Erstellt 20.05.08, 15:36h
Das Überraschende: Die Aufnahme stammt aus Kabul. Wir sind andere Bilder aus Afghanistan gewohnt: Attentate, Attacken, Leichen zählen, Drogenbarone. Oder in europäischen Parlamenten Blut-Schweiß-und-Tränen-Reden über die westlichen Werte, die am Hindukusch verteidigt werden müssen.
Es gibt aber auch das andere Afghanistan, das weder in den Klischees des Schönen und Exotischen noch in der Darstellung aktueller, schneller TV-Bilder aufgeht. Wir sehen Bilder, die mehr Zeit und eine größere Nähe benötigen - beim Betrachter wie beim Fotografen.
Massoud Hossaini, und Farzana Wahidy sind zwei afghanische Bildjournalisten, die in ihrer Heimat ausgebildet wurden und mittlerweile Beachtung auch im Ausland finden. Übrigens auch Folge einer professionellen Fotoausrüstung, die sie technisch auf Augenhöhe mit den westlichen Kollegen bringt. Gemeinsam mit dem Amerikaner David Bathgate und dem Deutschen Martin Gerner versuchen sie, das „Trugbild“, die „Lebenslügen“ im Westen über das Land am Hindukusch zu korrigieren. „Unsere Bilderwelt über Afghanistan ist geprägt von Burkas, Bärtigen, Bettlern und Bewaffneten“, sagt der Kölner Martin Gerner, der in Kabul Journalisten ausbildet. „Dazu der Krieg am Hindukusch unter Beteiligung der Bundeswehr.“ Für Gerner ist dies „ein Zerrbild“ der Wirklichkeit, die auf Bildschirmen und Zeitungsseiten meist von Isaf-Soldaten bestimmt wird. „Als ich das letzte Mal in Kabul war, ist mir erst nach vier Tagen der erste Panzer aufgefallen“, erzählt Gerner dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.
Medialer Kollateralschaden: Diese militärische Fixierung in den Bildern degradiert die Einheimischen zu Zaungästen, allenfalls exotisch-schmückendem Beiwerk. „Nicht berichtet wird über den Alltag, das Selbstbewusstsein oder die Lebenslust der Menschen, die es trotz aller Widrigkeiten gibt.“ Gerner erzählt von der Wärme, der Gastfreundschaft, dem - natürlich auch gefährlichen - Stolz der Afghanen. Ein anderer blinder Fleck sind die Parallelwelten, in denen Ausländer und Afghanen in Kabul leben. Gerner empört sich über Hinweisschilder wie „No Afghans in this restaurant“. Fast schon absurd die Aufnahme, die einen afghanischen Caddie von westlichen Golfern zeigt.
Die vier Fotografen haben eine Ausstellung ihrer Fotografien „Unfinished Business - Afghanistan aus dem Blick des Anderen“ genannt. Unvollendet, unvollkommen sind für Gerner auch die Anstrengungen der internationalen Staatengemeinschaft. Wobei es nicht um eine moralinsaure Abrechnung mit westlicher Überheblichkeit geht, sondern um eine unsentimentale Annäherung an das alltägliche (Über-)Leben.
Bilder von lachenden Afghanen gehören vielleicht noch zu den Tabus, zumindest zu den Überraschungen.
Die Fotoausstellung „Unfinished Business - Afghanistan aus dem Blick des Anderen" wurde bislang nur in Berlin in der Heinrich-Böll-Stiftung gezeigt. Demnächst soll sie auch in Kabul zu sehen sein. Interessierte in Köln können immerhin einen Katalog in der Buchhandlung Walther König, Ehrenstraße 4, für 18 Euro erwerben. (tg)
DIE FOTOGRAFEN
Martin Gerner, freier Journalist aus Köln, ist seit dem Jahr 2004 in Afghanistan als Ausbilder von Journalisten und Medienberater tätig. Davor war er Redakteur des Deutschlandfunks und schrieb für Zeitungen.
Farzana Wahidy, 1984 in Kandahar geboren, lebt in Kabul. Sie begann 2002 zu fotografieren, wurde ausgebildet von der Medienorganisation Aïna. Derzeit verdient sie als freischaffende Fotografin ihren Lebensunterhalt.
Massoud Hossaini wurde 1980 in Kabul geboren, wo er auch lebt. Wie Frazana Wahidy erlernte er sein "Handwerk" in der Medienorganisation Aïna. Derzeit arbeitet er für ausländische Magazine und Fotoagenturen.
David Bathgate studierte Anthropologie und Journalismus. Von 1993 an konzentrierte er sich auf die fotografische Arbeit. Schließlich begann er auch, Fotografen auszubilden, unter anderem bei der Aïna in Kabul.
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