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Wimbledon

Achterbahnfahrt ohne Gurt

Von Jörg Allmeroth, 25.06.08, 23:15h

Die deutsche Spielerin Julia Görges hat sich in der 1. Runde in die Geschichtsbücher eingetragen: Sie siegt in drei Stunden und 40 Minuten gegen die Slowenin Katarina Srebotnik. Boris Becker und Barbara Rittner sind voller Lob für die 19-jährige Wimbledon-Debütantin.

Julia Görges - Wimbledon
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Für die geballte Faust reicht die Kraft noch: Julia Görges. (Bild: dpa)
Julia Görges - Wimbledon
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Für die geballte Faust reicht die Kraft noch: Julia Görges. (Bild: dpa)
LONDON - Als am Abend in der BBC-Kultsendung „Today at Wimbledon“ (Heute in Wimbledon) die dramatischen Bilder vom einsamen Außenplatz 16 eingespielt wurden, die Bilder des mitreißenden 220-Minuten-Erfolgsmarathons von Julia Görges gegen die Slowenin Katarina Srebotnik, war auch Talkgast Boris Becker hellwach zur Stelle: „Schau an, diese Deutschen“, schmunzelte der dreimalige Wimbledon-Champion, der schon vor lauter Fußballfieber mit einem schwarz-rot-goldenen Schal zum abendlichen Tennisgespräch ins Studio gekommen war, „ich kann nur sagen: Hut ab, das war ein erstaunliches Spiel. Und erstaunlicher Kampfgeist.“ Mit diesem Lob für die verblüffende Energieleistung der 19-Jährigen aus Bad Oldesloe stand der Wimbledon-König früherer Tage ganz und gar nicht alleine da: „Das war sensationell, einfach fantastisch“, befand die aufgewühlte Fedcup-Chefin Barbara Rittner, die auf dem Hinterhof des Centrecourts von der ersten bis zur 220. Minute ausgeharrt hatte - bei einem Tennisabenteuer der ganz besonderen Art, einem der verrücktesten Matchs einer Debütantin, die es in der 122-jährigen Turniergeschichte gegeben hat. Julia Görges, das Mädchen mit der Seite-eins-Ausstrahlung und dem Model-Look, kam, sah und siegte - und wie. Erst wehrte die hübsche Fedcup-Spielerin in dieser Grand-Slam-Achterbahnfahrt ohne Gurt drei Matchbälle ab, dann ließ sie selbst ein halbes Dutzend Siegpunkte aus, ehe in der Abenddämmerung schließlich der denkwürdige 4:6, 7:6 (8:6), 16:14-Triumph nach drei Stunden und 40 Minuten perfekt war.

Sieg "aus dem Unterbewusstsein" hinaus

„Jetzt bin ich völlig erschossen“, sagte die Siegerin; „ich werde heute tot ins Bett fallen.“ Nur noch „aus dem Unterbewusstsein“ hatte Görges in den letzten Minuten des Marathons gespielt, aber immer mit verzehrendem Ehrgeiz und dem unbedingten Willen, „dieses Ding nach Hause zu kriegen“: „Dieser Sieg“, sagte Görges, „ist der schönste Moment meiner Karriere.“ Selbst vergebene Aufschlagspiele zum Sieg bei 8:7, 12:11, 13:12 und 14:13 warfen die Deutsche nicht aus der Bahn, die mit letzter Kraft die Punkte zum 16:14 einfuhr in der Verlängerung der Verlängerung. „Sie war extrem konzentriert, immer auf den Sieg fixiert“, sagte Trainer Björn Jacob, unter dessen sanfter, aber bestimmter Regie die Norddeutsche noch einmal einen kräftigen Sprung nach vorne gemacht hat. Allein mit dem Auftaktsieg im Tennis-Heiligtum dürfte Görges nun schon bis auf Platz 80 der Weltrangliste vorrücken - nicht schlecht für eine, die vor zweieinhalb Jahren noch von Platz 1118 aus ihre ersten Schritte in den Profizirkus machte. Als Siegerin des zweitlängsten Dameneinzels aller Zeiten katapultierte sich mit Görges eine weitere Spielerin aus dem deutschen Perspektivkader ins Rampenlicht - eine Spielerin, die wie die Berlinerin Sabine Lisicki, die Saulgauerin Tatiana Malek oder die Kielerin Angelique Kerber zu den „jungen Wilden“ von Fedcup-Chefin Rittner gehört. „Julia hat Mumm, Ehrgeiz und die Schläge, um bald in den Top 50 zu landen“, sagt Rittner. „Sie ist nicht weit weg von den Spielerinnen, die hinter der absoluten Weltspitze stehen.“ Nach dem Sieg standen Görges die Tränen in den Augen: „Es war eine riesige Erleichterung, als es endlich vorbei war - ein unheimliches Glücksgefühl.“

Auch wenn die schöne Realschulabsolventin schon häufiger auf Hochglanzbildern zu sehen war, weiß sie, dass vor den Erfolgen bei möglichen Sponsoren erst mal der sportliche Erfolg stehen muss. Und da kennt sie keine Kompromisse: „Ich will etwas Großes im Tennis erreichen. Und wenn man einen solchen Traum hat, dann kann man keine halben Sachen machen“, sagt die 19-jährige, die sich in Wimbledon auf Anhieb wie zu Hause fühlte: „Das ist das edelste Turnier überhaupt - mit einer unvergleichlichen Atmosphäre und Superstimmung.“ Ihr kleines Sommermärchen auf dem grünen Rasen an der Church Road soll jetzt noch ein bisschen weitergehen, zunächst mal gegen die Neuseeländerin Marina Erakovic: „Ich will den Rückenwind nutzen. Ich bin hier noch nicht am Ende, das spüre ich.“



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