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Private Pleiten

Angst vor der Insolvenz

Von INA HENRICHS, 13.06.08, 16:02h, aktualisiert 16.06.08, 11:34h

In Deutschland wurden im vorigen Jahr 27 490 Firmenpleiten registriert. Mehr als 110 000 Menschen meldeten Privatinsolvenz an. Doch keiner gibt es zu. Scheitern ist ein Tabu.

Pleite Insolvenz
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(BILD: JUPITER)
Pleite Insolvenz
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(BILD: JUPITER)
Die Pleite war wie ein Tod, sagt Achim Schmidt (Name geändert). Der Vergleich kommt ihm verblüffend leicht und immer wieder über die Lippen. Zwanzig Jahre lang war er Unternehmer und zuletzt betrieb er eine Bio-Kette, gut ging das Geschäft. Irgendwann zu gut. Wachstum, sagt er, müsse man sich leisten können. Für die Expansion brauchte er Geld, doch die Bank winkte ab, weshalb er sich eben Liquidität über Kredite seiner Lieferanten beschaffte. „Dann fiel einer von denen um. Und ich nach einiger Zeit auch.“ Der Mann zieht die Augenbrauen hoch, und was mit einem stimmlosen „tja“ endet, ist die Kurzfassung eines elenden Kampfes, in dem er das Unternehmen und sich selbst zu retten versuchte. „Letztlich blieb mir nur die Insolvenz“ - der Abschied vom bisherigen Leben. Schamgebeugt, sagt er, packte er seine Sachen und zog 200 Kilometer weiter Richtung Norden. Zurück ließ er seine Freunde. Die Forderungen von 99 Gläubigern nahm er mit.

In Deutschland wurden im vorigen Jahr 27 490 Firmenpleiten registriert. Mehr als 110 000 Menschen meldeten Privatinsolvenz an. Egal, ob selbst verantwortet oder nicht, durch Managementfehler oder schlechte Zahlungsmoral der Kunden - wer bankrott ist, bekommt alsbald den Generalvorwurf zu spüren: er hat versagt, ist unfähig, zu Recht auf die Schnauze gefallen. Die Insolvenz als bürgerlicher Tod ist sprichwörtlich und „Scheitern in Deutschland ein absolutes Tabu“, weiß Achim Schmidt. Lange hat er nach einem geschützten Raum gesucht, um Druck abzulassen. Jetzt endlich kann er das - im Gesprächskreis „Die anonymen Insolvenzler“ in Köln. Dessen Gründung scheint nicht nur eine unbarmherzige Erfolgsmentalität, sondern auch eine Betreuungs- und Motivierungslücke in Deutschland zu offenbaren. Initiator der Runde ist Attila von Unruh. Der 48-Jährige, ebenfalls Unternehmer, lebt seit drei Jahren in Insolvenz. Eines Tages hat er seinen Aktenordner nicht mehr vorholen können, ohne dass es ihn körperlich zerriss. „Ich wusste nicht, mit wem ich sprechen sollte.“ Die Familie sei überlastet, Freunde reagierten mit Mitleid, Vorwürfen und schließlich mit Angst, als sei die Niederlage so ansteckend wie die Pest. „Sitzt man Anwälten, Beratern, Bankern gegenüber, kommt man sich vor wie ein soziales Kaninchen.“

Ein Rat, der über den rechtlichen und wirtschaftlichen hinausgeht, fehlt. Dass er notwendig wäre, legen unter anderem erste Zahlen über die gesundheitlichen Auswirkungen der Überschuldung nahe. Betroffene haben ein zwei- bis dreifach größeres Risiko zu erkranken, hat die Studie „Armut, Schulden und Gesundheit“ vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Mainz Anfang des Jahres ergeben, unter anderem an Angstzuständen, Depressionen, Psychosen. Die Forderung, die von Studienleiterin Eva Münster gestellt wird: „Schuldnerberater sollten darauf geschult werden, Anzeichen für Probleme zu erkennen und an Beratungsstellen verweisen, die ein Therapieangebot bereitstellen.“ Das müsste kostenlos sein. Ob solche Präventionsleistungen überhaupt realisierbar sind, wird derzeit untersucht. Für Münster ist aber klar: „Der Sozialstaat muss sich um die Randgruppe dringend kümmern.“

Angesichts der existenziellen Ängste, dem Druck von außen, „bekommt die Mehrzahl der Betroffenen längst nicht, was sie braucht“, bestätigt Werner Sanio. Er selbst war 17 Jahre lang Schuldnerberater und hat für seine Doktorarbeit Überschuldete interviewt. „Es war das erste Mal, dass ich ihnen in Ruhe zuhören konnte.“ Die Wartelisten für eine Beratung sind lang. Die Hälfte aller deutschen Büros sei mit einer Person besetzt, die sich um die Menschen, Verwaltung und Technik kümmert, sagt Sanio. Ratsuchende würden vertröstet, andere machten gleich einen großen Bogen. Oft waren Letztere erfolgreiche Unternehmer, die sich der kränkenden Armutsatmosphäre nicht aussetzen wollen. „Und so gibt es viele, die sich auf eine minimale physische Existenz zurückziehen“, sagt Sanio. Die Last der Vorwürfe wiegt schwer, auch wenn sie unausgesprochen bleiben. Freunde, die fragen, auf ein Bierchen mit in die Kneipe zu kommen, lassen sich vielleicht dreimal eine Ausrede gefallen. Keine Zeit, krank, unpässlich. Ein viertes Mal gibt es nicht - Rückzug als Vorwurf.

Hochmut statt Gnade

Schuldzuweisungen kommen auch gewaltiger, hat Sanio erlebt und zitiert einen Klassiker aus der Handwerksbranche: „Erst machen sie den Markt mit Lohndumping kaputt, jetzt wollen sie Hilfe.“ Wer Pech hat, findet selbst bei Richtern, Gerichtsvollziehern oder Treuhändern Hochmut statt Gnade. Wer an den Ansprüchen - den eigenen und fremden - scheitert, bleibt ohne Identität zurück. „Schulden werden mit Schuld gleichgesetzt.“ Dabei sei Schulden zu machen in der Wirtschaft wie im Privatleben unverzichtbar. „Es geht vielmehr darum, Schulden effizient zu nutzen und Überschuldung zu vermeiden.“

„Die Insolvenz soll nicht Endpunkt, sondern Anfangspunkt sein“ ist ein Satz, der in der Fachberatung häufig fällt. Auch Hildegard Allemand hat den Zuruf im Repertoire. Die Anwältin für Insolvenzrecht sitzt häufig Ex-Chefs gegenüber, denen sie genau das zu vermitteln versucht. Die fühlen sich häufig ob der Situation erniedrigt und verunsichert: Dürfen sie ihr Sofa noch behalten oder ihre Brötchen kaufen? „Ich kann sie in vielen Fällen beruhigen, aber die Spannung nur bedingt auffangen“, sagt die Anwältin. Doch viele Insolvenzler hätten wertvolle Erfahrungen im Umgang mit Geld gesammelt: „Wäre ich eine Bank, würde ich oft eher ihnen als Berufsanfängern einen Kredit geben.“

Untersuchungen geben ihr Recht: Die Boston Consulting Group hat bereits vor sechs Jahren eine Studie erstellt, wonach einmal gescheiterte Unternehmer bei einem Neustart sehr viel erfolgreicher waren als andere Gründer. Das Institut für Mittelstandsforschung (IFM) bestätigte dies zwei Jahre später. Zwischen elf und 18 Prozent aller Gründer in Deutschland sind demnach so genannte Re-Starter. Sie wissen die zweite Chance - zumindest rein rechnerisch - zu nutzen: ihr Einkommen ist höher als das der Erstgründer. In anderen Ländern - als Vorzeigenation dienen immer wieder die USA - gilt das Scheitern nicht als Schande, sondern als Notwendigkeit. Keine Marktwirtschaft ohne Risiko. Wer es beim ersten Versuch nicht schafft, hat Krisenkompetenz erworben, mit der er sich bewerben kann. Unternehmen, die Menschen mit dieser Qualifikation gezielt suchen, sind hier allerdings selten zu finden.

Die Angst zu scheitern ist in Deutschland besonders hoch und hält laut Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B) 50 Prozent der Menschen davon ab, ein Unternehmen zu gründen. Ganz allein steht Deutschland mit dem Problem nicht da: Die EU-Kommission hat längst eine Arbeitsgruppe installiert, die sich „Stigma des Scheiterns und Frühwarninstrumente“ nennt. Zu hoch ist der Schaden, den die Furcht vor dem Fehlschlag und dem Makel verursachen. Gesellschaftlich wie volkswirtschaftlich. In der Regel werden Insolvenzanträge zu spät beantragt. Etwas früher und mehr Unternehmen könnten saniert werden.

Die Kommission bat Deutschlands wohl berühmteste Insolvenzlerin, aus ihren Erfahrungen zu berichten. Anne Koark versucht schon seit Jahren, das Scheitern gesellschaftsfähig zu machen. Die gebürtige Engländerin, als Unternehmerin anfangs ausgezeichnet, musste auch wegen einiger Kundenpleiten Insolvenz anmelden - geschäftlich wie privat. Auch sie bemüht das Bild vom Tod. Allerdings hätte dieser nur ihre Firma ereilt. „Die Unternehmerin lebt noch.“ Als solche schrieb sie ein Tagebuch über ihren Bankrott und veröffentlichte es mit dem Titel „Insolvent und trotzdem erfolgreich.“ Es wurde zum Bestseller. Seitdem hält sie Vorträge, macht Mut, klärt auf - wütend wie erstaunt darüber, dass es ausgerechnet hierzulande so schwer ist, wieder Fuß zu fassen. „Wo sich Deutschland doch aus seiner größten Pleite heraus in ein Wirtschaftswunder gearbeitet hat.“ Heute quält sie der deutsche Argwohn, wonach Zahlungsunfähigkeit gleich Zahlungsunwilligkeit bedeute. Obwohl lediglich sechs Prozent durch kriminelle Machenschaften in die Insolvenz geraten seien, klinge allein der Status Selbständiger anrüchig. „Ich habe die Firma verloren, die Lebensversicherung, das Sparguthaben, die Eigentumswohnung, die private Rentenvorsorge. Wer mir Vorwürfe macht, hat keine Ahnung“, sagt sie. Unermüdlich fordert sie Politiker auf, die Gescheiterten weiterarbeiten zu lassen, statt sie etwa mit Berufsverboten lahmzulegen - auch im Sinne der Gläubiger. Leidensgenossen versucht sie mit der Website bleib-im-geschäft.de bei der Stange zu halten - und in Kürze will sie beim Gesprächskreis „Anonyme Insolvenzler“ ihre Botschaft loswerden. Hier wird sie auf Betroffene treffen, die sich aus ihrer Opferhaltung befreien wollen. Achim Schmidt hat es geschafft. Ihm geht es gut, weil er „mit dem Leben an der Untergrenze einen intelligenten Umgang“ gefunden hat. Er wohnt in einer WG („Finden Sie mal eine Wohnung mit Schufa-Eintrag.“), engagiert sich in Netzwerken und arbeitet für das Deutsche Mikrofinanzinstitut DMI, das sich an Kleinunternehmen wendet, die sich aus einer schwierigen Lage heraus gründen. 80 Prozent seiner Schulden sind getilgt. Licht ist in Sicht. Für den letzten Motivationsschub könnte Anne Koark sorgen. Allein, indem sie ihre Visitenkarten hinterlegt. „Pleitier“ steht drauf.



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