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Ernährung

Wasserhahn statt Flaschenwahn

Von NINA SCHMEDDING, 29.05.08, 17:24h, aktualisiert 17.08.11, 10:27h

Der Verbrauch von Mineralwasser boomt. Jeder Deutsche trinkt jährlich 130 Liter. Dabei reicht Leitungswasser aus. Kein Lebensmittel ist hierzulande besser kontrolliert und es schont die Umwelt.

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Elegante, blau getönte Glasflaschen, die suggerieren: Das Mineralwasser darin ist mehr als ein Durstlöscher. Mit der Flüssigkeit wird eine ganze Lebensphilosophie verkauft - es steht für Wellness, Vitalität und Gesundheit. Ob direkt aus der Quelle in Norwegen oder eingeflogen von den Fidschi-Inseln: Neben den teuren Luxuswässerchen, die Manager gerne in Restaurants für acht Euro pro halben Liter bestellen, bevorzugt der Normalverbraucher vor allem stille Mineralwasser, französischer Quelle entsprungen. Obwohl Leitungswasser hierzulande kostengünstig aus dem Hahn fließt und als das am besten kontrollierte Lebensmittel überhaupt gilt, boomt der Verbrauch von Mineralwasser. Lag er 1950 in Deutschland noch jährlich bei vier Litern pro Kopf, waren es 1990 bereits rund 80 Liter. Aktuell trinkt jeder Bundesbürger 130 Liter Mineralwasser pro Jahr. 2006 wurden weltweit über 170 Milliarden Liter Wasser in Flaschen abgefüllt und verkauft - eine Verdoppelung innerhalb von zehn Jahren. In den USA wird mehr Mineralwasser getrunken als in jedem anderen Land der Welt. Der Umsatz der Wasserindustrie hat sich von 1996 bis 2006 auf 10,8 Milliarden Dollar verdreifacht. Von den 30 Milliarden Wasserflaschen, die die Amerikaner im Jahr leeren, landen nur zwölf Prozent im Recycling.

Ein Trinkverhalten, das sich auf die persönlich Ökobilanz negativ auswirkt, wie eine Studie aus der Schweiz zeigt. Danach ist Leitungswasser 1000-mal umweltfreundlicher als Mineralwasser. Wer ein Jahr lang täglich zwei Liter Mineralwasser trinkt, könnte mit der Energie, die dabei entsteht, etwa 2000 Kilometer Auto fahren. Mit der Energie, die für die Produktion von zwei Litern Kranwasser pro Tag nötig ist, käme man dagegen nur zwei Kilometer weit. Soweit eine Untersuchung der schweizerischen Organisation ESU-Services, zuständig für Ökobilanzen.

Lange Transportwege

Schuld an dem hohen Energieaufwand sind vor allem die langen Transportwege. 430 Kilometer legt etwa jede einzelne Wasserflasche zurück, die im kleinen französischen Vogesen-Städtchen Vittel aus der Quelle abgefüllt und in Köln im Supermarkt verkauft wird. Schon wer auf ein Trinkwasser aus der Region zurückgreift, spart etliche Kilometer und damit Energie: 60 Kilometer sind es etwa nur von der Apollinaris-Produktionsstätte Bad Neuenahr bis nach Köln.

Hinzu kommt der Verpackungsmüll: Nach Schätzungen des World Wildlife Fund (WWF) verbrauchte die Wasserindustrie bereits 2001 jährlich rund 1,5 Millionen Tonnen Kunststoff für die Flaschenproduktion. Bereits der jährliche CO-Ausstoß von Mehrwegflaschen liegt laut Umweltbundesamt bei rund 500 000 Tonnen pro Jahr, der von Ein wegflaschen ist beinahe dreimal so hoch.

Dabei wird das Hauptargument für viele Verbraucher - dass Mineralwasser einfach besser als Leitungswasser schmeckt und gesünder sei - durch eine Untersuchung der Stiftung Warentest von 2005 konterkariert: Bei 13 Wässern konnten im Test Geschmacksrückstände der Verpackung wie Kunststoff oder Acetaldehyd nachgewiesen werden. Und auch der Mineralstoffgehalt war teilweise geringer als angegeben.

Christoph Aschemeyer, Biologe beim BUND NRW, sieht vor allem beliebte Mineralwässer aus dem Ausland wie Vittel, Evian oder Sankt Pellegrino kritisch. „Diese Mineralwasser werden einer Quelle entnommen, auf Flaschen gezogen und danach in die ganze Welt verschifft. Wenn wir hier in Deutschland ein Wasser trinken, das einer Quelle in Frankreich entstammt, ist das natürlich unökologisch.“ Ebenfalls negativ für die Ökobilanz seien Mineralwässer aus Discountern: „Auch die werden schon mal mehr als 100 Kilometer weit von der Abfüllung bis zum Verkaufsort transportiert.“

Mineralwasser in Flaschen ist zudem ein Luxus, den sich Menschen in Entwicklungsländern nicht leisten können: Nach Angaben der Welthungerhilfe haben große Konzerne in vielen Entwicklungsländern die wichtigsten lokalen Wasseranbieter gekauft, um Wasser für den Verkauf abzupumpen. Dadurch fielen Brunnen trocken, die Versorgung der Armen bleibe auf der Strecke. „Dabei sollte die öffentliche Wasserversorgung ausgebaut werden“, kritisiert Buchautor und Journalist Karl-Albrecht Immel. „Für Flaschenwasser muss eine indische Familie schließlich ihr halbes Monatsgehalt ausgeben.“

Auch Jörg Ehlers von der Umwelthilfe Deutschland hält das Wassertrinken aus dem Hahn für umweltfreundlicher als das Flaschenwasser. „Zum Beispiel wird der Einkauf meist mit dem eigenen Auto getätigt und anschließend bringt man die leeren Flaschen wieder zurück“, sagt er. Allerdings sei der Abschied vom Mineralwasser noch keine ökologische Großtat. „Insgesamt macht es am ökologischen Fußabdruck der Menschen in Deutschland nur einen kleinen Anteil aus. Der Verzicht auf die Flugreise oder öfter mal aufs Fahrrad umsteigen, schlagen deutlicher zu Buche.“ Wer Bedenken hat, dass das Kölner Leitungswasser etwa durch zu viel Hormone wie die Antibabypille belastet sein könne, braucht sich laut Arnold Sitte von der Rhein Energie Köln keine Sorgen zu machen. „Im Kölner Trinkwasser sind keine Hormone“, sagt er. Die würden entweder bereits im Grundwasser abgebaut oder durch Aktiv-Kohlefilter zersetzt.



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