Von SUSANNE HENGESBACH, 16.05.08, 22:36h
Zunächst sei zu berücksichtigen, dass die meisten Delikte gar nicht bekannt und 80 Prozent derer, die an die Öffentlichkeit gelangten, durch Anzeigen der Opfer an die Polizei übermittelt würden. Wenn heute eine Zunahme von Anzeigen zu beobachten sei, spreche dies jedoch nicht automatisch für eine zunehmende Täterzahl. Klar ließe sich sagen, dass die „Gewalttoleranz geringer“ geworden sei. Mobbing und Stalking, was es immer - nur nicht unter diesem Begriff - gegeben habe, würden nicht länger hingenommen. Das Gleiche träfe für häusliche Gewalt zu, wo jeder Fall, ob vom Opfer gewünscht oder nicht, „automatisch zur Anzeige gebracht“ werde. Auch das gewachsene Selbstbewusstsein bei Frauen habe dazu geführt, dass mehr Delikte angezeigt, aber nicht unbedingt mehr Delikte begangen würden.
Im Gegenteil: Bei der Kriminalitätsentwicklung sei sogar festzustellen, dass es bei einigen Delikten, wie etwa dem Raub, „seit Ende der 90er Jahre keinen Anstieg gab“. Anders die Entwicklung bei den Straftaten mit Körperverletzung. Hier sei ein kontinuierlicher Anstieg zu verzeichnen - extrem deutlich aber vor allem im Bereich der leichten Verletzungen, was dem Eindruck der immer brutaler werdenden Täter widerspreche. „Irreführende Angaben“ enthalte die Polizeistatistik auch über die Beteiligung von Ausländern bei Straftaten. Hier sei der Anteil teils sogar rückläufig.
Dass vor allem im Zusammenhang mit medial aufgebauschten Fällen regelmäßig der Ruf nach härteren Strafen laut wird, hält der Kriminologe für falsch. Rückfallstatistiken belegten: „Je schärfer die Sanktionen, desto höher die Rückfallgefahr. Die Erwartung, mit mehr Strenge größere Erfolge zu erzielen, sei also unzutreffend. Das gelte insbesondere für junge Straffällige. „Je weniger man zu verlieren hat, desto mehr steigt die Risikobereitschaft an, und die Tat wird attraktiver“, betont Walter, der nichts davon hält, jungen Delinquenten „die ganze Zukunft zu verbauen“. Er ist vielmehr überzeugt, dass die Palette der unterschiedlichen Präventivmaßnahmen, die seiner Ansicht nach „die adäquate Antwort auf das Gewaltproblem“ darstellten, noch nicht ausgereift sei. „Wir sind mit dem Latein noch lange nicht am Ende, sondern müssen die Möglichkeiten, die wir haben, besser nutzen als bisher. Und wir müssen Menschen Mut machen, sich in diesem Bereich zu engagieren.“
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