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CSD

Schrille Kostüme, ernste Botschaften

Von Tobias Peter, 04.07.08, 23:51h

Die CSD-Parade bekommt viel öffentliche Aufmerksamkeit und ist damit eine gute Gelegenheit, Brücken zu schlagen. Doch schrilles Auftreten allein reicht nicht. Der „Christopher Street Day“ sollte sich auch wieder seiner politischen Wurzeln besinnen.

„Leute, ist hier etwa jemand schwul?“, hat der Mitspieler gefragt und fassungslos dreingeschaut. Wie einer, der gerade erfährt, dass er die Vier in Mathe bekommt - aber wegen einer Fünf in Religion sitzen bleibt. Vor ein paar Monaten hatte er im Park einige Fußballer getroffen und gefragt, ob er mitmachen dürfe. Lange Zeit bemerkte er nicht, dass er mit einer schwulen Mannschaft spielt. Bis einmal zufällig so viele gleichzeitig ihren Freund mit zum Training nahmen, dass es nicht mehr zu übersehen war.

Ob jemand Linkshänder ist; ob Christ oder Atheist; ob jemand lieber Schlabber-T-Shirt trägt oder Schlips, das alles interessiert heute genauso wenig wie die Frage, ob einer schwul ist. Heißt es immer. Doch das stimmt nicht. Denn beim Schwulsein geht es um Liebe und Sexualität, und das interessiert eigentlich immer. Gerät ein Hetero unversehens an Schwule - so wie der unbedarfte Fußballspieler -, kommt oft noch Unsicherheit dazu: „Wo bin ich hingeraten? Was sagen meine Freunde, wenn sie es erfahren?“

Die Unsicherheit ist verständlich. Einerseits hat es viele Fortschritte in der Gesellschaft gegeben, kleine und große: die Homo-Ehe; Politiker, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennen; und kaum noch eine Vorabendserie, in der nicht mindestens ein gleichgeschlechtliches Paar dabei ist. Andererseits herrschen vor allem unter jungen Menschen harte Töne. „Schwul“ gehört auf Schulhöfen zu den gebräuchlichsten Schimpfworten: „Der Meier macht voll den schwulen Unterricht.“ - „Was isst du denn so ein schwules Pausenbrot?“ Dass das Wort „lesbisch“ nicht so verwendet wird, heißt nicht, dass die weibliche Homosexualität mehr Anerkennung fände. Es zeigt nur: Schwule werden oft verachtet, Lesben missachtet.

Hohes Selbstmordrisiko

Für Jugendliche ist das „Coming Out“ damit auch heute noch oft schwierig. Laut einer Studie des Berliner Senats ist das Selbstmordrisiko homosexueller Jugendlicher viermal höher als das der anderen. Umso wichtiger ist es, dass diejenigen, die den Weg zu einem offen schwulen oder lesbischen Leben erfolgreich bewältigt haben, am „Christopher Street Day“ (CSD) selbstbewusst auf die Straße gehen. Zu viele Schwule und Lesben sehen den CSD vor allem als Party. Dabei erinnert die Parade an den Aufstand Homosexueller gegen die Willkür der New Yorker Polizei 1969. Zu diesen politischen Wurzeln sollte der CSD stärker zurückkehren. Es geht nicht allein darum, gleiche Rechte einzufordern und homophobe Äußerungen von Politikern, Kirchenmännern oder FC-Trainern anzuprangern. Diesmal zum Beispiel muss es ein Ziel sein, Lehrer aufzurütteln. Sie zu ermutigen, Probleme mit Diskriminierung von Schülern in der Klasse offensiv anzusprechen und anzugehen.

Die CSD-Parade erhält viel öffentliche Aufmerksamkeit und ist damit eine gute Gelegenheit, Brücken zu schlagen. Der Tag darf ruhig voller Make-up und schriller Kostüme sein. Entscheidend aber ist die Botschaft, dass es zwischen Homos und Heteros viel mehr Gemeinsamkeiten gibt als Unterschiede. Anders wäre es ja kaum zu erklären, dass der Hobby-Fußballer monatelang nicht gemerkt hat, mit wem er da kickt. Auf dem Feld war es halt nie ein Thema. Nach ein paar Schrecksekunden haben sich seine Gesichtszüge übrigens wieder entspannt. „Ich bin hundert Prozent hetero. Aber nicht homophob“, hat er gesagt. Dann hat er den Ball genommen und losgespielt. So normal wie alle anderen.

tobias.peter@mds.de



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