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Viele coole Sprüche, wenig Zukunft

Von DIRK RISSE, 09.05.08, 21:29h

"wir helfen" berichtet aus dem Arrest. Im Freizeitarrest an der Luxemburger Straße schnuppern 600 Jugendliche pro Jahr für ein Wochenende Knastluft. Die Betreuung übernimmt der Sozialdienst Katholischer Männer.

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Hinter Gittern - und sei es nur für ein Wochenende - wird die Zeit lang.
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Hinter Gittern - und sei es nur für ein Wochenende - wird die Zeit lang.
Arrestzelle Landgericht Köln
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Eine Arrestzelle an der Luxemburger Straße. (Archivbild: Hennes)
Arrestzelle Landgericht Köln

Köln - Die Welt von Martin ist überschaubar geworden. Sechs Schritte bis zum vergitterten Fenster, drei Schritte bis zur Zellenwand. Dazu ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett, drei Mahlzeiten am Tag und dazwischen viele Portionen Langeweile. Die Nächte sind am schlimmsten, sagt Martin. „Da liege ich wach auf dem Bett und starre an die braune Decke, bis mir der Rücken wehtut.“ Dann lieber lesen: Sarah Strotmeyers Krimi hat der 20-jährige Siegburger in der letzten Nacht geschmökert. Das Buch liegt noch vor ihm. Titel: „Mord war erst der Anfang.“

33 Stunden Schnupperknast im Wochenendarrest. 33 Stunden ohne MP3-Player, Handy und Internet. Wenn im Justizzentrum an der Luxemburger Straße die Richter längst ihre Roben abgelegt und die Putzfrauen durch die Räume gewischt haben, geht im Keller des Amtsgerichts das Licht an. Dann rücken die Jungs in die mit 26 Zellen größte Freizeit-Arrestanstalt Nordrhein-Westfalens ein. Jungs mit kleinen Straftaten auf dem Buckel, vielen coolen Sprüchen auf den Lippen und wenig Zukunft im Herzen. Von samstagmorgens, 8 Uhr, bis sonntagabends, 17 Uhr, schnuppern die Jugendlichen ein Wochenende lang Knastluft - letztes Jahr waren es 600. 33 Stunden zum Nachdenken, ein bisschen Abschreckung zum Frühstück.

Martin sitzt wegen Schwarzfahrens im Arrest. Zweimal ist er ohne Ticket zur Arbeit gefahren. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit, räumt er später ein. Davor gab es noch die Sache mit dem Auto. Da ist er betrunken zur Döner-Bude gerollt. Nur 300 Meter, aber ohne Führerschein. Metin (18) haben sie an der Schule geschnappt, als er wieder „Gras verticken“ wollte, und den Aachener Rachid (18), als er sich mit einem Busfahrer prügelte. „Der hatte einen schlechten Tag und ich auch“, sagt der 18-Jährige und ärgert sich. Eigentlich hatte er an dem Morgen auf dem Trödelmarkt arbeiten wollen.

Auch Wachtmeister Karl Ernst Müller wäre an diesem Wochenende lieber nicht im Jugendarrest, sondern zum Angeln gefahren. Nirgendwo beißen die Fische so gut wie in seinem Heimatbach in Wittlich in der Eifel, sagt er. Besonders die Äschen und die Forellen. Aber mit dem Fischen wird es an diesem Sonntag nichts. Müller, der eigentlich im Bereich Materialwaren im Justizzentrum arbeitet, wird stattdessen zum Wächter auf Zeit. Jugendliche statt Forellen. Nun ja, er nimmt's mit Humor, trotz der kargen 47 Cent pro Stunde Zusatzlohn und ein paar Freistunden. Nur, wenn er auf die Jungs zu sprechen kommt, wird er bestimmt: „Bei 90 Prozent nützt der Arrest nichts, die sehen wir bald wieder.“ Jugendrichter und Anstaltschef Michael Klein beurteilt das gar nicht viel anders: Kriminologen wiesen auf die hohen Rückfallquoten der Arrestanten hin, sagt Klein. Alternativen gäbe es freilich keine. „Für viele hier ist das die letzte Chance.“ Aber die zu nutzen ist schwer, wenn das Umfeld nicht stimmt, wenn die Mütter und Väter keinen Job haben und sich noch um 10 Uhr morgens im Bett lümmeln und wenn die einzige Kommunikationsform zu Hause die Gewalt ist.

Paragraf 90 des Jugendgerichtsgesetzes schreibt pädagogische Maßnahmen für die Jugendlichen während des Arrests vor. In kleineren Anstalten, etwa in Westfalen, waschen die Jungs schon mal den Wagen des Amtsrichters oder jäten ein bisschen Unkraut. Die Kölner Einrichtung ist immerhin so groß, dass der Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) vorbeischaut, um mit den Arrestanten zu sprechen.

Zweimal an diesem Wochenende kommen Antonia Torras und Jürgen Enger mit den Jugendlichen ins Gespräch. Dann geht es darum, wie man am besten Sozialstunden abbauen kann, wie man klugerweise vor dem Richter auftritt und dass es im richtigen Knast in Ossendorf noch viel schlimmer ist, „weil da nicht die Leute sitzen, die Oma über die Straße helfen“. Illusionen über den Erfolg des Jugendarrests macht sich auch Enger nicht. „Aber Arrest mit Gesprächen ist viel besser als ohne.“ Immerhin können die Mitarbeiter Tipps zu Drogenberatung und Jobvermittlung geben. Manchmal tut es auch ein persönlicher Ratschlag, manchmal reicht schon zuhören. Einfach zuhören.

Martin motzt über das schlechte Arrest-Essen, über das Brot, das „wie Staub schmeckt“. Metin träumt davon, seinen Realschulabschluss nachzuholen und einmal als Kfz-Mechatroniker zu arbeiten. Rachid, der von sich sagt, dass er schon mal 23 Stunden nonstop telefoniert und sein Handy nun vermisst, hat stattdessen eine kleine Firma im Visier. Medizinische Instrumente wie Stethoskope und Skalpelle will er in seiner Heimat Pakistan billig einkaufen und in Deutschland übers Internet anbieten. 80 Prozent des medizinischen Zubehörs für Ärzte weltweit würden in Pakistan produziert - zu Spottpreisen.

Am Ende packen die beiden SKM-Mitarbeiter zwei Taschen mit Äpfeln aus. Martin will einen roten, dem Rest ist die Farbe schnuppe, Hauptsache: kein staubiges Brot. Und dann geschieht ein kleines Wunder. Ein Moment der Stille. Sieben Jungs und kein Wort, nur das Geräusch knackender Früchte.

Die nächste „wir helfen“-Seite erscheint am 14. Mai.



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Hedwig Neven DuMontHedwig Neven DuMont

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