aus. So sei aus einem Düsseldorfer Gefängnis bekannt, dass es nach einem Suizid zu einer Welle weiterer Selbstmordversuche gekommen sei. Ziel sei es, den rund 500 Strafgefangenen über intensive Gespräche Zukunftsperspektiven zu vermitteln.
Die JVA Siegburg war 2006 bundesweit in die Schlagzeilen geraten, nachdem drei Inhaftierte einen Mithäftling zu Tode gequält hatten. Ein Untersuchungsausschuss des Landtags ermittelt seit über einem Jahr die Hintergründe. Während die CDU-Fraktion am Mittwoch die schnelle Reaktion der Ministerin lobte, forderten SPD und Grüne eine „lückenlose Aufklärung“ dieser „Häufung von Selbstmorden“ und eine Information durch die Ministerin im Rechtsausschuss.
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