Von Dirk Risse, 11.07.08, 23:42h, aktualisiert 30.07.08, 10:21h
Er hat eine Minute Zeit, die grölenden Mitschüler im Nacken und Ahmed vor sich, der den Gral mit allen Mitteln verteidigen soll. So stürmt also Alexander heran, bedrängt von Ahmed, beide rangeln, purzeln zu Boden. Doch es nützt alles nichts. Ahmed bleibt Sieger und der Gralsritter muss sich trollen.
Fragen statt schlagen
Tim (12), der sich nach Alexander der Aufgabe stellt, hat einen besseren Trick parat. Er bittet einfach um den Gral - und bekommt ihn. Die Schüler klatschen, Tim strahlt, nur Alexander schaut etwas betreten aus der Wäsche.
Fragen statt schlagen. Das Spiel gehört zu einem Dutzend Übungen, die die Männerberatung Dekathlon im Rahmen eines Anti-Gewalt-Trainings ausgetüftelt hat. Mit 15 Jungs der Bornheimer Schule feilten Trainer Rainer Breidenbach und Jan Schnorrenberg zwei Tage lang am Männerbild der Siebtklässler, übten Selbstvertrauen ein und hinterfragten Rollenbilder der Jungen. „Gewalt und Erfolg im Leben haben nichts miteinander zu tun“, sagt Breidenbach. „Das wollen wir den Jungen vermitteln.“ Dabei sind die Bornheimer Jungs (noch) eher harmlos.
Sozialpädagoge Breidenbach bietet auch Anti-Gewalt-Trainings im Bereich häuslicher Gewalt an und hat es dann mit ganz anderen „Kalibern“ von Männern zu tun. Mit Jugendlichen, die Mutter und Geschwister quer durch die Wohnung prügeln. Und mit Erwachsenen wie dem Professor, der seine Frau grün und blau schlug, mit den Achseln zuckte und sagte: „Das kommt halt so über mich.“ Rainer Breidenbach zieht an einer der vielen Zigaretten, die er an diesem Tag verqualmt, und sagt: „Zu Hause, das ist der gefährlichste Platz für eine Frau.“
Das ist vielleicht in Bornheim ein kleines Stück weniger so als in Berlin-Kreuzberg. 50 000 Einwohner zählt die Stadt Bornheim am Fuße des idyllischen Vorgebirges, auf der Internetseite werben die Stadtväter mit schönem Brauchtum und Bornheimer Spargel. Beim Mittagessen in der Alexander-von-Humboldt-Mensa kommen Florian, Alex und Naffi schon mächtig ins Grübeln, wenn man sie nach ihren Gewalterfahrungen fragt. Gut, Alex hat mal zurückgehauen, als er geschubst wurde, und Florian erinnert sich dunkel an irgendeine Schlägerei an einer Bushaltestelle in Alfter. Nur Naffi, nie um einen lockeren Spruch verlegen, erzählt aus der Koranschule. Fazit: „Da fliegen schon mal die Fäuste.“
480 Schulverletzungen - täglichTrainer Breidenbach versteht seine Arbeit mit den Schülern in erster Linie als Prävention. Und die ist überall nötig: Jeder fünfte Schüler hat laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid bereits Erfahrungen mit Gewalt in der Schule gemacht. Ein Drittel der Kinder hat Angst davor, von Mitschülern geschlagen zu werden. Und täglich müssen 480 Schüler zum Arzt - weil sie in der Schule verletzt wurden, ermittelte der Bundesverband der Unfallkassen. Meist sind es Jungs, die ausrasten, sagt Breidenbach. Mädchen seien besser in der Schule, erfolgreicher in der Uni, die Jungs gucken in die Röhre. „Mädchen sind sozial unglaublich kompetent, Jungen drücken sich lieber über Spiele aus.“
Also „spielen“ Breidenbach und Schnorrenberg mit ihnen. „Stage Diving“ zum Beispiel. Da bilden die Jugendlichen ein Kette und fangen Mitschüler auf, die sich von einem Tisch nach hinten fallen lassen. Passieren kann eigentlich nichts, da passen die Trainer auf. Aber so ein bisschen mulmig ist den Jungs schon im Magen. Es wird gelacht und geflachst, aber als es darauf ankommt, stehen sie Spalier, bilden eine Kette aus Armen und Händen und setzen die Mitschüler so sanft ab als müssten sie rohe Eier transportieren. „Gut gemacht“, sagt Breidenbach hinterher.
Es klappt nicht alles so gut. Ein anderes Spiel, ein anderes Ergebnis. Auf einer „Gewaltskala“ von eins bis zehn sollen die Jugendlichen verschiedene Gewaltdelikte einordnen. Zehn steht für sehr gewalttätig, eins ist eher lau. Anfangs gibt es keine Orientierungsprobleme. Mobbing wird von den Schülern mit acht Punkten bestraft und auch die Hooligans kommen nicht besser weg. Dann aber: Für „Ein Mädchen in den Po kneifen“ haben die Jungen gerade einmal drei Punkte übrig.
Wochenlang gequält
„Manche Mädchen mögen das, anderen macht es nichts aus“, sagt einer aus der Klasse. Trainer Breidenbach wird zum ersten Mal nachdrücklich und erzählt von dem Mädchen, das von seinen Mitschülern wochenlang gequält wurde. Sie griffen ihr an den Busen, kniffen sie in den Po, hoben ihren Rock an. Solange, bis es weinend zusammenbrach. „Das ist nicht cool, nicht männlich, das ist nur erbärmlich“, sagt Breidenbach und bei den Schülern scheint es einen Moment lang zu klicken. Getuschel, danach betretenes Schweigen. Dann steht einer der Jungen auf, verändert die Gewaltskala. Ganz leicht nur. Die Tätlichkeit landet auf Punkt vier der Liste - immer noch drei Punkte unter „An Bushaltestellen randalieren“. „Immerhin stimmt die Tendenz“, sagt Breidenbach. Die Arbeit mit den Jungen wird ihm so schnell nicht ausgehen.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Hedwig Neven DuMont
Viele Kinder leiden unter Depressionen, Lernbehinderungen und Krankheit. Manche werden als „sozial gestört“ abgestempelt. Sie alle brauchen unsere Hilfe. Hilfe, um aus ihrem dunklen seelischen Loch herauszukommen. Hilfe durch gesunde Freizeitangebote und das Teilhaben an Sport und anderem mehr.
Diese Kinder müssen wir an die Hand nehmen und ihnen eine Chance geben, körperlich und seelisch zu gesunden. Unser Thema bis Oktober 2012 lautet deshalb: „wir helfen – um alle Kinder hier an die Hand zu nehmen.“

Testen Sie das ADHS-Risiko Ihres Kindes!
Lizzy Net - Internet für Mädchen
Sozialdienst Katholischer Frauen
Sozialdienst Katholischer Männer
Kidkit - Für Kinder süchtiger Eltern
Netkids - Gegen Kinderpornografie im Netz
Diakonie Michaelshoven - Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe