Von Peter Mlodoch, 10.07.08, 20:29h, aktualisiert 11.07.08, 13:49h
Zwölf gelbe Fässer stehen aufgereiht hinter einer gelbschwarzen Kette, davor Warnschilder „Kontrollbereich - Radioaktivität“. Zwölf Fässer, fünf mit Uran, fünf mit Cäsium 137, zwei mit Neptunium. Das Forschungszentrum Karlsruhe untersucht hier, wie schnell strahlende Isotope aus einem Zementblock ausgespült werden, der in einer Salzlösung steht. Nein, nichts Illegales, nichts Geheimes, Meyer widerspricht wüsten Spekulationen der Asse-Gegner.
Knapp 300 Meter tiefer im ehemaligen Salzbergwerk redet auch Heinz-Jörg Haury über natürliche Strahlung. „Da kriegen Sie im Schwarzwald mehr ab“, sagt er, und in seiner Stimme scheint ein leicht verächtlicher Unterton mitzuschwingen. Haury spricht für das Münchner Helmholtz-Zentrum, das im Auftrag des Bundesforschungsministeriums die Asse als sogenanntes Versuchsendlager betreibt.
Eine Besuchergruppe um den niedersächsischen Umweltstaatssekretär Stefan Birkner (FDP) steht vor der Abbau-Kammer 12. „Vorsicht Kontamination“ warnt ein Blechschild. Dahinter stehen vier Plastikbottiche mit schwarzgelben Radioaktivitätsaufklebern, ein paar Schläuche führen in eine dunkle Ecke. Dort ist der Sumpf, der plötzlich die Aufmerksamkeit auf die fast schon vergessene Asse richtete. Salzbrühe läuft in den Sumpf, verseucht mit Cäsium 137. Der zulässige Grenzwert wurde zeitweise um das Elffache überschritten.
Als die verstrahlte Suppe 2005 bei Sicherungsarbeiten in den maroden Salzkammern entdeckt wurde, entschlossen sich die Helmholtz-Leute, die Lauge einfach tiefer auf die 950-Meter-Sohle zu pumpen - ohne Genehmigung, ein Anruf beim Landesbergamt sollte genügen. Das niedersächsische Umweltministerium in Hannover wurde nach eigenen Angaben nicht über die Strahlenbelastung unterrichtet.
„Wir mussten doch unsere Arbeiter vor der Strahlung schützen“, sagt Asse-Betriebsleiter Günther Kappei am Tatort zu der Aktion. Man habe geglaubt, das Verklappen in die Tiefe sei von den Betriebsplänen gedeckt. Stefan Birkner, der in Absprache mit Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) und dessen Forschungskollegin Annette Schavan (CDU) als eine Art Sonderermittler fungiert, hört sich die Erklärungen mit ungerührter Miene an. „Bei der Asse darf es keine Betriebsgeheimnisse geben“, gibt der Staatssekretär dann als beschwörende Parole aus. Kappei und Kollegen nicken.
Das illegale Abpumpen wurde vor einigen Wochen gestoppt, die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt, der Referatsleiter im Bergamt wurde versetzt. 30 Liter täglich, berichtet der Betriebsleiter, fließen immer noch in den Sumpf, dafür betrage die Strahlenbelastung nur noch das Dreifache.
Eine plausible Erklärung für die erhöhte Dosis gibt es nicht. Als Ursache kommt ein Unfall beim Rangieren mit Atommüllfässern im Jahr 1973 ebenso in Betracht wie ein Kontakt eindringender Salzlauge mit den Strahlenabfällen. „Wir müssen erst die alten Unterlagen sichten“, blockt Kappei weitere Fragen ab.
Für die Betreiber ist der verstrahlte Sumpf ohnehin nicht das Hauptproblem, das liegt in der Südflanke auf 737 Meter zwischen den ehemaligen Abbaukammern 2 und 3. Riesige Risse durchfurchen den Salzpfeiler, von der Decke bröckelt Gestein ab. Um sechs Meter hat sich der Salzstock in den vergangenen 20 Jahren verschoben, berichtet Kappei. „Spätestens 2016 ist die Tragfähigkeit der Pfeiler erschöpft. Dann halten sie dem Druck nicht mehr stand.“
Zum Einsturzszenario kommt die Absaufgefahr der Asse. Auf 658 Meter Tiefe steht eine große Stahlwanne, die ein Rinnsal aus einem Rohr auffängt. Das Plätschern trügt. 10 000 Liter Salzlauge täglich fließen hier rein, lockern das poröse Salz weiter auf. An anderer Stelle sind es noch mal 2000 Liter. Einziger Trost: Beide Lecks befinden sich oberhalb der Lagerkammern mit Atommüll. „Zum Glück ist diese Lauge nicht kontaminiert“, sagt Kappei. Die Besichtigungstour zu den Problemstellen nutzen die Helmholtz-Leute, um für ihr umstrittenes Schließungskonzept zu werben. Danach bleiben die 126 000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen in der Asse, das Bergwerk wird im unteren Bereich mit 600 000 Kubikmetern Spezialbeton, in der maroden Südflanke mit 1,2 Millionen Kubikmetern Magnesiumchloridlösung verfüllt. Das Wort „Flutung“ will Projektleiter Gerd Hensel nicht hören. Mit dem „Schutzfluid“ würden lediglich die Poren zwischen dem bereits aufgeschütteten Salz geschlossen.
Verkrustet und verrostet
Kappei und Hensel schließen aus, den Strahlenmüll wieder aus der Asse zu holen. „Da müssten Sie ja mit der Hand buddeln“, sagt Hensel und deutet hinter ein Absperrband. Im Kunstlicht der Kammer 7 tauchen die Reste von einigen gelben Fässern auf, verkrustet, verschmutzt, verrostet. Wie auf einer wilden Müllhalde hingeschüttet und notdürftig mit Salz und Beton überdeckt. Wie es darunter aussieht, vermag sich niemand auszumalen. „Abkipptechnik“ nennt ein offizielles Helmholtz-Plakat die Methode, den Atommüll per Schaufellader hierher zu verfrachten. Stapeln wäre damals zu gefährlich für die Mitarbeiter gewesen, erläutert Strahlenschützer Meyer. „Verheerend“ entfährt es Birkner. Dem Staatssekretär schwant, dass die Gammelfässer ihre ewige Ruhestätte gefunden haben dürften.
Die paar Demonstranten vor dem Stahltor haben ebenso wenig wie Umweltschützer für die Altlast ein Rezept parat. Sie tragen ein gelbes Holz-A mit der Aufschrift „aufpASSEn“ und ein Spruchband „Gorleben und Konrad - so sicher wie die einstürzenden und absaufenden Endlager Asse und Morsleben“. Für sie sind die Vorfälle in der Asse, die lange Jahre als Pilotanlage für den Salzstock Gorleben galt, symptomatisch für die ungelöste Endlagerfrage für den strahlenden Müll.
20 Kilometer weiter westlich in Salzgitter werden die Bergleute im Schacht Konrad wütend, wenn das Wort Asse fällt. In dem ehemaligen Eisenerzbergwerk laufen seit langem längst die Vorbereitungsarbeiten für die Einlagerung von schwach- und mittelradioaktiven Abfällen. Rund 300 000 Kubikmeter Strahlenmüll aus Forschungsreaktoren und dem Abriss von Atomkraftwerken sollen ab 2013 hierher verfrachtet werden. Derzeit wird der Einlagerungsschacht saniert. Riesige Schneidemaschinen fräsen die unterirdischen Zufahrtswege zu den späteren Lagerkammern auf einen transporttauglichen Querschnitt.
Mit einer offensiven Informationspolitik versucht der hiesige Betreiber, das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), die Skeptiker zu überzeugen. Nur glauben mag keiner mehr den Worten über die Sicherheit. „Das erzählt man uns doch bei der Asse auch seit Jahrzehnten“, empört sich Anti-Konrad-Aktivist Peter Dickel. Von einem Super-Info-GAU spricht man im BfS. Asse habe der Glaubwürdigkeit der Behörde großen Schaden zugefügt, heißt es. Die Lage sei ausgesprochen ernst.
Kernenergie??? Welche Folgen???
11.07.2008 | 10.58 Uhr | fips0211
Der Artikel kommt genau zur richtigen Zeit. Jetzt wo wieder "kleinere" Störfälle in Kernkraftwerken publik werden, wo auf Deutschland zunehmend Druck…
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