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„Fressen, Lieben, Kotzen”

Wenn Mädchen sich dünn machen

Von Roland Schriefer, 23.06.08, 11:21h, aktualisiert 23.06.08, 15:14h

Wie es ist, wenn eine junge Frau dünn ist, sich aber trotzdem zu dick findet, wird in einem Theaterstück gezeigt. Geprobt wurde das Stück auf der Magersucht-Station der Uniklinik Köln.

Porz - Auf der Bühne stehen drei Stühle - sonst nichts. Ein solches Bühnenbild erinnert stark an das „Arme Theater“ des polnischen Theaterregisseurs Jerzy Grotowski,„ das dieser in den 50er Jahren in Oppeln als Gegenentwurf zum „Reichen Theater“ entwickelt hatte. Grotowski wollte ein von allem Überfluss gereinigtes Theater, das ohne Schminke, Kostüme und Bühnenbild, ohne Beleuchtungseffekte und Toncollagen auskommt und sich ganz auf den Schauspieler konzentriert. In dem Stück „Fressen, Lieben, Kotzen“ von Cornelia Gellrich, das das Phänomen der Magersucht und der Bulimie beschreibt, hat das Theater „Neues Schauspiel Köln“ dieses Prinzip umgesetzt. Alles konzentriert sich auf die Schauspielerin Dijana Grilc, die die Rolle einer Magersüchtigen so intensiv spielt, dass ihr vom Publikum die Frage gestellt wurde, ob sie etwa eigene Erfahrungen mit dieser Krankheit habe. Grilc war ihrem Publikum, Schülerinnen der Jahrgansstufen acht bis zehn am Porzer Stadtgymnasium, ohne Schminke und Kostüm gegenüber getreten und hatte die Gefühle von leiser Verzweiflung bis lauter Wut nur mit ihrer Stimme und ein wenig Mimik außerordentlich lebendig werden lassen.

Der von Stefan Krause inszenierte Einakter war erst Ende Mai im Arkadas Theater in Ehrenfeld uraufgeführt worden. Geprobt hatte das Theater in der Uniklinik Köln, in den Räumen, in denen auch Magersüchtige therapiert werden. So nah an der Quelle hatte Grilc gelernt, was es heißt, sich unter den höhnischen Blicken von Spiegeln umzuziehen und überall Körper-Fett zu entdecken, das nur in der Einbildung besteht. Dort hatte sie den unseligen Kreislauf von Fressen, Lieben, Kotzen studieren können und konnte das absurde Empfinden und Leiden einer jungen Frau, die sich zu dick findet, obwohl sie zu dünn ist, auf den Punkt bringen. Das Stück beschreibt auch die Bewunderung für diejenigen, die mit dem Essen keine Probleme haben. „Du isst leidenschaftlich wie ein Tier mit einer Spur Verachtung, die dich als Mensch kenntlich macht.“ Gleichzeitig ist der Protagonistin das auch eklig. „Du verlierst jegliche Anmut beim Essen.“ Darunter leidet die Liebe, die zu paranoider Eifersucht wird. „Wie kann er mich lieben, wo ich doch so dick bin.“

Das Stück beschreibt auch den Vorgang des sich Übergebens, eine durchaus unappetitliche Angelegenheit. Bei welchem Essen geht es leichter, was sieht in der Kloschüssel schlimmer aus, was fühlt sich im Gaumen ekelhafter an, Spaghetti oder Sushi? Die Betroffenheit im Publikum angesichts der intensiven Darstellung war fast greifbar. Ein gutes, aufklärerisches Stück Theater, das von der NRW-Vertrauenslehrerin Sylvia Strubelt ans Stadtgymnasium geholt worden war.



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