Von PETER BERGER, 14.05.08, 17:46h, aktualisiert 15.05.08, 10:47h
Am Ende hat es den Anschein, als ginge es darum, einem kölschen Begriff zu neuem Ansehen zu verhelfen. Klüngel, behauptet der Journalist und Politikwissenschaftler Frank Überall bei der Vorstellung seines Buchs „Der Klüngel in der politischen Kultur Kölns“, sei vom Grundsatz nichts Anrüchiges, habe mit Vetternwirtschaft, Filz oder gar Korruption nichts zu tun. Im Gegenteil: „Klüngel ist demokratisch“, sagt Überall. Solange es um Nachbarschaftshilfe, um das Schaffen von Netzwerken gehe, sei er etwas Positives.
Ihm sei bewusst, dass er mit dieser Haltung auf Widerstand stoße. Und genau so kommt es in der Diskussion auf Einladung des „Kölner Stadt-Anzeiger“ am Dienstag im studio dumont. Paul Bauwens-Adenauer, Präsident der Industrie- und Handelskammer, vermisst die Trennschärfe. Klüngel könne auch bedeuten, „alle geben sich die Hand, und für jeden ist was drin“. Konstantin Neven DuMont, Geschäftsführer des Verlags M. Du Mont Schauberg, hält nichts davon, den Begriff zu verharmlosen. Im Prinzip sei es „etwas Negatives, wenn hinter verschlossenen Türen geredet wird“. Man habe in Köln leidvoll erfahren müssen, „wie über Jahre Ämter verschachert und die Posten nicht an die Besten vergeben wurden, sondern mal an einen von der SPD und dann wieder an einen von der CDU“. Das sei zwar nicht illegal gewesen, aber extrem schädlich für Köln. „Geheime Absprachen haben mit Demokratie nichts zu tun.“ Vielmehr müsse es darum gehen, möglichst viele Menschen in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen. „Das haben wir beim Verbot für die Volkssitzung auf dem Neumarkt gesehen“, so Neven DuMont. „Da wurde eine Entscheidung gefällt - und die Betroffenen waren nicht beteiligt.“
In der Theorie des Politikwissenschaftlers Überall passen Klüngel und breite Beteiligung durchaus zusammen. Seine These: Transparenz sei das Mittel gegen negativen Klüngel. Genau die habe bei allen strittigen Entscheidungen gefehlt, die der Kölner Stadtrat gefällt habe. Das gelte für den Bau der Kölnarena, der Müllverbrennungsanlage und der Messehallen. „All diese Großprojekte haben eines gemeinsam: Es musste immer alles sehr schnell gehen.“ Alternativen seien unter dem Vorwand der Dringlichkeit gar nicht diskutiert worden. Überall spricht von der „organisierten Unverantwortlichkeit“ im Rathaus. „Es ist die Bringschuld einer Stadtverwaltung, bei allen Vorlagen auch Minderheitenmeinungen aufzuzeigen und Debatten zu ermöglichen.“ Von ehrenamtlichen Ratsmitgliedern könne man nicht erwarten, diese Dinge zu erarbeiten.
Ein Punkt, an dem Überall und der IHK-Präsident mal einer Meinung sind. „Wir brauchen Vollprofis im Stadtrat“, fordert Bauwens-Adenauer. Eine Millionenstadt lasse sich nicht ehrenamtlich führen. An diesem Punkt schaltet sich Kabarettist Heinrich Pachl ein. „Hier wird über Klüngel so diskutiert, dass wir die Trennschärfe zur Korruption verlieren. Die gibt es aber.“ Als negativen Klüngel, so Pachl, müsse man jede Entscheidung bezeichnen, „bei der sich zwei zulasten eines Dritten einigen“.
Doch ist Klüngel tatsächlich etwas Köln-Spezifisches? Überall behauptet das, „schließlich sind wir die einzige Stadt, die einen eigenen Begriff dafür geprägt hat“. Klüngel sei der Ausfluss einer „Drink doch ene mit“-Mentalität und deshalb von großer Unverbindlichkeit. „Sie müssen nicht glauben, dass derjenige, der Ihnen gestern ein Kölsch ausgegeben hat, Sie heute noch kennt.“ Klüngel bedeute „sich schätzen und einschätzen lernen“, und schon der inzwischen verstorbene Klüngel-Experte und Soziologe Professor Erwin Scheuch habe davor gewarnt, dass Klüngel immer dann gefährlich werde, wenn die Frage auftaucht: „Welche Dankesschulden habe ich gerade angehäuft?“
„Blicken wir zehn Jahre nach vorn!“, fordert Moderator Franz Sommerfeld, Chefredakteur des „Kölner Stadt-Anzeiger“, die Runde auf: „Wo wird der Klüngel dann stehen?“ Köln sei auf keinem schlechten Weg, glaubt Bauwens-Adenauer. Die Kölner seien kritischer geworden. Für Konstantin Neven DuMont ist die Stadt längst besser als ihr Ruf, dazu hätten die Bürger sehr viel beigetragen. „Sie müssen darauf achten, dass politische Entscheidungen nicht nur legal, sondern auch moralisch-ethisch einwandfrei sind.
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