Von Anja Katzmarzik, 18.07.08, 17:20h, aktualisiert 30.07.08, 12:51h
Er will einen guten Eindruck hinterlassen. Er, der von Diebstahl über Raub bis schwere Körperverletzung viele Straftaten in seiner Akte stehen hat. Er, der selbst noch im Gefängnis vier Disziplinarverfahren wegen Prügeleien kassierte, weshalb eine frühzeitige Vollzugs-Lockerung wie Ausgang oder Urlaub abgelehnt wurde, soll sechs Monate vor Verbüßen seiner gesamten Haftstrafe rauskommen.
Vorzeitige Entlassungen sind üblich bei Jugendstrafen. Der Rest der Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt, sobald dies auch „unter Berücksichtigung des Sicherheitsinteresses der Allgemeinheit“ verantwortet werden kann. Dann geht es raus, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Fällt die „soziale Prognose“ bezüglich Wohnung, Arbeit, Schule und Gesetzestreue positiv aus, stimmt der Richter der sofortigen Entlassung zu.
Es gibt eine Kostenzusage vom Jugendamt Siegburg für die Unterbringung in einem Wohnheim in Köln-Nippes. Für drei Monate. Die wurde zum zuständigen Richter geschickt. Es gibt die vage Hoffnung, dass er danach in ein weiteres Wohnheim in Sülz ziehen könnte. Alles nichts Genaues. Der Termin der Anhörung steht noch aus.
„Das kann jetzt ganz schnell gehen“, macht Bewährungshelferin Susanne Lutzius ihrem Schützling Mut. Sie hat ihn vier Wochen vor seiner Entlassung erstmals gesehen. Heute ist sie bereits das zweite Mal hier. Die Vorbereitungen mit dem Sozialdienst der JVA sind abgeschlossen. Durchschnittlich hat Susanne Lutzius 75 Klienten. Vier besucht sei allein heute.
Tino bearbeitet nervös seine Unterlippe mit den Zähnen. Seine Mutter hat ihren Besuch angesagt - jetzt, da die Entlassung naht. „Wie soll ich mit ihr umgehen?“, fragt er sich. Die Mutter habe ihn ins Heim gegeben als er neun Jahre alt war. „Sie hat 19 Jahre lang getrunken. Aber jetzt ist sie trocken. Sie hat seit Neujahr nichts getrunken.“ Doch schwer krank sei sie in Folge ihrer Sucht. Leberzirrhose, Gelbsucht, Wasser in der Lunge, beschreibt er ihr Krankheitsbild. „Sie sagt, sie vermisst mich.“ Tino will sein „eigenes Leben auf die Beine stellen“ und „was vorweisen“. Doch ihn macht der Gedanke wahnsinnig: „Wie soll ich ihr sagen, dass ich nicht zu ihr nach Koblenz ziehe?“ Tino ist Sinti deutscher Abstammung. Familie wird hier besonders groß geschrieben.
Lutzius rät in Tinos Fall: Nicht zu viel Kontakt zu seinem alten Umfeld, wozu auch die Familie gehört. Stattdessen ein betreutes Wohnen im Carl-Sonnenschein-Haus in Köln. Eine weitere Empfehlung der JVA: Eine Arbeit oder Ausbildungsstelle finden - Tino hat sowohl Hauptschule als auch Lehre abgebrochen - und eine Drogenberatung aufsuchen. „Ja, ich habe mit Cannabis Probleme gehabt“, gibt Tino zu, der täglich bis zu fünf Gramm Hanf rauchte. Aber damit habe er nichts mehr zu tun. „Auch wenn man hier drinnen besser dran kommt als draußen. Ich bräuchte nur nach oben zu gehen und könnte ihnen die Drogen hier auf den Tisch packen“, versucht er sein Gegenüber zu beeindrucken. Doch das ist schwer zu schocken. „Ich mache das fast 30 Jahre. Ich weiß, wo die Glocken hängen“, kontert Lutzius.
Regelmäßige Urinkontrollen
Mit regelmäßigen Urinkontrollen wird Tino Müller, wenn er ein freier Mann ist, ein drogenfreies Leben nachweisen müssen. Und zwar hier in Köln, wo er im Mai 2006 verhaftet worden war. Am Hauptbahnhof war er in eine Personenkontrolle geraten, hatte noch versucht zu flüchten - bis der Polizeibeamte in Zivil eine Pistole zog und sich Tino auf den Boden warf und ergab. Mehrere Raubüberfälle gingen bis dato auf sein Konto mit Beuten bis zu mehreren zehntausend Euro. „Ich muss mit meinem eigenen Leben klar kommen“, wiederholt Tino nun gebetsmühlenartig. „Nicht, dass sie denken, ich bin nicht richtig im Kopf oder so“, wendet er sich wieder Susanne Lutzius zu. „Aber könnte ich nicht einen Psychologen sprechen oder so was? Ich kriege das alles nicht verpackt.“ Auch habe er Angst, dass er sich draußen provozieren lässt und wieder draufschlägt. Doch am größten sei seine Angst, beruflich nichts vorweisen zu können. „Gibt es eigentlich noch Ich-AG?“, fragt er seine Bewährungshelferin wie aus dem Nichts. Heute Nachmittag um 15 Uhr will seine Mutter kommen. „Sie hat gesagt, dass sie kommt.“ Oder war das auch wieder nur ein leeres Versprechen?
gibt es eigentlich noch Ich-AG?
19.07.2008 | 08.56 Uhr | alesig
der hinweis auf die"unterbringung" des jungen im carl-sonnenschein-haus hat mich sehr betroffen gemacht.der Freund meiner tochter hat dort nach dem…
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Hedwig Neven DuMont
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