Schriftgröße

Bochum

Keine Schönheit, aber charakterstark

Von Marie-Anne Schlolaut, 30.06.08, 20:00h, aktualisiert 07.07.08, 20:21h

Bochum hat viele Farbtupfer - etwa das „Bermudadreieck” wo alle Sorgen verschwinden. Die Stadt ist bodenständig, Firlefanz verpönt, Originelles erwünscht. Und das alles lässt sich in einem Tag erfühlen.

Bergbaumuseum
Bild vergrößern
Ein „Muss”, wer Bochum besucht - das Bergbaumuseum und eine Fahrt unter Tage.
Bergbaumuseum
Bild verkleinern
Ein „Muss”, wer Bochum besucht - das Bergbaumuseum und eine Fahrt unter Tage.
Das Bermudadreieck
Bild verkleinern
Das Bermudadreieck
Bochum
Bild verkleinern
Tagsüber ist Shoppen angesagt (Alle Bilder von Krasniqi)
Das Bermudadreieck
Bochum
BOCHUM - „Dat iss bei uns nich, die Yuppie-Nummer: am Café mit 'nem Cabrio vorfahren, an 'nen Tisch setzen, Laptop raus, Handy daneben und gucken, als wärste wichtig. In Bochum nich - vielleicht in Essen.“ Damit wäre alles klar. So spricht der Bochumer über sich, seine Stadt und und den Nachbarn Essen, auch im Ruhrpott gelegen, aber eben ein bisschen anders.

In Bochum schlug einst das Herz des Potts aus Stahl und Kohle. Die Zeiten der Hochöfen und Fördertürme sind vorbei - das Klischee ist geblieben: grauer Himmel mit höchstens ein paar weißen Tupfen, weil die Taubenzüchter ihre Vögel fliegen lassen; Arbeiter-Siedlungen, Asphalt, Jägerzäune, Gartenzwerge mit Hämmerchen in der Faust. Malocher-Idylle eben. Denkste.

Bochum mit seinen 380 000 Menschen ist keine Schönheit, aber hat Charakter. Der Zweite Weltkrieg hat der Stadt die alte Bausubstanz und die schönen Villen bis auf wenige Ausnahmen weggebombt. Bochum trumpft daher mit anderen Dingen: dem drittgrößten Planetarium in Deutschland, mit „Bochum total“ vom 3. bis 6. Juli, wenn rund eine Million Gäste kommen zu Rock, Soul, House und mehr auf den Straßen und Plätzen der Innenstadt, mit dem Klavierfestival Ruhr, mit einem Bergbaumuseum, wo man auch unter Tage im Steinkohle-Stollen heiraten kann, mit dem Musical Starlight-Express, das seit 20 Jahren ein volles Haus hat, und dem „Bermuda3eck“ mitten in der City mit Bars, Discos, Restaurants und 3000 Plätzen im Freien.

Und mittendrin die kleinen Leckerbissen, die man so auf Anhieb nicht findet, wie das Haus Fey in Bochum-Hofstede an der Hofsteder Straße mit seiner Wirtin Elfriede Fey. Der Besucher schwankt in seinem Urteil, wer wohl origineller ist - die Wirtin, das Innenleben der Kneipe mit Flipper, Kicker und Biergarten Marke „von dunnemals“ oder die frei laufenden Schweine und Kaninchen, die den Kontakt mit den Gästen nicht scheuen.

Altehrwürdige Klinik

Nach diesem bodenständigen Erlebnis taucht man bei „Situation Kunst“ an der Nevelstraße in eine ganz andere Welt ein. Kunst, Natur und Architektur bieten ein ganz besonderes Ambiente, und private Stifter haben Gemälde und Skulpturen als Teil der Kunstsammlung der Ruhr-Universität gegeben. Studenten führen die Gäste, der Eintritt ist frei.

Studenten und junge Menschen sind es auch, die das Stadtbild prägen, denn die Ruhr-Universität allein hat rund 40 000 Studierende, evangelische und technische Hochschule sowie die Fachhochschulen nicht mitgerechnet. Auch nicht die Lehrenden und Lernenden der weltweit renommierter Klinik Bergmannsheil.

Sie war 1890 die erste Unfallklinik der Welt. Gegründet wurde sie, um die verletzten Bergleute zu versorgen. Und wer immer ins Bergmannsheil gebracht werden musste, den baute der Spruch auf: „Da flicken sie dich wieder zusammen.“ Das Bergmannsheil hat mit dem Niedergang des Bergbaus den Strukturwandel vollzogen. Heute ist es eine der leistungsfähigsten Akutkliniken und gehört zur Ruhr-Universität Bochum. Und wie es sich im Pott gehört, ist die Bergbau-Berufsgenossenschaft Hauptanteilseignerin des Krankenhauses.

Denn Bochum hat sich nicht wirklich von seiner Industrievergangenheit verabschiedet, auch wenn die 30 Zechen seit Anfang der 80er Jahre nur noch Historie sind. Der Wandel ist an so traditionsreichen Firmen wie Eickhoff mit rund 1000 Beschäftigten abzulesen, die sich spezialisiert haben auf Bergbautechnik, Maschinenbau und Gießerei, weltweit exportieren und selbst in der Windenergie eine bedeutende Rolle spielen.

Quartier im „Tucholsky“

Anders als der Handy-Hersteller Nokia, der Bochum den Rücken gekehrt hat, will die Opel-Autoindustrie durchhalten, weil sie mittlerweile zu Bochum gehört wie der Fußballverein VfL Bochum, der sich immer eingekeilt fühlt vom „großen Schalke“ und vom „großen Dortmund“, Rot-Weiß Essen und den MSV Duisburg im Nacken sitzen hat und trotz „Verfolgungswahns“ derzeit wieder in der 1. Bundesliga spielt, was seine treuen Fans tröstet. Zu denen gehören auch der Musiker Herbert Grönemeyer und sein Bruder, der Mediziner Dietrich Grönemeyer. Bochumer aus Überzeugung sind beide, was Herbert Grönemeyer auf eine seiner erfolgreichsten CDs dokumentiert. Damit die Stadt zu einem neuen Konzerthaus kommt, gab der prominente Künstler vor wenigen Tagen spontan ein Live-Konzert in der Stadt, dessen Einnahmen in den Fonds fließen.

An Prominenz mangelt es der Stadt nicht, denn auch Wetter-Guru Jörg Kachelmann hat sein Meteomedia-Unternehmen in Bochum angesiedelt an der Bessemerstraße. Besucher der Stadt, Kultur-Gäste, Schauspieler, Künstler machen gern Quartier im „Tucholsky“, dem Künstler-Hotel, in dem man bis 18 Uhr frühstücken kann, das seine Rezeption an der Bar hat, mitten im „Bermuda3eck“ liegt und im Preis so akzeptabel ist wie die meisten Kneipen und Restaurants. Was unter anderem daran liegt, dass es in Bochum keine Yuppies gibt, die Gambas gabeln und denken, sie seien wichtig.

In der nächsten Folge geht es nach Aachen, in den Karlsdom, in eine der ältesten Einkaufsstraßen der Welt und an den Puppenbrunnen.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Newsticker


Anzeige


Anzeige




Bildergalerien


Extra


Aktion


Das Musik-Event 2011



Die Bahnhofsreporterin


WAS.WANN.WO.


Aktuelle Verkehrsinfos


Neue ksta.tv-Videos aus der Region


RHEINLAND WETTER


Aktion


Twitter


Top-Links (Anzeige)


Stadtmenschen Community


Extra


Dienste