Von Kerstin Meier, 13.06.08, 22:45h, aktualisiert 30.07.08, 10:23h
Leverkusen - „Was ist das Beste, das Dir in Deinem Leben passiert ist?“ fragt eine Stimme aus dem Off. Alex überlegt, die Hände in seiner dicke Jacke vergraben, die Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen. „Phhhh . . .“ macht er und antwortet schließlich: „Gar nix, Alter!“ Den Film haben die Jugendlichen selber gedreht, er heißt „Fichtestraße - unser Block“.
Ihr Block, das ist die Derrsiedlung, eine triste Ansammlung von Hochhäusern irgendwo am Rande von Leverkusen-Steinbüchel. Viele Wohnungen stehen leer, kaum jemand hat hier Arbeit. Die rund 800 Bewohner stammen unter anderem aus Kurdistan, dem Kongo, Togo, Polen und Italien. Familien mit acht Kindern sind normal - genauso wie es normal ist, dass schon Fünfjährige Verantwortung für die kleineren Geschwister übernehmen. Während die Kinder in der Siedlung herumhängen, putzen und kochen ihre Mütter in den engen Wohnungen. Die Väter drehen derweil eine Runde um den Block - es sei denn, sie gehören zu den Privilegierten, die bei Bayer oder Ford arbeiten.
Teenager wie Alex bleiben in der Derrsiedlung meistens sich selbst überlassen. Der Film zeigt, wie sie leben, was sie denken, wovon sie träumen. Ein halbes Jahr lang durften sie mit einer Videokamera losziehen, die Sibylle Mall vom „Kinder- und Jugendtreff“ der Siedlung für sie organisiert hat. Vorher hat sich die Sozialwissenschaftlerin mit ihnen zusammen ein paar Fragen ausgedacht - zum Beispiel die nach dem „Besten im Leben“. „Am Anfang war ich bei den Drehs noch dabei“, erzählt Mall, „aber ich habe schnell gemerkt, dass dann gar nichts dabei rum kommt.“ Also ließ sie die Jugendlichen machen. Und dabei entwickelten die Gespräche eine oft erschreckende Dynamik. Mit wackeligen Bildern und unterlegt mit Rap-Songs offenbaren die sehr intimen Interviews einen Blick in die Lebenswelt von Jugendlichen, deren Zukunft wenig verspricht.
„Als kleines Kind bin ich wie ein Penner überall rumgelaufen, mit meinem Freund, einem Albaner. Da sind wir dann mal mit unseren Fahrrädern auf die Autobahn gefahren und - paff! - kam ein Auto.“ Das ist das „schlimmste Erlebnis“, von dem Louis im Film erzählt. „Hast du geblutet, geheult?“ will der unsichtbare Interviewer von dem dunkelhäutigen Jungen wissen. Louis winkt ab, erzählt etwas von ein paar Wochen Krankenhaus. Danach beichtet er vor laufender Kamera das Schlimmste, was er jemals getan hat: „Ich habe einen behindert geprügelt, bis er nicht mehr konnte.“
Erwachsene erfahren durch den Film Dinge, die ihnen Jugendliche niemals erzählen würden. Sie fragen aber auch nicht: „Hier kommt keiner in die Siedlung, weil es heißt, da ist es gefährlich, da wird mir das Fahrrad geklaut“, sagt Hendrik Käseberg, der zusammen mit Sibylle Mall als Sozialpädagoge im „Kinder- und Jugendtreff“ der Katholischen Jugendwerke Leverkusen arbeitet. „Den Film gucken dann aber alle ganz begeistert und loben, wie authentisch er ist.“
Diese Wirklichkeitsnähe hat auch die Jury des bundesweiten Filmwettbewerbs „Fish08“ beeindruckt - „Fichtestraße - unser Block“ hat dort den zweiten Preis bekommen. 395 Filme wurden eingereicht. Zusammen mit fünf Jugendlichen, die bei dem Projekt mitgemacht haben, ist das Team vom „Kinder- und Jugendtreff“ im April zur Preisverleihung nach Rostock gefahren. „Das war für uns alle eine super Erfahrung“, erzählt Sibylle Mall: „Manche haben in Rostock zum ersten Mal das Meer gesehen.“ An diesem Wochenende ist sie mit zwei Jugendlichen in Ludwigsburg, wo der Film für den „Deutschen Jugendvideopreis“ der Filmakademie Baden-Württemberg nominiert ist.
Der Film fasziniert nicht nur Fremde - obwohl sich die Jugendlichen beinahe jeden Tag sehen, erfahren sie darin Dinge, die sie sich gegenseitig sonst nicht erzählen. Was Religion für sie bedeutet, zum Beispiel. „Normalerweise reden wir nur über Fußball, Schule oder so was“, sagt Ramy. Mit 17 Jahren ist er einer der Ältesten beim Jugendtreff - und als Gymnasiast eine Art Aushängeschild. „Die anderen hier machen sich darüber lustig, finden das krass“, sagt Ramy und wie aufs Stichwort witzelt Mesut: „Der hat Zukunft: Der wird mal ein Mann mit Krawatte, Anzug und Aktentasche.“
Ob Bewerbungen, Stress mit den Eltern oder Schulprobleme, die Mitarbeiter des „Kinder- und Jugendtreffs“ sind Ansprechpartner für alles. Ramy, Louis, Alex, Mesut und die anderen Jugendlichen aus dem Film kommen aber auch oft einfach nur, um rumzuhängen oder Kicker zu spielen. Ob sie das auch in Zukunft noch können, weiß Meike Ditscheid, Leiterin des Treffs, aber nicht: „Das Erzbistum und die Stadt haben die Gelder in den vergangenen Jahren massiv gekürzt. Ob es den Treff noch lange geben wird, können wir deshalb nicht sagen“, erzählt sie. Erfolgserlebnisse wie der Film motivieren die Mitarbeiter, trotzdem weiterzumachen. Als nächstes ist ein Tanzprojekt geplant - und der Umzug in größere Räume. „Die Fichtestraße ist inzwischen auch ein bisschen unser Block“, sagt Sibylle Mall: „Wir wollen die Jugendlichen hier nicht alleine lassen.“
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Hedwig Neven DuMont
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