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Fünf Minuten pro Patient

Von BEATRIX LAMPE, 14.05.08, 20:40h, aktualisiert 14.05.08, 21:12h

Eine Krankenpflegerin schildert den Stationsalltag mit immer weniger Zeit für immer mehr Patienten. Überlastete Krankenhaus-Mitarbeiter demonstrieren für "menschenwürdige Pflege".

Bild: Rakoczy
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Immer in Eile: Krankenpflegerin Carmen Jansen
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Immer in Eile: Krankenpflegerin Carmen Jansen
Früh um sieben steht Carmen Jansen vor einer Rechenaufgabe, die kaum zu lösen ist: Bis acht Uhr muss sie laut Dienstplan zwölf schwer kranke Patienten ihres Pflegebereichs „mobilisiert“ haben. Wecken, Puls und Blutdruck messen, beim Aufstehen und beim Gang zur Toilette helfen, Diabetikern den Blutzucker messen und Insulin spritzen. Schnell, schneller jetzt, aber bloß nicht drängeln, denn für die Patienten soll der Morgen doch gut beginnen. Wenn allerdings um viertel vor acht erst die Hälfte der Patienten in ihrem Pflegebereich versorgt ist, muss Carmen Jansen sich um äußere Ruhe bemühen. Die Zeit sitzt ihr im Nacken. Um acht Uhr muss sie den Kranken das Frühstück bringen, sonst gerät der Tagesplan aus den Fugen, zulasten der Patienten.

„Fünf Minuten am Morgen pro Patient sind sehr, sehr knapp bemessen“, sagt die examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, die im Krankenhaus Holweide in der onkologischen Station A 6 arbeitet. „Für die ganzheitliche Krankenpflege, die außer der Grundversorgung auch das seelische Wohl einbezieht, bleibt da wirklich keine Zeit.“

Für eine „menschenwürdige Pflege“ und gegen den Stellenabbau in der Pflege wollen Carmen Jansen und viele ihrer Kolleginnen und Kollegen aus Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen in der Region am Samstag demonstrieren. „Die Bundesregierung muss erkennen, wie bedrückend die Realität in der Pflege heute schon aussieht - und dass die Gesundheitspolitik die Pflege nicht zu Tode sparen darf.“

Seit Carmen Jansen 1986 ihre Ausbildung begann, hat sich die Pflege drastisch verändert. „Die Patienten sind kürzer im Krankenhaus, deswegen ist der Anteil derer, die beispielsweise selbst aufstehen und weniger Hilfe brauchen, jetzt viel geringer“, sagt sie. Die Menschen werden immer älter, auch das führe zu einem größeren Anteil hochgradig pflegebedürftiger Patienten. Trotzdem sinke die Zahl der Mitarbeiter in der Pflege.

Qualität verschlechtert sich

Laut einer Untersuchung des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung wurden seit 1995 48 000 Pflege-Stellen abgebaut, aber eine Million Patienten mehr behandelt. Die Patientenquote pro Pflegekraft habe sich um fast ein Viertel erhöht. „Die Krankenhäuser sparen nicht freiwillig, sie werden durch Fallpauschalen und Budgetierung dazu gezwungen“, bedauert die im Betriebsrat aktive Pflegerin. Das führe zwangsläufig dazu, dass die Qualität sich verschlechtere - obwohl engagierte Mitarbeiter sich sehr bemühten, die Patienten die Mängel nicht allzu deutlich spüren zu lassen. „Allein in den städtischen Kliniken haben die Pflegemitarbeiter im Jahr 2006 30 000 Überstunden geleistet“, betont Jansen.

Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie schnell sich Überstundenberge aufbauen. Wenn nur eine Kollegin Urlaub hat oder krank wird, sind statt der vier Examinierten im Frühdienst dann nur drei für 38 Patienten zuständig. Das Vormittagsprogramm mit Bestückung von Pflegewagen, Körperpflege, Medikamentenverteilung, Koordination von Untersuchungen samt Transportdiensten zu anderen Stationen, Infusionen, Überwachung von Chemotherapie-Patienten, Aufnahme und Entlassungen, Fall-Dokumentation, Absprachen mit Ärzten, Essensverteilung und Hilfe beim Essen ist dann bis zum Schichtwechsel um 13.30 Uhr kaum zu schaffen. „Und das ist nur das normale Programm, ohne Notfälle und aufwändige Zusatzaufgaben, wie sie bei Patienten mit multiresistenten Erregern auftreten“, schildert Carmen Jansen. In solchen Fällen müssen die Pfleger erheblichen Hygieneaufwand betreiben - im Wettlauf mit der Uhr.

Keine Zeit für Gespräche

„Für längere Gespräche mit Patienten, die gerade in einer onkologischen Station so wichtig sind, bleibt da keine Zeit - seelische Unterstützung ist nicht refinanzierbar, die hat die Politik nicht vorgesehen“, beklagt die erfahrene Schwester. Die Demonstration am Samstag solle auch Patienten und Angehörige mobilisieren. „Jeder kann krank werden und auf Hilfe angewiesen sein“, sagt Jansen. „Wenn wir jetzt nicht gegensteuern, werden sich bald nur noch wenige Kranke die Art von Hilfe leisten können, die eigentlich jeder bekommen müsste.“

Demonstration „für menschenwürdige Pflege“, Samstag, 17. Mai, 12 Uhr, Apostelnkloster; Kundgebung um 13 Uhr auf dem Roncalliplatz am Dom; Veranstalter: Betriebs- und Personalräte sowie Mitarbeitervertretungen aus Krankenhäusern, Heimen und Pflegediensten



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