Von Jörg Allmeroth, 25.06.08, 23:15h
Sieg "aus dem Unterbewusstsein" hinaus
„Jetzt bin ich völlig erschossen“, sagte die Siegerin; „ich werde heute tot ins Bett fallen.“ Nur noch „aus dem Unterbewusstsein“ hatte Görges in den letzten Minuten des Marathons gespielt, aber immer mit verzehrendem Ehrgeiz und dem unbedingten Willen, „dieses Ding nach Hause zu kriegen“: „Dieser Sieg“, sagte Görges, „ist der schönste Moment meiner Karriere.“ Selbst vergebene Aufschlagspiele zum Sieg bei 8:7, 12:11, 13:12 und 14:13 warfen die Deutsche nicht aus der Bahn, die mit letzter Kraft die Punkte zum 16:14 einfuhr in der Verlängerung der Verlängerung. „Sie war extrem konzentriert, immer auf den Sieg fixiert“, sagte Trainer Björn Jacob, unter dessen sanfter, aber bestimmter Regie die Norddeutsche noch einmal einen kräftigen Sprung nach vorne gemacht hat. Allein mit dem Auftaktsieg im Tennis-Heiligtum dürfte Görges nun schon bis auf Platz 80 der Weltrangliste vorrücken - nicht schlecht für eine, die vor zweieinhalb Jahren noch von Platz 1118 aus ihre ersten Schritte in den Profizirkus machte. Als Siegerin des zweitlängsten Dameneinzels aller Zeiten katapultierte sich mit Görges eine weitere Spielerin aus dem deutschen Perspektivkader ins Rampenlicht - eine Spielerin, die wie die Berlinerin Sabine Lisicki, die Saulgauerin Tatiana Malek oder die Kielerin Angelique Kerber zu den „jungen Wilden“ von Fedcup-Chefin Rittner gehört. „Julia hat Mumm, Ehrgeiz und die Schläge, um bald in den Top 50 zu landen“, sagt Rittner. „Sie ist nicht weit weg von den Spielerinnen, die hinter der absoluten Weltspitze stehen.“ Nach dem Sieg standen Görges die Tränen in den Augen: „Es war eine riesige Erleichterung, als es endlich vorbei war - ein unheimliches Glücksgefühl.“
Auch wenn die schöne Realschulabsolventin schon häufiger auf Hochglanzbildern zu sehen war, weiß sie, dass vor den Erfolgen bei möglichen Sponsoren erst mal der sportliche Erfolg stehen muss. Und da kennt sie keine Kompromisse: „Ich will etwas Großes im Tennis erreichen. Und wenn man einen solchen Traum hat, dann kann man keine halben Sachen machen“, sagt die 19-jährige, die sich in Wimbledon auf Anhieb wie zu Hause fühlte: „Das ist das edelste Turnier überhaupt - mit einer unvergleichlichen Atmosphäre und Superstimmung.“ Ihr kleines Sommermärchen auf dem grünen Rasen an der Church Road soll jetzt noch ein bisschen weitergehen, zunächst mal gegen die Neuseeländerin Marina Erakovic: „Ich will den Rückenwind nutzen. Ich bin hier noch nicht am Ende, das spüre ich.“
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