Von Birgit Cerha, 11.07.08, 23:10h
Militärisch geschwächt, doch in ihren Heimatregionen immer noch populär, will sich die Kurdenorganisation zurück ins Rampenlicht manövrieren. Die Entführung von drei deutschen Bergsteigern am biblischen Berg Ararat im südosttürkischen Kurdistan, wirft viele Fragen auf, die sich vorerst nicht beantworten lassen. Menschenraub zählt seit langem nicht mehr zu den Methoden der Kämpfer der „Arbeiterpartei Kurdistans“ (PKK) und in der Region ist man überzeugt, dass die drei Deutschen gut behandelt und ohne physische Schäden wieder freigelassen würden. Es ginge primär darum, durch eine ungewöhnliche Aktion ein Zeichen des Protestes gegen die deutsche Kurdenpolitik zu setzen und zugleich auch auf die anhaltenden Repressionen des türkischen Staates gegen das kurdische Volk innerhalb seiner Grenzen aufmerksam zu machen. Unklar ist, ob nun wirklich die PKK-Führung oder eine kleine lokale Splittergruppe hinter der Entführung steckt.
Fest steht jedoch, dass die Kurden Südostanatoliens unter verschärften Repressionen, türkischen Militäraktionen und Gewaltakten des türkischen Geheimdienstes leiden. Das türkische Militär nutzt die Suche nach den entführten Deutschen, um mutmaßlichen PKK-Kämpfern das Handwerk zu legen. Zehn Guerillas wurden Donnerstag rund 200 Kilometer vom Entführungsort, dem Berg Ararat, entfernt, getötet.
Mehr Bürgerrechte statt SezessionWer heute tatsächlich die PKK anführt, ist selbst für Eingeweihte ein Rätsel. Es handelt sich dabei vermutlich um ein Team, das sich im Laufe der Jahre enormen Einfluss auf die lokale Bevölkerung verschaffte. Die PKK hat seit der Verurteilung Öcalans ihr Ziel eines unabhängigen Kurdenstaates formell aufgegeben und setzt nun alle Hoffnung darauf, den türkischen Staat für einen Dialog zu gewinnen, in dem sie den Kurden „Bürgerrechte und ein Maß an Autonomie“ zu sichern hofft. Ihr Ziel ist die Errichtung eines Systems, in dem die Kurden sich selbst innerhalb des türkischen Staates regieren. Ankara aber lehnt beharrlich jedes Gespräch ab. Berlin hat sich in den Augen vieler Kurden dieser Politik angeschlossen, statt türkische Politiker zu einer Verhandlungslösung zu drängen. Der Entführungsakt könnte auch auf dieses diplomatische Defizit aufmerksam machen wollen. Die größte Gefahr droht den deutschen Geiseln vermutlich nicht von ihren Entführern, sondern von dem Versuch einer gewaltsamen Befreiung durch die türkische Armee.
Wo die Bergsteiger festgehalten werden, ist völlig unklar. Das Rückzugsgebiet der PKK-Kämpfer, der Nordirak, liegt zu weit vom Entführungsort entfernt. Zudem verstärkt sich im Irak der Druck auf die PKK. Präsident Talabani, ein Kurde, stellte eben erneut klar, dass die PKK ihre Gewaltakte stoppen müsse, während der Präsident Kurdistans, Barzani, offen beklagt, dass die PKK unter der lokalen Bevölkerung „Schutzgelder“ erpresse. Eine Flucht in den Iran dürfte sich als schwierig erweisen und das nahe gelegene Armenien gilt für die Türken seit langem als „Feindstaat“. Die Grenzen werden streng überwacht. Doch die Berge Türkisch-Kurdistans bieten vielfältige Zuflucht, von Höhlen bis zu unzähligen leer stehenden Häusern oder verlassenen Dörfern.
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