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Gelsenkirchen

Wo der Ball rollt und die Affen winken

Von Gisela Arndt, 10.07.08, 19:28h, aktualisiert 10.07.08, 21:43h

Wenn man an Gelsenkirchen denkt, kommt jedem der Fussball in den Sinn. Aber mit einem einzigartigen Zoo, den Grünanlagen am Schloss Berge und dem Blick von der Halde Rungenberg hat die Stadt im nördlichen Ruhrgebiet einiges mehr zu bieten.

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Wer ist hier vor, wer hinter dem Glas? Begegnung unter entfernten Verwandten in der „Zoom“-Erlebniswelt. BILD: GISELA ARNDT
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Wer ist hier vor, wer hinter dem Glas? Begegnung unter entfernten Verwandten in der „Zoom“-Erlebniswelt. BILD: GISELA ARNDT
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Die 300 Stufen führen hinauf zu Gelsenkirchens Matterhorn.
GELSENKIRCHEN - Hier oben weht immer eine frische Brise. 300 Stufen die grüne Halde hinauf und man fühlt sich fast wie auf dem Matterhorn - hoch über Gelsenkirchen. Weiter, freier Blick und leichter, freier Atem. Ich stehe auf der Halde Rungenberg in Gelsenkirchen-Buer. Nur noch wenige qualmende Schornsteine ragen aus der grünen Landschaft empor. Ja, es stimmt, im Ruhrgebiet ist alles anders als es mal war und anders als man denkt.

Gelsenkirchen? Ich wollte es nicht glauben. Doch mein Besucher aus der Schweiz beharrt darauf, der Zoo in Gelsenkirchen soll sehr, sehr interessant sein. Von Köln aus betrachtet, liegt Gelsenkirchen irgendwo im hinteren Ruhrgebiet. Klar, die Sommerferien, Teil 4

Schalke - das kennt jeder: „Ob ich erblinde und verkalke, ich gehe immer noch auf Schalke“. Doch hängt an dem Fußballverein tatsächlich eine Stadt? Ja doch, ohne Navi muss man zunächst fest dran glauben. Ganz plötzlich taucht das Schild auf der Autobahn auf. Essen, Oberhausen, Bochum, auch schon mal Herne sind ausgeschildert. Gelsenkirchen scheint im Ruhrgebiet abgetaucht.

„Du wirst in meinem Herzen sein“ hat eine oder ein Sabbi auf das rostige Eisen oben auf der Halde Rungenberg gemalt. Gemeint ist aber nicht die Stadt da unten, sondern eine Jacky - oder ist es ein Er? Egal. Hier treffen sich die jungen Paare und einsame Romantiker, um ihre Liebes-Seufzer in ungelenker Schrift zu verewigen. Der künstliche Berg hat zwei Gipfel - auf beiden steht je ein riesiger, rostiger Scheinwerfer. Das Licht der beiden Leuchten trifft sich und bildet abends eine Pyramide am Himmel. Futuristisch angehauchte Romantik. Die Lichtplastik heißt „Nachtzeichen“. Doch das wollen die Liebespaare, die sich hier treffen, gar nicht wissen. Ein junges Paar hat sich eine Decke mitgebracht, es hält sich fest an den Händen und starrt in die Ferne.

Am Fuß der Halde liegt die Schlüngelbergsiedlung. „Sie vereinigt verschiedene Baustile und Siedlungskonzeptionen aus der Geschichte des Wohnungsbaus für Bergleute und gilt als eines der Glanzstücke der IBA Emscher Park“, rühmt der Prospekt der Stadt. Die Baustile sind den meisten Bewohnern wohl eher egal. Aus blauen Übertöpfen recken sich akkurat geschnittene Buchsbaum-Pflanzen und sorgen für Abgrenzung des Grundstücks. In diesem Haus wird der Rasen regelmäßig geschnitten. Auch dort, wo die Terracotta-Töpfe mit Fleißigen Lieschen gefüllt sind, sieht es proper aus. Doch sonst?

„Nix mehr Kneipe, kein Restaurant, keine Bude“, bedauernd hebt der Bewohner der Schlüngelberg- siedlung die Schultern. Er ist freundlich und sehr hilfsbereit. Genauso wie es in Berichten heißt. „Die Bewohner sind unser Kapital“, preisen die Kommunalpolitiker ja gern die Gegend an. Das stimmt. Aber die Freundlichkeit verhilft mir leider zu keinem Getränk.

Nahe an Schalke

Also auf nach Schloss Berge - es ist ja nicht weit. Ein richtiges uraltes Schloss - seit mehr als 80 Jahren gehört es der Stadt Gelsenkirchen - beherbergt eine gepflegte Gastronomie. Die Grünanlagen rund um das schmucke Ausflugsziel sind 73 Mal so groß wie ein Fußballfeld, hat jemand ausgerechnet. Die Beziehung zum Fußball kommt nicht von ungefähr, die Arena ist nah. Wenn Schalke spielt, ist hier kaum ein Platz zu bekommen. Auch nicht in der Gaststätte mit fein gedeckten Tischen draußen. Ein Blick durch den schmucken Schlossgarten lässt vollends vergessen, dass dies Gelsenkirchen ist. „Lieblich schweben durch die Luft die schwarzen Dämpfe“, hatte der Wiener Kabarettist und Komponist Georg Kreisler schließlich vor rund 50 Jahren über die Stadt gedichtet. In dem boshaften Schmählied mit dem Titel „Das gibt es nur in Gelsenkirchen“ ließ er kein gutes Haar an der Stadt. Das Lied ist in Vergessenheit geraten - völlig zu Recht. Das Schwärzeste in Gelsenkirchen, was mir begegnete, war eine Schönheit aus Burkina Faso; sie sprach das beste Hochdeutsch, das ich bei meinem Ausflug ins Ruhrgebiet zu hören bekam.

Und es hat Zoom gemacht

„Wenn der Ball nich rollt, guckste Affen!“ Der stämmige Mittvierziger ist mit seiner Familie unterwegs und lacht viel zu laut über seinen Satz, den er einem anderen Familienvater zuruft. Ganz Gelsenkirchen scheint auf den Beinen, um in den Zoo zu kommen. Der Zoo heißt hier Zoom, weil er anders ist als herkömmliche Tiergärten; und „Erlebniswelt“ nennt er sich. Diese Welt beginnt mit einer Enttäuschung: Schlange am Eingang, Schlange an den Toiletten, Schlange am Pommes-Stand. Nur nicht beeindrucken lassen - es lohnt sich, diese Hürden zu nehmen, um in die „Erlebniswelt Alaska“ und anschließend „Afrika“ einzutauchen. Auf insgesamt 20 Hektar Fläche ist die größte Seelöwenanlage, Hängebrücken, Feuchtsavanne und Busch-Baumsavanne angelegt. Zäune und Absperrungen fügen sich in die Landschaft ein, die Tiere sind nirgendwo ausgestellt.

Die meisten Familien haben ihr Picknick mitgebracht. Es gibt genug Bänke und Tische an denen das Mitgebrachte verzehrt werden kann. Beim Blick auf die futternden Giraffen zieht es dann doch viele Besucher zum Pommes-Stand.

Ja, Gelsenkirchen hat einen besonderen Zoo. Die Grenzen zwischen den Bewohnern der Erlebniswelten und den Besuchern verschwimmen. Dort, wo ein Bär von weitem aus der Höhle schauen sollte, sieht der Besucher Menschengesichter. Durch Glasscheiben sind sie vom Wildgehege getrennt. Das gewohnte Betrachten scheint sich langsam zu verändern. Schauen die Tiere jetzt den Besuchern zu oder umgekehrt? Wie selbstverständlich winken drei Erwachsene mit völlig ernsten Gesichtern dem Affen zu. Der hatte tatsächlich den Arm so gehoben, als wolle er „Hallo“ sagen. Wirklich freundlich.

In der nächsten Folge geht's nach Essen, zur Zeche Zollverein, dem Baldeneysee, zur Margarethenhöhe und in den Grugapark.



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