Von ANGELA HORSTMANN, 16.06.08, 16:25h
Mit seiner Mutter kam Kevin (Name geändert) vor einigen Wochen in die urologische Praxis von Dr. Arne-Daniela Marschall-Kehrel. Die auf Kinderurologie spezialisierte Vorsitzende der Deutschen Enuresis Akademie bat die Familie, ein so genanntes Blasentagebuch zu führen. Darin mussten Kevin und seine Mutter genau aufschreiben, wie viel Kevin trinkt, wann er trinkt und auch wie oft er zur Toilette geht. Marschall-Kehrel fand so schnell heraus, wo Kevins Problem lag: 80 Prozent der Trinkmenge nahm er erst nach 18 Uhr zu sich. „Normalerweise soll man bis 17 Uhr 75 Prozent der täglichen Trinkmenge zu sich genommen haben, und eine Stunde vor dem Zubettgehen gar nicht mehr trinken“, sagt die Urologin. Mit einer schicken neuen Uhr, die ihn alle zwei Stunden daran erinnert, zu trinken und auf Toilette zu gehen, trainiert Kevin seitdem. „Schon nach zwei Wochen war es deutlich besser“, berichtet seine Tante.
Zwanzig Prozent der Vorschulkinder nässen einKevin ist kein Einzelfall. Wie er nässen nach Einschätzung von Marschall-Kehrel zwanzig Prozent der Kinder zur Einschulung nachts noch ein und leiden damit - passiert das Malheur häufiger als zwei Mal im Monat - an einer behandlungsbedürftigen Erkrankung. Mit Geduld darauf zu vertrauen, dass sich das Problem irgendwann „auswächst“, ist für die Expertin der falsche Weg. Sie plädiert für eine frühe Therapie, nicht zuletzt, um die seelischen Belastungen abzubauen. Zwar komme es jährlich bei 15 Prozent der Kinder zu einer Spontanheilung. Bei 85 Prozent aber bleibt das Problem bestehen - und damit das Risiko, dass die Enuresis (so der Fachbegriff) bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt. „Bei Kindern die acht und älter sind, bleiben zehn Prozent Bettnässer. Bei denen, die nach der Pubertät noch einnässen, sind es 20 Prozent“, sagt Marschall-Kehrel. Wie bei Kevin hat das Einnässen nur selten eine körperliche Ursache. „Wie stellen fest, dass die Kinder zunehmend an Verhaltensstörung leiden.“ Immer mehr Kinder hätten ein völlig gestörtes Trinkverhalten. Vielen von ihnen helfe schon eine Veränderung der Trink- und Toilettengewohnheiten.
Grundsätzlich korrespondiert die nächtliche Urinausschüttung mit der Hormonproduktion. Wird zu wenig des „Anti-Wasserlass-Hormon“ produziert, passiert das Malheur. Allerdings, so Marschall-Kehrel, lasse sich dieser Hormonmangel durch das Medikament „Desmopressin“ gut ersetzen. Um die eigene Hormonproduktion anzukurbeln, werde das Medikament drei Monate gegeben und dann wieder schrittweise abgesetzt. „80 bis 90 Prozent der Bettnässer sind danach damit trocken.“
Eher vorsichtig beurteilt sie die Therapie“ mit Klingelmatratzen oder- hosen. „Diese Methode erfordert eine hohe Mitarbeit von Eltern und Kind und ist die am häufigsten abgebrochene Therapie.“ Darüber hinaus greife die Methode massiv in den Schlafhaushalt der betroffenen Kinder ein. Der eh schon qualitativ schlechte Schlaf der Bettnässer werde noch schlechter. Das habe negative Auswirkungen, zumal so der Umbau des zentralen Nervensystems, der vor allem nachts stattfindet, behindert werde.
Ein Eltern-Infoabend mit Dr. Arne-Daniela Marschall-Kehrel findet heute Abend, 20 Uhr, in der Volkshochschule Köln (Neumarkt) statt.
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