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Interview

„Auf Sitzenbleiben folgen Depressionen“

Von NINA SCHMEDDING, 20.06.08, 23:37h

Der eine hält die Ehrenrunde für schädlich, der andere für effektiv: Zwei Pädagogen diskutieren das Pro und Contra.

Eine Fünf in Englisch, eine in Mathe, eine in Deutsch. Ein Schüler, auf dessen Zeugnis solche Noten prangen, bleibt sitzen - mit dem Ziel, dass seine Leistungen besser werden, wenn er Gelegenheit zur Wiederholung bekommt. Ob ihm das wirklich dabei hilft, ein guter Schüler zu werden, ist allerdings bei Pädagogen und Psychologen seit Jahren umstritten. Die meisten Bildungsforscher betrachten die Ehrenrunde als ein Relikt aus der pädagogischen Mottenkiste, das auf die betreffenden Schüler vor allem demotivierend wirkt. Andere preisen es als letzte Handhabe, um faule Schüler zurück auf den Pfad der Tugend zu zwingen - eine Meinung, die Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann überhaupt nicht teilen kann. „Gerade Kinder von heute sind ungeheuer darauf bedacht, welchen Eindruck sie machen“, sagt der Leiter des Hannoveraner Instituts für Lernpsychologie. „Sitzen zu bleiben ist eine narzisstische Kränkung. Das Kind fühlt sich entwertet und büßt dadurch an Lernfähigkeit ein.“

Angst macht dumm

Eine These, der zumindest eine Untersuchung von Wirtschaftsforschern widerspricht. Nach einer Studie im Auftrag des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung kann Sitzenbleiben nämlich durchaus zu besseren Leistungen anspornen. Danach ist das Risiko, die Schule mit einem niedrigen Bildungsabschluss zu beenden, bei den Wiederholern um ein Viertel niedriger als bei der Vergleichsgruppe.

Psychologe Bergmann beeindruckt das Ergebnis nicht. „Auch wer später Erfolg hat, hat nicht zwangsläufig die Kränkung des Sitzenbleibens überwunden.“ Das Gefühl, versagt zu haben, werde später manchmal gerade durch einen übersteigerten Drang nach Aufmerksamkeit kompensiert. „Diese Menschen werden dann zum Öffentlichkeitsclown oder sehen ihre Erfüllung darin, Konzertsäle zu füllen oder eine Partei zu lenken“, sagt Bergmann und verweist auf berühmte Klassenwiederholer wie etwa den Schriftsteller Hermann Hesse, der „schwer depressiv“ gewesen sei. Denn Depressionen seien seiner Erfahrung nach die schlimmste, aber auch häufigste Konsequenz des Sitzenbleibens. „Wenn sich das Versagen bis in die Pubertät fortsetzt, kann es sogar in einem jugendlichen Selbstmord enden“, sagt Bergmann. Dass manche Kinder nur mit entsprechendem Druck im Nacken überhaupt zum Lernen zu bewegen sind, widerspricht seiner Überzeugung. „Angst macht dumm, nicht schlau.“ In den meisten Fällen sei die Logik der Strafe zu zerstörerisch. „Nichts macht den Menschen kälter, als wenn er den Eindruck bekommt, dass man ihn nicht will. Und genau das signalisiert die Schule mit ihren Selektionsmechanismen“, erklärt der Psychologe und weist darauf hin, dass auch bei Amokläufen ein wesentliches Motiv immer wieder das Schulversagen sei.

Mehr Förderunterricht

Die Alternative zum Sitzenbleiben ist seiner Meinung nach angemessener Förderunterricht, der an den Schulen in Deutschland bisher viel zu kurz gekommen und ein „echter Witz“ sei.

Eine Meinung, die auch der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Schulleiter Heinz-Peter Meidinger, durchaus teilt. „Aber verstärkter Förderunterricht ist nicht die Alternative zum Sitzenbleiben, sondern eine Zusatzhilfe“, sagt er, der einst selbst sitzen geblieben ist und die negativen Gefühle, die das Wiederholen mit sich bringt, aus eigener Erfahrung kennt. „Dazu gehören der Verlust von Selbstvertrauen, von Freunden und die persönliche Kränkung.“ Trotzdem ist der Pädagoge gegen die Abschaffung der Ehrenrunde. „Man muss einfach unterscheiden. Es gibt drei Typen: erstens diejenigen, die aufgrund von vorübergehenden Leistungsschwächen sitzen bleiben, weil die Eltern sich haben scheiden lassen oder Ähnliches. Hier könnte man mit Förderunterricht etwas ändern. Zweitens diejenigen, die auf der falschen Schulform sind. Die halten sich durch das Sitzenbleiben vielleicht noch zwei Jahre. Und drittens diejenigen, die in ihrer Entwicklung verzögert sind und deshalb von einem Wiederholen wirklich profitieren.“

Schüler nicht motiviert

Grundsätzlich sei es wichtig, Schülern zu signalisieren, dass „man sich anstrengen muss, um etwas zu erhalten. Manche brauchen einfach einen Schuss vor den Bug.“ Denn auch die Einrichtung von Förderkursen löse das Problem nicht per se. „Die Schüler müssen das Angebot auch annehmen. Entscheidend ist nämlich, wie ihre Leistungsmotivation ist. An meiner Schule gibt es zum Beispiel einen Förderkurs in Mathe. Von den Leistungen her müssten eigentlich 17 Schüler in dem Kurs sein. Es kommen aber nur drei. Die anderen glauben, dass sie es selbst schaffen.“

Meidinger verweist auch auf eine Umfrage des Deutschen Philologenverbandes vor ein paar Jahren, nach der 80 Prozent der Schüler sich grundsätzlich für eine Beibehaltung des Sitzenbleibens aussprachen. „Man darf Kinder nicht unterschätzen. Schüler haben ein sehr feines Gefühl für Leistungsgerechtigkeit. Und die ist eben nicht mehr gegeben, wenn die Messlatte so weit unten ist, dass alle über die Hürde Abitur springen.“



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