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Leben mit Demenz

Ohnmächtig vor der Katastrophe

Erstellt 01.07.08, 15:40h

Bei Demenz nimmt die Hirnleistung ab, nach und nach, immer mehr. Was folgt, ist die Isolation. Die grausamsten Situationen spielen sich häufig in den Familien ab, nicht in den Heimen, meint Psychiater Rolf Dieter Hirsch.

Demenz
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Demenzkranke vergessen sogar, wo sie wohnen. (BILD: DPA)
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Demenzkranke vergessen sogar, wo sie wohnen. (BILD: DPA)
KÖLNER STADT-ANZEIGER Herr Hirsch, was passiert mit oder in einem alten Menschen, der dement wird?

ROLF DIETER HIRSCH Dinge, die er sich merken will, Namen, die er schon lange kennt, vergisst er immer mehr. Er vergisst immer häufiger Uhrzeiten, Absprachen. Er begreift Fragen nicht mehr und wird dadurch immer unsicherer. Diese Unsicherheit führt in ungünstigen Bedingungen dazu, dass er noch mehr Ausfälle hat. Ein Teufelskreis: Er zieht sich immer mehr zurück, möchte immer weniger Kontakt, weil er Angst hat, nichts oder immer weniger zu verstehen. Und dieser Rückzug heißt gleichzeitig, dass die normalen Reize auch abnehmen. Dieses Weniger summiert sich zu einem Mehr in diese Richtung, dass er immer schneller seine Hirnleistungen verliert.

Also Isolation, Rückzug . . .

HIRSCH Isolation, Rückzug, weniger Arztbesuche. Obwohl man auch zugeben muss, dass viele Ärzte dem Phänomen noch weitgehend hilflos gegenüberstehen und die Erkrankung nicht erkennen.

Gibt es Möglichkeiten, eine Demenz frühzeitig zu erkennen und ihr entgegenzuwirken?

HIRSCH Wenn ich in einem Geschäft nicht mehr weiß, was ich einkaufen wollte, das passiert einem ja schon mal. Meistens kauft man eh zu viel. Wenn ich aber dastehe und nicht mehr weiß, wie ich nach Hause komme - dann sollte man in eine Gedächtnissprechstunde kommen.

Und vorbeugend? Es wird ja auch schon von der „Spritze gegen Demenz“ gesprochen.

HIRSCH Alles Unfug. Die Stammzellforschung ist in keiner Weise so weit, dass man in seriöser Weise sagen könnte, da gibt es in absehbarer Zeit etwas, was vorbeugend gegen Alzheimer oder ähnliche Erkrankungen hilft. Wenn uns das gelingt, wäre das wie ein Sechser im Lotto.

Also, was können wir tun?

HIRSCH Es gibt Möglichkeiten, eine Entwicklung aufzuhalten, die aber minimalst eingesetzt werden. Zunächst ist eine ausführliche Diagnostik notwendig. Als da wären . . .

HIRSCH Einmal Computertomogramm. Es geht weiter um neuropsychologische Untersuchungen. Wie ist es mit dem Gedächtnis, welche Lernfähigkeit ist vorhanden, wo sind Ausfälle, wo sind aber auch Ressourcen? Dann sind natürlich allgemeinmedizinische Vorgaben wichtig: Laborwerte, es gibt manche Stoffwechselerkrankungen, die zu solchen Ausfällen führen, es kann an Vitamin-B-12-Mangel liegen, es kann Schilddrüsenauffälligkeiten geben. Das muss alles mituntersucht werden. Dann erst wissen wir am Schluss, welche Form von Demenz überhaupt vorliegt. Zehn Prozent der Demen zen sind ursächlich behandelbar. Das häufigste sind die Alzheimererkrankungen. Dafür gibt es Medikamente. Ihre Einnahme könnte dazu führen, dass sich der Zustand im günstigsten Fall über einige Jahre nicht verändert.

Sie sind Vorsitzender des Vereins „Handeln statt Misshandeln“. Welche Erfahrungen liegen dem zugrunde?

HIRSCH Es gab bis dahin in Deutschland keine Anlaufstelle für alte Menschen, die unter Misshandlungen, Vernachlässigung und Gewalt leiden - im Gegensatz zum Kinder- und Frauenbereich, wo es rund 6000 Beratungsstellen gibt. Mir geht es bei dem Verein nicht nur um Misshandlung und Gewalt im Bereich der Pflege - ein Bereich der immer größer wird -, sondern darum, dass jede Kommune einen Notruf mit Krisenberatungsstelle für alte Menschen bereitstellen sollte.

Warum passiert da nichts?

HIRSCH Die Kommunen sagen: Wir haben kein Geld, das soll die Altenhilfe machen. Nur: Die Altenhilfe macht das nicht. In der Konsequenz heißt das also: Ab einem bestimmten Lebensalter ist das Grundgesetz außer Kraft gesetzt.

Bleiben wir mal beim Thema Gewalt: Wie sieht die Gewalt aus, warum ist das Thema so tabuisiert?

HIRSCH Das Häufigste ist die Vernachlässigung, die gerade bei Pflegebedürftigen zu Katastrophen bis hin zu gegenseiti gen Gewalthandlungen in der Familie führen. Die grausamsten Situationen gibt es in den Familien, nicht in den Heimen. Aber in beiden Bereichen ist so ein massiver Mangel an Unterstützung, dass man wirklich von einem Skandal sprechen muss.

Wie kommt es in den Familien zu der Eskalation?

HIRSCH Häufig spielt Alkoholmissbrauch eine Rolle. Dann gibt es auch das Muster, dass eine ältere Frau möchte, dass der Sohn immer wieder kommt. Sie gibt ihm immer mehr Geld, er kommt jedoch immer weniger, sie fühlt sich dann ausgebeutet. Es gibt schnelle Testamentsveränderungen. Es gibt das gegenseitige massive Anschreien, Beleidigungen. Wenn dann natürlich Krankheit noch mit dazukommt, dann wird der Pflegebedürftige auch als Last empfunden, es kommt zu Übergriffen.

Ist die Pflege zu teuer, wie manche Experten glauben machen wollen?

HIRSCH Jeder ab 40, 50 muss sich schon überlegen, wie er altern will. Die Verantwortung liegt zunehmend bei einem selbst. Denn oft sieht das ja so aus: keine Kinder, keine Bekannten mehr im Umfeld. Also muss man sich fragen: Wo gibt es eine Einrichtung, in der ich vielleicht schon mal selbst vorher ehrenamtlich mitarbeiten kann . . .

Und der Staat, die Solidargemeinschaft?

HIRSCH Die Angst ist, dass die Pflegeversicherung zu viel Geld kostet. Wenn wir also die Aussage treffen: Wir können das nicht bezahlen, dann gibt es ja eigentlich nur die Alternative: Dann müssten wir die Alten eben umbringen . . .

Wie bitte?

HIRSCH Schlagwort: Euthanasie. Das machen ja andere Länder auch schon.

Welche?

HIRSCH Die Beneluxstaaten. Die Niederlande waren das erste Land, welches die gesetzlichen Voraussetzungen hierfür schafften.

Sie meinen die Sterbehilfe bei unheilbar Kranken . . .

HIRSCH Demenz ist auch eine sehr schwere Krankheit, unter der man massiv leiden kann, aber nicht per se muss. Meistens leiden übrigens die Angehörigen. Also: Wenn man kein Geld hat, um dem Kranken seine Lebensqualität zu erhalten, dann müsste man ihn doch zum Tode bringen.

Meinen Sie das jetzt ernst, oder ist das Ihr Zynismus nach jahrzehntelangem Frust?

HIRSCH Das ist leider Realität. Wir sagen ständig, wir können uns das nicht leisten. Wenn Sie sich etwas nicht leisten können, dann kaufen Sie es sich nicht. Der Haken ist: Es wird überhaupt nicht gefragt, warum wir es uns eigentlich nicht leisten können. Ich sage: Wir können uns das leisten, unser Land hat genug Geld. Wo geht denn das ganze Geld hin?

Ja, wo geht es denn hin?

HIRSCH Wir führen immer mehr an Sicherheit, an Technik, an Bürokratie, an Vorgaben für den Brandschutz ein, was auch enorme Summen verschlingt. Und wir vergessen darüber, welche Form der Beziehung wir haben wollen. Und wenn wir so viel Geld für die Sicherheit ausgeben, ist es natürlich logisch, dass nachher Geld an anderer Stelle fehlt. Da kommen die Heimaufsicht, das Gesundheitsamt, der Brandschutz, die Hygiene und noch so ein paar andere Kommissionen: Pro Jahr sind das acht bis zehn unterschiedliche Leute, die antanzen. Jeder weiß besser, was sein muss, alles muss ständig verändert werden.

Und was muss geschehen?

HIRSCH Die Arbeitssituation der Pflegekräfte in den Einrichtungen ist grausam. Wir werden in der freien Wirtschaft keinen Betrieb finden, der unter so katastrophalen und unmenschlichen Umständen arbeiten muss. Eine Form von Psychohygiene oder Arbeitshygiene findet nicht statt.

Bei einer alternden Gesellschaft ist der Bereich doch eigentlich ein Zukunftsmarkt?

HIRSCH An den Alten kann man dicke verdienen. Sonst würde es keine privaten Heime geben, manchen gehen ja sogar an die Börse und versprechen bis zu zehn Prozent Rendite.

Haben Sie selbst Angst vor dem Altwerden, vor dem Dementwerden?

HIRSCH Altern ist eigentlich schon immer grausam gewesen. So toll finde ich es nicht, und ich wäre froh, wenn ich früher an was anderem sterbe. Wenn ich in diese Richtung gehe, und meine Frau es nicht macht, dann mache ich es selber: In den zehnten Stock und runterhupfen. Wenn es aber so weit ist: Kann ich das dann noch?

INTERVIEW: THOMAS GEISEN

Rolf Dieter Hirsch, 62, ist seit 1991 Chefarzt der Abteilung für Gerontopsychiatrie/ -psychotherapie in den Rheinischen Kliniken Bonn und Leiter des Vereins „Handeln statt Misshandeln – Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter e.V.“. Er war Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie.



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