Von ANJA KATZMARZIK, 06.06.08, 18:36h
Köln - Zweiteilen müsste man sich können. Gleichzeitig in Bilderstöckchen und Neuehrenfeld sein. Dieses Gefühl abstellen, manchmal nicht mehr zu wissen, in welchem der beiden Stadtteile man eigentlich gerade ist. Daniela Seim fährt mit ihrem weinroten Escort über den Parkgürtel, um nicht die Lehrerkonferenz an der Hauptschule Overbeckstraße in Neuehrenfeld zu versäumen. Zwei Tage arbeitet sie hier als Schulsozialarbeiterin, zwei weitere in Bilderstöckchen an der Schule Reutlinger Straße. Mittwoch ist der Tag, an dem sie an beiden Schulen ist.
Schon morgens um acht Uhr, zehn Minuten vor Beginn der ersten Unterrichtsstunde, wird die 34-Jährige von mehreren Schülern angesprochen. Daniela Seim bewahrt die Ruhe und verweist die Schüler auf die Sprechzeit in der ersten Pause. Der erste Termin muss noch vorbereitet. Sie will Post und E-Mails lesen.
„Ich wurde von Kollegen oder Eltern auch schon abends und am Wochenende angerufen.“ Dringende Fälle haben immer Vorrang, wenn anderntags ein Bewerbungsgespräch ansteht oder Familienstreitigkeiten eskalieren und die Schüler Hilfe brauchen. Ansonsten müssen Schüler bis zu drei Wochen warten, um bei Frau Seim einen Termin zu bekommen. Im 30-Minuten-Takt geben sich junge Klienten die Türklinke in die Hand. Der Rat der Diplom-Sozialpädagogin ist nicht nur gefragt, wenn es Zeugnisse gab und Bewerbungen anstehen. Sie ist auch Adressatin für Elterngespräche.
Freitag wurde es wieder spät. Zwölf Gespräche standen da auf ihrem Arbeitszeitplan. Mit der Berufsberaterin ging es um einen neuen Kooperationsvertrag zwischen Agentur für Arbeit und Schule.
Daniela Seim ist zuständig für die Stufen 8 bis 10, die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, die Berufsberatung, die Mädchenarbeit, die Berufsorientierung und „Schulmüde“ ab Klasse 7, die sich „dauerhaft dem Schulbesuch entziehen“. So heißen notorische Schulschwänzer mit 100 Fehlstunden und mehr im Amtsdeutsch. „Einige Schüler haben große Lernbeeinträchtigungen“, sagt Seim, „nicht nur sprachlich, sondern auch intellektuell“. Andere sind zu spät nach Deutschland gekommen und „überaltern“ in ihrer Klasse.
Wie das Mädchen, das als nächstes mit seiner Mutter das Besprechungszimmer betritt. Für dieses Gespräch wird eine Französisch-Dolmetscherin dazu gebeten, um mit der Mutter aus der Dominikanischen Republik weitere Hilfen zu besprechen. Macht ein weiterer Schulbesuch noch Sinn? Die Angestellte der Bezirksregierung mit 42-Stunden-Woche prüft den Fall.
Manchmal hilft jedoch auch alles Prüfen nichts, wie bei Erdal (Name geändert), der noch mit 16 in der 8. Klasse ist. Er ist zudem verhaltensauffällig und leistungsschwach - tanzt aber sowohl allen Lehrern als auch der allein erziehenden Mutter auf der Nase herum. „Die weiß nicht mehr weiter“, sagt Seim, bei die Mutter Hilfe sucht.
Die Schulsozialarbeiterin will ihn in eine Jugendwerkstatt vermitteln. An einer Schule, so das Fazit der Neuehrenfelderin, „hat er keine Perspektive. Der kommt überhaupt nicht mit Regeln klar.“ Handwerkliches Arbeiten und ergänzender Unterricht in kleiner Gruppe mit sozialpädagogischer Betreuung - das könnte die Lösung sein. „Damit machen wir sehr gute Erfahrungen.“ Lernen, pünktlich zu kommen, sich an Anweisungen eines Meisters zu halten, Arbeitsaufträge entgegennehmen und das Ergebnis ihrer Arbeit zu sehen - „damit kommen viele besser klar und sind auch zufriedener“.
Seim ist überwiegend zufrieden, auch wenn sie ein „Doppelleben“ führen muss. Nach fünf Jahren an beiden Schulen weiß sie den Schülern auch Grenzen zu setzen. Sie holt sie nicht mehr aus dem Unterricht, wenn sie einen Termin verschwitzen. „Sie müssen lernen, Verantwortung für sich zu übernehmen.“
Die nächsten Termine stehen an oder müssen vorbereitet werden. Aufgaben sind Konferenzen, Betriebsbesichtigungen zur Berufsvorbereitung, Arbeitskreise, Projektanträge stellen, Wirtschaftspaten betreuen, Dienstbesprechungen, Sonderschulaufnahmeverfahren . . . Auch die Theateraufführung von Zartbitter muss noch organisiert werden.
Doch der Aufwand lohnt sich. Zum Ende dieses Schuljahres gibt es erfreulich viele Jugendliche, die in Ausbildung, weiterführende Schulen, Lehrgänge oder Werkstätten übernommen werden. Das freut Daniela Seim immer besonders. „Denn ich will präventiv arbeiten. Und das gelingt uns hier ganz gut.“ In diesem Schuljahr konnten 17 Schüler der Reutlinger Straße nur durch ihren Einsatz in einen Ausbildungsbetrieb vermittelt werden.
Die nächste „wir helfen“-Seite erscheint am 11. Juni 2008.
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