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Interview

„Untrainierte gefährden den Ruf des Laufsports“

Erstellt 14.07.08, 22:09h

Herbert Steffny (54) war einer der erfolgreichsten deutschen Marathonläufer. Er arbeitet als Lauftrainer, auch Joschka Fischer betreute er beim Marathon-Training. Er veranstaltet und begleitet Lauf-Reisen in alle Welt.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Steffny, zwei Menschen laufen, bis sie tot umfallen. Man sollte meinen, bei einem Extremlauf wie auf der Zugspitze nehmen nur erfahrene Läufer teil, die wissen, wie ihr Körper reagiert?

HERBERT STEFFNY: Nein, das ist leider nicht so. Die Unvernunft greift um sich. Die Leute sind immer schlechter vorbereitet, das merkt man schon länger beim Marathon - und jetzt ist es sogar schon bei Bergläufen so. Und da kam man eben nicht wie bei einem Stadtlauf einfach aufhören, und dann kümmert sich jemand am Straßenrand, sondern da liegt man unterkühlt im Schnee und muss auf Hilfe warten.

Warum wird die Gruppe der schlecht Trainierten größer?

STEFFNY: Früher waren Marathonläufer alle in Vereinen organisiert. Da wurde gemeinsam unter Anleitung trainiert. Heute sind die meisten Läufer unorganisiert. Ich erlebe es immer öfter, dass die Leute am Marathon-Start stehen, noch nie einen Wettkampf mitgemacht haben und erst mal Durchfall vor Aufregung kriegen. Hinzu kommt, dass die Läufer immer älter werden.

Was treibt die Leute an?

STEFFNY: Das sind oft persönliche Grenzgänge, die Suche nach dem Kick. Oder sogar nur das Ergebnis einer Bierwette: Da mach ich jetzt auch mal mit. Letztlich beschädigen aber solche unerfahrenen Läufer, die den Tod durch Hitze oder Kälte provozieren, leichtfertig das Image des Laufsports.

Welche Verantwortung trägt der Veranstalter? Hätte er den Lauf nicht absagen müssen?

STEFFNY: Ein guter Freund von mir und erfahrener Bergläufer hat gesagt, er wäre bei diesen Wetterbedingungen nicht gestartet. Ich frage mich, warum der Veranstalter den Lauf wegen des Wetters nicht verkürzt hat. Das hat er früher schon einmal gemacht - ist dann aber wohl mit Regressforderungen von verärgerten Läufern überzogen worden. Das ist einfach zu vermeiden, indem man in der Ausschreibung festlegt, dass der Lauf jederzeit aufgrund von Wetterbedingungen verkürzt oder abgesagt werden kann. Ich weiß nicht, wie es bei dieser Veranstaltung ist, aber heutzutage werden solche Läufe oft von Eventagenturen ausgeschrieben, die zu Gigantismus neigen. Da muss es dann der irrste Berglauf sein. Und das Ziel wird lange aufgelassen, damit das Teilnehmerfeld möglichst groß ist - auch aus finanziellen Gründen.

Wäre es vernünftig, Gesundheitszeugnisse von den Teilnehmern zu verlangen?

STEFFNY: Das hat praktisch keinen Nutzen. Das kann jeder Arzt ausstellen ohne nähere Prüfung. Und man kann einen Tag vor dem Lauf Fieber kriegen, und das steht dann nirgendwo, ist aber lebensgefährlich. Letztendlich ist die Entscheidung, ob man läuft oder nicht, eine Frage der eigenen Vernunft. Ich habe 1988 einen Tag vor dem Olympia-Lauf in Seoul 39,8 Fieber gekriegt. Ich bin dann nicht gestartet - und da ging es um Medaillen und nicht um irgendeinen Berglauf.

Das Gespräch führte Christiane Vielhaber



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