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Umfrage

Ölpreise bedrohen Mittelstand

Erstellt 06.07.08, 20:29h

Die Rekord-Ölpreis sorgen weiter für schlechte Laune in der Wirtschaft. Laut einer Umfrage sehen sich rund 50 000 Unternehmen durch die hohen Energiekosten bedroht. Die Spediteure drohen nun angesichts der Rekord-Spritpreise mit Protesten.

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Ölförderung in Kalifornien: Der hohe Ölpreis gefährdet in Deutschland Arbeitsplätze. (Bild: dpa)
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Ölförderung in Kalifornien: Der hohe Ölpreis gefährdet in Deutschland Arbeitsplätze. (Bild: dpa)
HAMBURG - Die Rekord-Ölpreise lassen Zehntausende deutsche Unternehmen um ihre Existenz bangen. Laut einer Umfrage im Mittelstand könnten hochgerechnet gut 50 000 Firmen ins Wanken geraten. Fast jedes zweite Unternehmen wolle die Preise erhöhen, ergab die Befragung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Die Spediteure drohen nun angesichts der Rekord-Spritpreise mit Protesten. Der Reiseriese TUI Deutschland kündigte am Wochenende Preiserhöhungen an. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) dämpfte Er wartungen, dass Öl wieder billiger werden könnte. Der Ölpreis-Schock ist auch ein zentrales Thema beim Gipfeltreffen der wichtigsten Industrieländer und Russlands (G 8) im japanischen Toyako.

Die Ölpreise waren in den vergangenen Tagen über die Marke von 145 Dollar je Barrel (159 Liter) gestiegen. Daraufhin erreichten auch die Spritpreise in Deutschland Rekordmarken: Ein Liter Benzin kostete nach Angaben aus der Branche durchschnittlich 1,60 Euro, Diesel 1,56 Euro. DIW-Expertin Claudia Kemfert warnte, bei dem in der Branche erwarteten Ölpreis von 170 Dollar je Barrel würde ein Liter Benzin in Deutschland dann 1,75 Euro kosten. Bei 200 Dollar je Barrel würden beim jetzigen Euro-Dollar-Kurs 1,95 Euro je Liter Benzin fällig werden.

Bei der Creditreform-Befragung von 4000 mittelständischen Unternehmen gaben Ende Juni 1,5 Prozent der Firmen an, wegen der hohen Kosten bereits jetzt vor der Geschäftsschließung zu stehen. Hochgerechnet auf den gesamten Mittelstand in Deutschland entspreche das einer Zahl von 51 000 Unternehmen, sagte ein Sprecher von Creditreform. Allein im Einzelhandel befürchteten demnach 15 000 Firmeninhaber, das Geschäft aufgeben zu müssen.

Im Verkehrs- und Logistiksektor sowie im Baugewerbe rechnen nach Creditrefom-Hochrechnung jeweils 5600 Unternehmen mit dem Aus. Akuten Alarm schlägt die Verkehrsbranche. „Für das Transportgewebe ist die Dieselpreisbelastung katastrophal“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands Verkehrsgewerbe Niedersachsen, Bernward Franzky. Innerhalb eines Jahres seien die Kosten pro Lastwagen um 12 000 Euro gestiegen. Hinzu komme die geplante Erhöhung der Lkw-Maut im Schnitt von 13,5 auf 16,3 Cent pro Kilometer. „Das macht pro Lastwagen pro Jahr noch einmal eine Mehrbelastung von 9500 Euro.“ Bundesweit drohten rund 3000 Speditionen in die Insolvenz zu gehen, sagte Franzky. Dies wären viermal mehr als im vergangenen Jahr. Der Bundesverband der Transportunternehmen (BVT) befürchtet in den kommenden Monaten einen Verlust von bis zu 20 000 Stellen. Die Branche plane nun massive Protestaktionen wie Demonstrationen und andere Aktionen, die zu Versorgungsengpässen etwa in Supermärkten führen könnten. Auch aus anderen Branchen wie der Luftfahrt heißt es, der harte Wettbewerb erlaube es kaum, die höheren Energiepreise an die Kundschaft durchzureichen. Der Reiseveranstalter Tui kündigte an, in der neuen Saison würden Reisen etwa in Mittelmeerländer durchschnittlich 2,9 Prozent teurer, Ziele mit eigener Anreise um 1,8 Prozent. Bei weiter entfernten Zielen sei das Bild gemischt. Während Kunden für Reisen nach Sri Lanka, Kenia oder Australien deutlich mehr bezahlen müssten, verbilligen sich Reisen nach Brasilien oder in die USA dank des starken Euro. Urlaube in Deutschland würden um 1,8 Prozent teurer. Auch Deutschlands zweitgrößter Reiseanbieter Thomas Cook hatte kürzlich Preisanhebungen angekündigt und will etwa bei Neckermann-Reisen teilweise auf billigere Hotels ausweichen.

Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) trat Befürchtungen entgegen, die rasant steigenden Kosten für Energie und Rohstoffe könnten der deutschen Wirtschaft auf breiter Front schaden. Die Wirtschaft sei „stabil genug, das auszuhalten“, sagte er der „Welt am Sonntag“. SPD-Fraktionschef Peter Struck rief zu einer Senkung des Energieverbrauchs auf.

Die Bundesregierung setzt als Alternative zum Öl verstärkt auf Windkraft mit dem Bau von bis zu 30 Windparks in der Nord- und Ostsee. Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee habe einen entsprechenden Raumordnungsplan fertiggestellt. „Wir setzen auf regenerative Energien und nicht auf Atomkraft“, sagte er der „Welt am Sonntag“.

Der Versicherungskonzern Allianz rechnet mit einem Anstieg der Ölpreise auf 200 Dollar je Barrel. „Ich kann nicht sehen, wie wir nach dem Jahr 2010 längerfristig einen Ölpreis von unter 200 Dollar haben können“, sagte Vorstandsmitglied Joachim Faber dem „Tagesspiegel“. Auch die Internationale Energie-Agentur (IEA) erwartet dauerhaft hohe Ölpreise. Zwar werde sich die Lage am Ölmarkt bis 2009 / 2010 zunächst entspannen, da neue Förderprojekte die Produktion aufnehmen, sagte der IEA- Exekutivdirektor Nobuo Tanaka. Danach werde die Förderung aber sinken und gleichzeitig die Nachfrage steigen, vor allem in den Entwicklungsländern: „Bis 2013 bleibt die Lage am Markt sicher gespannt.“ Um den Ölmarkt zu entspannen, müssten sich die Marktfundamente ändern: Mehr Investitionen auf der Angebotsseite, stärkere Energiesparbemühungen auf der Nachfrageseite. (ddp, dpa)



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