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Interview

„Medien werfen Gedanken weg“

Erstellt 30.06.08, 21:09h, aktualisiert 30.06.08, 21:14h

Armin Mueller-Stahl über das Fernsehn, die Kunst und Götz George. Am Mittwoch würdigt die ARD Armin Mueller-Stahl in der neuen Reihe „Deutschland - deine Künstler“. Das Gespräch führte Jan Freitag.

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Am Mittwoch (23.30 Uhr) würdigt die ARD Armin Mueller-Stahl in der neuen Reihe „Deutschland - deine Künstler“.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Mueller-Stahl, Sie eröffnen die fünfteilige ARD-Reihe „Deutschland - deine Künstler“. Fühlt man sich da gewürdigt oder auch ein wenig ausgeschlachtet?

ARMIN MUELLER-STAHL: Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich dieses Porträt gar nicht will, weil es bereits ein sehr gutes über mich gibt: von Gero von Böhm. Ich habe es dann gemacht, weil mir sehr herzliche Briefe geschrieben wurden, um mich zu überzeugen. Ob ein Sende-termin um halb zwölf in der Nacht allerdings eine Würdigung ist? Wenn man das schon mit sich machen lässt, sollte es auch einen entsprechenden Platz erhalten.

Geht das Fernsehen respektlos mit den Dichtern und Denkern von heute um?

MUELLER-STAHL: Die Medien sind an ihre Stelle getreten, aber nicht denkend, sondern Gedanken wegwerfend. Um die Quoten hochzutreiben, richten sie sich nach dem Geschmack derjenigen, die - wenn ich das so sagen darf - nicht so gebildet sind. Wenn ich jahrelang auf einer verstimmten Geige spiele, verbilde ich mein Gehör. Genauso verhält es sich mit dem Geschmack, wenn ihm zur Unterhaltung permanent Kitsch serviert wird. Die Medien unserer Tage machen den Klugen klüger und den Dummen dümmer.

Welche Rolle spielt da das Fernsehen.

MUELLER-STAHL: Die entscheidende. Das Zeitalter der Medien ist nicht mehr stolz auf Kultur, sondern versucht mit kurzlebiger Tagespolitik Quote zu machen. Wir schaffen es nicht, die Menschen mit interessanten Langzeitgedanken zu fesseln. Alle Geschmäcker wollen befriedigt sein, aber doch bitte nicht auf eine so dumme Weise wie derzeit. Gerade im Fernsehen sind die Monster noch immer in der Mehrzahl und nicht die Humanisten, die Krieger, nicht die Brückenbauer. Aber ich bin da kein guter Gradmesser, weil ich wenig fernsehe. Ich lese lieber ein Buch oder höre gute Musik. Und auch das ist breitgefächert. Ich mag guten Jazz ebenso wie Grönemeyer.

Und die moderne Kunst?

MUELLER-STAHL: Da ist es ähnlich wie im Fernsehen: Wo ein Künstler blutige Tampons zusammenfügt und teuer verkauft, liegt etwas schief. Das sind kurzfristige Verkaufsmechanismen. So gesehen ist die Kunst doch tot.

Weil in ihr alles erlaubt ist?

MUELLER-STAHL: Ja leider, und ich sage das mit dieser Einschränkung, weil durch sie viele Fehler entstehen: Verherrlichung von Monstern, von Diktatoren. Dabei soll Kunst Brücken bauen. Zerstörerische Elemente gehören aus meiner Sicht in den Krieg, nicht in die Kunst. Dennoch: Kunst lebt nicht von Verbotsschildern.

In der ARD-Reihe wird die Kunst von Jonathan Meese vertreten. Was halten Sie von ihm?

MUELLER-STAHL: Er ist momentan ungeheuer „in“, und sein Kollege Baselitz hat recht: Er ordnet sich nicht in die große Gruppe derjenigen ein, die das machen, was sie gelernt haben, sondern er tut gerade das, was er nicht gelernt hat. Das ist zunächst mal ein guter Ansatz.

Sie sind auf vielen Ebenen Künstler. Welche ist Ihnen die liebste?

MUELLER-STAHL: Also die Schauspielerei immer weniger, die Malerei immer mehr, und mit meinem Geigenspiel verblüffe ich eigentlich nur noch, weil ich eher mit ihr spreche, als auf ihr zu spielen.

Das Fernsehen feiert Sie nun als bedeutendsten deutschen Schauspieler. Sind Sie das oder doch nur der bekannteste?

MUELLER-STAHL: Die Frage ist ja kein Hundertmeterlauf. Man wird aber honorieren müssen, dass ich mit meinen 77 Jahren noch am Laufen bin - und das ist ja schon mal was. Ich bin in einem Alter, das man als Endspurt bezeichnet, und habe mehr Angebote als ich möchte. Im Grunde will ich gar nicht mehr so viel drehen. Aber wem obliegt es, das Prädikat „bedeutend“ zu verleihen? Das ist doch zutiefst nebulös.

Aber nicht völlig abwegig.

MUELLER-STAHL: Ich sehe, dass ich in Amerika einen ganz guten Ruf als Profi habe. Aber den habe ich mir er-arbeitet, indem ich den Beruf stets so ernst genommen habe, wie es irgend geht. Ich habe nie versucht, leicht zu Geld zu kommen.

Macht internationaler Erfolg in der Heimat wählerischer?

MUELLER-STAHL: In gewisser Weise war ich immer wählerisch, sonst hätte ich ja die „Schwarzwaldklinik“ gespielt, für die ich im Gespräch war, oder 1992 Wedels „Bellheim“. Ich habe mich aber für „The Power of One“ in Amerika entschieden. Was nicht heißt, stets richtig gelegen zu haben. Ich habe mich viel geirrt im Leben, aber auch elf-, zwölfmal nicht.

Haben Sie eine Rolle bereut?

MUELLER-STAHL: Ja, gewiss, aber das führte jetzt zu weit.

Serienkommissar stünde noch an.

MUELLER-STAHL: Ganz sicher nicht. Ich sollte mal „Der Alte“ spielen, das habe ich damals nicht getan.

Haben Sie darüber nachgedacht?

MUELLER-STAHL: Ja, das habe ich. Damals bestand durchaus noch ein Wunsch nach Sicherheit, und man hatte mir für deutsche Verhältnisse eine hohe Gage angeboten zu einer Zeit, als es nicht gänzlich gesichert war, immer meine Brötchen auf den Tisch zu kriegen. Trotzdem habe ich abgesagt. Jetzt immer noch zu fragen: „Was haben Sie gestern um halb sieben gemacht“ - das wäre mir doch zu wenig. Aber Götz George ist ja auch darüber hinweggekommen. Ich halte ihn für einen großartigen Schauspieler und meine, er würde es verdienen, deutlicher über Schimanski hinaus wahrgenommen zu werden. Ich wünsche ihm zum 70. alles Gute und bin sehr glücklich, dass wir Schauspieler wie ihn haben.

Das Gespräch führte

Jan Freitag



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