Von Jan Sting, 04.07.08, 23:35h, aktualisiert 05.07.08, 00:22h
Hätte David die Tat ein wenig früher begangen, wäre sein Fall, der als Bagatelldelikt eingestuft wurde, vielleicht in die Mühlen der Verwaltung geraten. Womöglich hätte es einige Monate, wenn nicht länger gebraucht, bis sein Fall vor Gericht verhandelt worden wäre. Vielleicht wäre die Sache auch im Sande verlaufen. Doch David erfuhr plötzlich eine Menge Aufmerksamkeit. Er bekam Besuch von einem „Staatsanwalt vor Ort“.
Immer mehr Jugendliche geraten im Erftkreis ins Visier von Fahndern, was vor allem daran liegt, dass häufiger angezeigt wird als früher. Nichtsdestotrotz: Laut Kriminalitätsstatistik 2007 waren von etwa 11 000 Tatverdächtigen im gesamten Erftkreis 3800 jünger als 21 Jahre. Vor gut einem Jahr entwickelte die Kreisstadt Bergheim daher ein „Gesamtstädtisches Handlungskonzept zur öffentlichen Sicherheit und Ordnung“. Seit dem 1. Juli wird dieses nun auch in anderen Gemeinden (siehe „Sechs Kölner für die Region“) praktiziert.
Die Bergheimer setzen mit dem Modell weniger auf drakonische Strafen als vielmehr auf die Vermittlung fairer Spielregeln. Als „Gelbe Karte“ verstehen die Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe das seit Dezember praktizierte Verfahren „Staatsanwalt vor Ort“, das eine Verwarnung mit Sanktionen vorsieht - bevor es zu einem Prozess kommt.
Schon wenige Tage nach der Anzeige standen Zivilbeamte der Polizei vor Davids Tür und sprachen mit dem 16-Jährigen und seinen Eltern. Sie luden ihn persönlich zu einem „Diversionstag“ im Polizeipräsidium noch im selben Monat ein.
Eine „Diversion“ mit einer „Strafe“ ohne Urteil kommt für die Staatsanwaltschaft dann in Frage, wenn sie bei den Tätern eine Chance sieht, sie mit erzieherischen Maßnahmen wie gemeinnütziger Arbeiten tatsächlich zur Einsicht bringen zu können. Pluspunkt: Der persönliche Kontakt und die Tatsache, dass wenig Zeit zwischen Tat und Ahndung verstreicht. Christof Degenhardt als „Staatsanwalt vor Ort“ für Bergheim kommt einmal im Quartal aus Köln in die Kreisstadt, um Ersttätern so die „Gelbe Karte“ zu zeigen. Wie David, nachdem dieser in der Polizeivernehmung geständig und zur Zusammenarbeit bereit war.
An seinem „Diversionstag“ wurde David so der Jugendgerichtshilfe vorgeführt, deren Mitarbeiter auch im Gespräch mit den Eltern etwas über Davids Motivation und sein Leben erfuhren. Gleich im Anschluss sprach die Jugendgerichtshilfe mit dem Staatsanwalt und schlug Sanktionen vor. Und schließlich trat David vor den Staatsanwalt Christof Degenhardt „vor Ort“, der mit ihm offenbar eindrucksvoll ins Gewissen redete. David leistete jedenfalls, ohne dazu verurteilt worden zu sein, zehn Sozialstunden ab - anstandslos.
Direkte Strafe„Die Strafe folgt auf dem Fuß“, erklärt Angelika Klein, Leiterin des Bergheimer Informations- und Beratungszentrums für Kinder, Jugendliche und Eltern. Das sei der Vorteil eines festen Ansprechpartners für den Ort statt wechselnder Zuständigkeiten je nach Anfangsbuchstaben des Täternamens, wie es bisher der Fall war. „Zwischen Tat und Ahndung darf nicht lange gewartet werden, da das Zeitempfinden junger Menschen anders ist als bei den Erwachsenen.“ Das Unrechtsbewusstsein rücke immer mehr in den Hintergrund, je länger die Tat zurückliege.
Die Jugendlichen sollen den „Warnschuss“ hören, so lange ihnen das verübte Unrecht noch im Gedächtnis ist. Bei allen teilnehmenden Delinquenten bisher hätte dies „nachhaltig Eindruck hinterlassen“. Laut Klaus Hurdes von der Jugendgerichtshilfe sind auch die Erziehungsberechtigten - bis auf eine Ausnahme - in den 36 verhandelten Fällen der Einladung gefolgt. Lehrer werden ebenso miteinbezogen.
Außer Sozialstunden werden persönliche Entschuldigungen beim Geschädigten oder Schadensbegleichungen als Auflagen verhängt. Die Hoffnung, erklärt Bergheims Erster Beigeordneter Peter Ludes, liege in der Senkung krimineller Jugendstraftaten. Zwar gebe es noch keine Erfahrungswerte über Rückfälle. Die Atmosphäre der bisherigen drei „Diversionstage“, an denen Degenhardt die jugendlichen Täter in Bergheim ins Gebet nahm, lasse jedoch auf echte Reue schließen.
Die Bergheimer profitieren von den guten Erfahrungen, die die Stadt Remscheid mit dem Modellprojekt seit sieben Jahren macht. Bei einer Bilanz, die die Remscheider im Jahr 2006 zogen, zeigte sich, dass 95 Prozent der Ersttäter nicht wieder polizeilich in Erscheinung getreten sind.
Klaus Hurdes weiß aus zahlreichen Akten, dass kriminelle Karrieren in der Regel mit einer Bagatelle begonnen haben. „Eine geklaute Cola-Dose oder eine CD - keiner beginnt gleich mit einer schweren Tat.“ Je früher Grenzen gesetzt würden, desto größer sei die Chance, junge Menschen davor zu bewahren, auf die schiefe Bahn zu geraten.
34 der 36 Delinquenten im Alter von 14 bis 21 Jahren kooperierten laut Hurdes an den drei bisherigen „Diversionstagen“. Nur in zwei Fällen gab es kein Schuldeingeständnis - da ermittelt nun die Polizei. Bislang sei in den 34 verhandelten Fällen kein Amtsgerichtsverfahren erforderlich geworden, weil sich alle an die Spielregeln hielten und die Sanktionen befolgten.
Nina Trumm vom Jugendamt arbeitet außerdem mit den Jugendlichen in Präventionskursen zusammen. Hier wird die Tat reflektiert, was laut Ludes in manchen Fällen bei den Jugendlichen bis dato nicht geschehen ist. Die Kursteilnehmer werden dazu gebracht, sich in die Perspektive der Opfer zu versetzen und gegenseitige Kritik auszuhalten. Alle Lebensgeschichten werden vertraulich behandelt.
Bei David hat sich das Vertrauen ausgezahlt: Überraschend erhielt Klaus Hurdes noch einmal von ihm Besuch. Der 16-Jährige hatte ein weiteres Geständnis zu machen - diesmal freiwillig. Vor der angezeigten Tat im Dezember habe er mit seiner Clique bereits in einem Haus randaliert, gab er zu. Hurdes sprach mit dem Hauseigentümer und Davids Eltern. Das Vergehen konnte gütlich geregelt werden.
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Hedwig Neven DuMont
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