Von JESSICA DÜSTER, 16.05.08, 22:48h
Die Nazischergen stehen stramm, der „Führer“ erscheint und beantwortet den Hitlergruß unkonventionell: „Ich heil mich selbst.“ Während die Zuschauer in Gelächter ausbrechen, stürmt der Regisseur die Bühne und fährt dem Schauspieler in die Parade. Dessen Kollege Grünberg aber weiß: „Einen Lacher soll man nie verachten.“
Die Eröffnung ist fast eins zu eins aus Ernst Lubitschs Filmkomödie „Sein oder Nichtsein“ (1942) übernommen und macht in Rüdiger Papes Inszenierung kurzen Prozess mit einer alten Debatte. Über Hitler lachen? Dass man das darf, darüber besteht heute ein breiter Konsens. Dass man kann, zeigen schon die ersten Minuten im vollbesetzten Millowitsch-Theater in Köln. Souverän zurrt Pape die verschachtelten Handlungsebenen zusammen: Die Satire um eine polnische Theatergruppe, die 1939 eine antifaschistische Farce probt, auf den „Hamlet“ ausweichen muss und schließlich nach allen Regeln der (Bühnen)- Kunst die Gestapo austrickst, ist vielschichtig. Neben der Entlarvung von Naziritualen als faulem Zauber steht das Lustspiel um Josef und Maria Tura, den Ensemble-Stars, deren Ehe durch einen jungen Verehrer ins Schlingern gerät. Und, klar: Der Stoff bietet reichlich Gelegenheit, Empfindlichkeiten und Größenwahn der Theaterwelt aufs Korn zu nehmen.
Eine von vielen guten Regieeinfällen ist es, den Galan Marias (überzeugend: Tobias Licht) im Publikum zu platzieren. Hier verharrt er still, bis auf der Bühne Josef (großartig: Georg B. Lenzen) im albernen Hamlet-Kostüm mit dem Schädel in der Hand zum berühmten Monolog anhebt, und drängelt sich dann hinaus - was den Mimen zutiefst erschüttert. Überhaupt nutzt Pape auch den Zuschauerraum für sein Spiel-im-Spiel, lässt die Darsteller hier und dort auftauchen und durchbricht so die klassische Illusionstheatersituation, die er zugleich durch ein aufwendiges Bühnenbild (Petra Buchholz) und zahlreiche Wechsel der detailgetreuen Kostüme (Regina Rösing) gezielt aufbaut.
Mit der üppigen Ausstattung und einem starken, vierzehnköpfigen Ensemble plus drei fabelhaften Musikern ist die gelungene Kooperation der freien Häuser Keller und Bauturm - deren Leiter als „Höllenhunde“ der SS einen amüsanten Kurzauftritt bekommen - im Volkstheater nicht nur aus logistischen Gründen am richtigen Ort. Er unterstreicht das Boulevardeske der temporeichen, zweieinhalbstündigen Inszenierung mit ihren spritzigen Wortgefechten und schrägen Figuren wie dem von Pelle Pershing herrlich hyperventilierend gespielten Garderobier Sascha.
Nach der Pause, als das Spiel von Dirk Bachs schrill überzeichneter Karikatur „Konzentrationslager-Erhardt“ und dessen Blitzableiter „Schuuulze“ (Jonathan Briefs) dominiert wird, wechselt der Grundton ein wenig zu stark ins Slapstickhafte. Lacher - darauf scheint es dieser Produktion anzukommen - sind eben nicht zu verachten, wenn man dem Grauen beikommen will. Stürmischer Premierenapplaus.
Weitere Aufführungen: Bis 11. Juni täglich außer montags, 20 Uhr.
www.seinodernichtsein-koeln.de
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