Erstellt 06.06.08, 18:25h
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Brussig, jetzt rollt der Ball bei der Fußball-EM. Wie stehen die Chancen für ein neues Sommermärchen?
THOMAS BRUSSIG: Ein Sommermärchen dieser Art wird es nicht noch einmal geben, die Jahre der Schmach sind ja vorbei. Wenn wir dieser Mannschaft alles zutrauen, kann sie uns ja nicht mehr in Staunen versetzen. Aber jetzt reden viele schon wieder vom Titel. Ich hoffe auf einen glanzvollen Fußball der deutschen Mannschaft, und wenn sie es nebenbei weit bringen, habe ich nichts dagegen.
Legendär die Schmach von Cordoba 1978, das 2:3 gegen Österreich. Die Deutschen hatten den Gegner unterschätzt. Können wir uns darauf verlassen, dass das beim erneuten Duell am 16. Juni nicht passiert?
BRUSSIG: Der Satz „Es gibt keine leichten Gegner mehr“ ist schon zur Phrase verkommen. Österreich ist vielleicht der leichteste Gegner in der Gruppe, aber das heißt nicht, dass Österreich unterschätzt wird. Ich finde grundsätzlich gut, dass die Jahre der großen Lippe vorbei sind. So etwas wie Demut ist zurückgekehrt bei deutschen Spielern, Verantwortlichen und Journalisten.
Die DDR hatte wenig Grund zur Überheblichkeit im Fußball, ihre Nationalmannschaft war weniger erfolgreich. War das so, weil der Fußball aus einem geschlossenen System kam?
BRUSSIG: Moment, das eine Mal, als es drauf ankam, 1974 gegen die Bundesrepublik, haben sie ja gewonnen. Aber ernsthaft: Vielleicht hat die Erfolglosigkeit damit zu tun, dass Fußball von den Genies lebt. Für das Undisziplinierte und Unberechenbare war in der DDR wenig Platz. Aber, wer weiß, vielleicht war die Erfolglosigkeit auch kalkuliert? Die DDR ist in der Qualifikation zur WM 78 gegen Österreich ausgeschieden, unter Auslassung unglaublichster Chancen. So gesehen wäre die Schmach von Cordoba ohne Vorarbeit der DDR undenkbar gewesen. Die Österreicher haben sich übrigens mehrfach gegen die DDR in der Quali durchgesetzt, und sie vermissen die DDR heute sehr.
Die Führungsfigur Ballack muss doch eine späte Genugtuung für Menschen aus der DDR sein.
BRUSSIG: Viele Ostdeutsche sehen mit einem gewissen Stolz auf Spieler mit ostdeutschen Wurzeln, Ballack und Schneider vor allem. Einen Ost-West-Konflikt hat es in der deutschen Mannschaft glücklicherweise nie gegeben, die ostdeutschen Spieler wurden mit offenen Armen empfangen, wenn sie die Leistung brachten. Da war der Fußball schneller als die Gesellschaft.
Als Schriftsteller interessierte Sie zuletzt die Rolle des Unparteiischen im Fußball. Was hat Sie zu Ihrer Litanei „Schiedsrichter Fertig“ veranlasst?
BRUSSIG: Es wurde höchste Zeit, dass ein Schiedsrichter mal ein literarischer Held wird. Schiedsrichter müssen, wenn sie es nur weit bringen wollen, eine Persönlichkeitsstruktur haben, die heute eigentlich verpönt ist. Im Schiedsrichter überlebt gewissermaßen der Gymnasiallehrer des 19. Jahrhunderts. Ein Schiedsrichter bedient keinen Konsens, eckt an, trifft willkürliche Entscheidungen, ist beratungsresistent und lässt sich nicht mal durch Lob korrumpieren. Und in einer Welt, in der jeder beliebt sein will, muss es ihm wurscht sein, was andere über ihn denken.
Ihr Fertig liefert aber gleich den beliebten Kulturpessimismus: „Fußball ist als Sport tot.“
BRUSSIG: Das Wort Fußballsport ist aus der Mode gekommen. Man redet vom Fußball-Event, vom Fußball-Spektakel. Beim Sport wird ein Rahmen gesetzt, in dem die Ermittlung von besser und schlechter möglich ist. Beim Fußball aber ist überhaupt nicht gesagt, dass der Bessere gewinnt. Die höhere Ungerechtigkeit, die dort waltet, macht den Reiz des Fußballs aus.
Wo sind die Grenzen der Fußball-Literatur?
BRUSSIG: Es gibt nichts Spannenderes als ein gutes Fußballspiel, aber es ist vollkommen langweilig, Spiele nachzuerzählen. Was kann ein Literat nun mit Fußball anfangen? Der Fußballer Martin Max ist für mich beispielsweise eine Romanfigur. Ein Stürmer, der immer viele Tore geschossen hat, auch Bundesliga-Torschützenkönig war, aber nie Nationalspieler. Das Gefühl, es nicht besser machen zu können, allen gezeigt zu haben, wie gut man doch ist, und trotzdem nicht zum Zuge zu kommen, kennen viele Menschen.
Werden Sie beim Fußball zum Fundamentalisten?
BRUSSIG: Nö. Dass ich mich beim Fußball im Stadion in einer Art und Weise benehme, wie es außerhalb des Stadions nicht passiert, ist mir bewusst. Dafür geht man ja auch ins Stadion. Ich habe Probleme damit, dass man aus den Fußballzuschauern Kirchenknaben machen will; was unter dem Vorwand von Sicherheit nicht mit ins Stadion oder zum Public Viewing genommen werden darf, finde ich lächerlich. Ein Geruch von Gefahr darf ruhig über dem Fußballspiel liegen. Ich meine einen Geruch von Gefahr, wie man ihn beim Abheben eines Flugzeugs erlebt. Ich sehne mich nicht nach Ausschreitungen, aber eine gewisse Rohheit und etwas Archaisches, Wildes gehört zum Fußball.
Ist selber spielen schöner? Oder warum haben Sie die Nationalmannschaft der Autoren gegründet?
BRUSSIG: Dafür gibt es einen einfachen Grund: Wir wurden zu einer Weltmeisterschaft nach Italien eingeladen. Es hat auch damit zu tun, dass die literarische Welt eine sehr feminine Welt ist. In der Fußballmannschaft konnten wir noch einmal ein Jungs-Abenteuer erleben. Gemeinsam schwitzen, um den Sieg kämpfen, die Kameradschaft - all das kommt im durchschnittlichen Autorenleben nicht vor.
Was zeichnet die EM für Sie aus - gegenüber Bundesliga und Champions League?
BRUSSIG: Da wird der bessere Fußball gespielt. Keine Ahnung, warum das so ist. Vielleicht, weil sich die Tschechen, Holländer oder Kroaten freuen, dass in der Kabine ihre Sprache gesprochen wird. Den besten Fußball sieht man einfach bei den großen Turnieren. Punkt.
Treten Sie auch mit Fan-Trikot und Fähnchen an?
BRUSSIG: Ich spreche Deutsch und gebe mich damit zu erkennen. Vielleicht treibts mich dann noch aus der Kurve, wenn ich so einen Stift mit Gesichtsfarbe geschenkt bekomme. Man kann sich im Laufe eines Turniers ja auch noch steigern.
Ihr Tipp, wer wird Europameister?
BRUSSIG: Schwierig. (Überlegt, lacht) England?
Ja, jetzt, wo sie nicht dabei sind, mag sie jeder.
BRUSSIG: Ich hatte mich vor Monaten auf Frankreich festgelegt. Ich traue es auch den Kroaten zu, den Deutschen. Die Italiener sind immer Mit-Favorit. Spanien wird hoch gehandelt. Auch Griechenland wird zeigen, dass sie nicht zufällig Europameister geworden sind. Aber ich bleibe jetzt bei Frankreich. Wenn sie die Vorrunde überstehen.
Das Gespräch führte
Frank Sawatzki
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