Erstellt 02.06.08, 17:53h, aktualisiert 06.06.08, 22:04h
Die Argumentation in einem Leitfaden der Diyanet für „gute und vorbildliche muslimische Frauen“, der mittlerweile aus dem Internet entfernt wurde, fängt recht harmlos an: Da werden Ehebruch und Prostitution als Sünde deklariert. Nun ja, solche Ansichten vertreten auch viele Kirchen und andere Meinungsmacher. Aber dann folgt eine Logik, die an die kruden Theorien der Evangelikalen in Amerika oder der Wahhabiten in Saudi-Arabien erinnert: Harmlose Alltagspraktiken werden als Vorläufer von Ehebruch und Prostitution gebrandmarkt: Parfümieren etwa oder Flirten.
Teufel mit im Raum
Damit nicht genug der Prüderie: Die Autoren erklären kategorisch, dass unverheiratete Männer und Frauen „in einem geschlossenen Raum nicht beieinander sein“ dürften. Das fällt nämlich schon unter Promiskuität - was der Text etwas blumiger ausdrückt: „Wenn ein Mann und eine Frau alleine in einem Zimmer sind, ist der Dritte im Bunde der Teufel.“
Wer jetzt glaubt, Mann und Frau seien wenigstens in ihrer Unfreiheit gleichberechtigt, irrt gewaltig. Frauen seien „besonders anregende sexuelle Objekte“ und dürften daher nur „richtig angezogen“ vor die Tür. Was das bedeutet, bleibt der Fantasie anheim gestellt. Die Liste der frauenfeindlichen Vorschriften geht weiter: Frauen sollten lieber nicht arbeiten gehen, schon gar nicht alleine reisen, und wenn sie mit Fremden sprechen, hätten sie sich „ernsthaft und seriös“ zu verhalten, um ja nicht die Libido der Männer zu reizen.
Was geht eigentlich in Köpfen vor, die hinter jedem Schmuckstück oder Parfümduft gleich die Aufforderung zu hemmungslosem Sex vermuten? Die Logik erinnert an die auch in unseren Breiten lange Zeit verbreitete Ansicht, dass vergewaltigte Frauen mitschuldig an dem seien, was ihnen widerfahren ist, weil sie in ihrem Minirock den Täter erst so richtig angeheizt hätten. Heutzutage haben solche Thesen keinen Platz mehr in der Mitte der Gesellschaft. Aber was wir glaubten überwunden zu haben, drängt nun von islamischer Verbandsseite wieder auf die Tagesordnung - Grund genug, diese reaktionären Gesinnungen kräftig zu bekämpfen!
Im Kern geht es diesen Moralpredigern nicht um Religion, sondern um die Deutungshoheit über das Soziale. Sie verstehen ihre Lebensart nicht als Angebot im Wettbewerb der Ideen, sie verstehen sie als Dogma. Sie zielen auf Macht - auf Macht einer kleinen über eine große Gruppe. Das Gefährliche daran ist, dass sowohl die Diyanet in der Türkei als auch die Ditib in Deutschland ihren moralischen Einfluss auf die Menschen ausnutzen, indem sie moderne Normen und Umgangsformen, die auch in der Türkei schon lange den Alltag bestimmen, schlichtweg abzuschaffen versuchen.
Fundus der Hardliner
In der Türkei ist es normal, dass Männer und Frauen zusammen sitzen, reden, lachen und arbeiten. Eine Geschlechtertrennung ist künstlich, aufgezwungen und stammt aus dem Fundus konservativer arabisch-wahhabitischer Hardliner. Übrigens: In der Türkei wird über den wachsenden Einfluss konservativ-islamischer Kräfte quer durch die Gesellschaft heftig gestritten. In Deutschland dagegen fehlt es an der richtigen Akzentsetzung: Die Ditib spielt hier fast immer die Rolle des „guten Islamverbandes“, während die anderen Verbände verteufelt werden. Die Internetartikel von Diyanet zeigen aber, dass die Pauschalurteile nicht stimmen. Wir sollten nun genauer hinschauen, welche Inhalte von Ditib und Diyanet verbreitet werden.
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