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Museen

Leben in der Wohnmaschine

Von Georg Imdahl, 18.07.08, 21:09h, aktualisiert 18.07.08, 23:26h

Neue Museen in New York und eine Ausstellung im Museum of Modern Art. Die Stadt glänzt mit neuer Architektur, verantwortet aber auch Bausünden.

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Fertigbauten neben dem Museum of Modern Art in New York: Links das voll verglaste „Cellophan-Haus“ von Kieran Timberlake Associates aus Philadelphia; rechts das Wohnmodul von Horden Cherry Lee aus London und Haack + Höpfner aus München. BILDER: GI, AV
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Fertigbauten neben dem Museum of Modern Art in New York: Links das voll verglaste „Cellophan-Haus“ von Kieran Timberlake Associates aus Philadelphia; rechts das Wohnmodul von Horden Cherry Lee aus London und Haack + Höpfner aus München. BILDER: GI, AV
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Frenetisch gefeiert wird der Neubau des New Museum.
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Der umstrittene Bau des Museum of Arts and Design

Bei allem Drang zur Erneuerung bleibt New York nicht von Kontroversen verschont, welche heimische Bausubstanz es vor dem Zugriff des Fortschritts zu schützen gilt. Ein solcher Streit war zuletzt über die Umgestaltung einer Landmarke am Columbus Circle ausgebrochen - Edward Durell Stones seltsam aus der Zeit gefallenen, marmornen Stadtpalast von 1964, den der Milliardär Huntington Hartford als private Gemäldegalerie in Auftrag gegeben hatte.

Die Kunstsammlung am Central Park blieb Episode, und der eigenwillige Bau, welcher der Postmoderne vorgriff, stand leer, als das Museum of Arts and Design („MAD“) ihn als neues Domizil entdeckte - um ihn, mit Rückendeckung der Stadt, durch das Büro

Allied Works Architecture aus Portland, Oregon, einem rigorosen „Re-Design“ zu unterziehen. Allied Works setzte sich gegen prominente Konkurrenz wie Zaha Hadid durch. Das alte Gebäude ist in der Neufassung nicht mehr wiederzuerkennen.

Die zahlreichen Kritiker des Umbaus erinnern an den historischen Sündenfall der Stadtplanung im „Big Apple“, den Abriss der Pennsylvania Station in den 60er Jahren - an die Stelle der großartigen Beaux-Arts-Architektur trat der heutige fade, gesichtslose Bahnhof unter dem Madison Square Garden, und in Folge der Schandtat, die längst bitter bereut wird, war in New York der Denkmalschutz eingeführt worden. Auf der „Preservation List“ landete auch Stones Solitär am Columbus Circle, bevor er zur Radikalrenovierung freigegeben wurde. Die New Yorker Kulturszene, darunter der Schriftsteller Tom Wolfe und der Künstler Frank Stella, machte Front gegen den Umbau, doch der Protest blieb erfolglos. Dabei hatte Edward Durell Stone (1902 bis 1978) New York um wichtige Adressen des Internationalen Stils bereichert - 1932 mit der Radio City Music Hall, 1939 mit dem Museum of Modern Art.

Die wunderbar anachronistischen Kolonnaden, welche die New Yorker zum Spitznamen „Lollipop-Building“ inspirierten, und die Blendarkaden hoch oben sind nun verschwunden. Statt dessen präsentiert sich die mit Keramikfliesen verkleidete Fassade in einer vordergründig kurzweiligen, im New Yorker Architekturdschungel aber verwechselbaren Gestalt. Im September, wenn das Museum mit Schwerpunkten bei Schmuck, Keramik und Möbeln seit 1945 wiedereröffnet wird, wird Manhattan um eine architektonisch mittelmäßige Attraktion reicher.

Wie junge und alte Substanz bezwingend ineinandergreifen, bezeugt wenige Schritte neben dem „MAD“ der Hearst-Tower von Sir Norman Foster: Der britische Baumeister hat den um 1930 begonnenen, über Jahrzehnte Fragment gebliebenen Sockelbau des Zeitungsmagnaten an der achten Avenue komplettiert. Die für Foster so typische Stahlmatrix, welche die Glashülle strukturiert, vereint Klarheit und Dynamik. Wiederum einige Straßenblöcke abwärts demonstriert Renzo Piano mit dem auf 52 Stockwerke aufsteigenden neuen Haus der „New York Times“, wie sich die Ideale des Modernismus noch immer glaubwürdig darstellen lassen. Wenn es ein weiteres, souveränes Beispiel dafür in der Stadt gibt, dann liefert Piano dieses mit dem Verbindungsbau für die ehrwürdige Morgan Library an der Madison Avenue, auf deren Klassizismus der Italiener gedankenklar und minimalistisch mit einem Stahl-Glas-Körper reagiert. Mit dem Neubau des Whitney Museums ist Piano ein weiterer Großauftrag zugefallen, den New York zu vergeben hat. Unterdessen steht die Dia Art Foundation, eine wichtige, in den 70er Jahren gegründete private Ausstellungsplattform, ohne Haus da, nachdem sie - offenbar vorschnell - ihre Heimstatt im boomenden Galerienviertel Chelsea verkauft hat.

Frenetisch gefeiert wird allenthalben der vor einigen Monaten eröffnete Neubau des New Museum an der Lower East Side. Dessen Erbauer Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa haben sich in Deutschland mit der unorthodox durchfensterten Design-Schule für die Essener Zeche Zollverein einen Namen gemacht. Wie sie in der engen Baulücke in der Bowery sechs Raumboxen turmhoch stapeln und mit vorgehängtem Industriegitter den rauen Charme der Nachbarschaft aufnehmen, ist schlicht beeindruckend. Innen gelingt es den Tokioter Architekten und ihrem Büro Sanaa, die Ansprüche des kontemplativen „White Cube“ mit denen des Schauraums für junge, hybride Installationskunst zu verbinden. Die hohen Räume sind weitgehend fensterlos, lassen das Tageslicht aber durch Oberlichter einfallen. Im Obergeschoss erwartet die Vernissagen-Gesellschaft ein famoses Panorama der Skyline von Manhattan. Ein Bad für das Auge. Eine Meisterleistung.

Überhaupt die Architektur in diesem New Yorker Ausstellungssommer: Sie triumphiert. Das Whitney Museum entfaltet das visionäre Werk des Amerikaners Richard Buckminster Fuller, und das Museum of Modern Art widmet sich einer Form modernen Häuserbaus, bei der das Richtfest in aller Regel sehr rasch (oder gar nicht) gefeiert wird: dem Fertigteilbau. Das MoMA skizziert Entwicklungslinien vom Bauhaus - Walter Gropius und Adolf Meyer projektierten bereits von ihnen sogenannte „Wohnmaschinen“ - bis zu den „Archigram“-Utopien der 60er und den bizarren Wohnsiedlungen eines Zvi Hecker.

Dem dokumentarischen Teil mit Modellen, Zeichnungen, Filmen ist eine zweiter Abschnitt auf einem Parkplatz neben dem Museum eingeräumt - fünf modellhafte Bauten loten hier zukunftsweisende Optionen für unterschiedlichste Bedürfnisse aus. Manches folgt purer Pragmatik wie die digital entworfenen, in der äußeren Gestalt konventionellen Instant-Architekturen, die Lawrence Sass für die Soforthilfe in New Orleans entwickelt hat.

Avanciert ist das voll verglaste „Cellophan-Haus“ von Kieran Timberlake Associates aus Philadelphia. Die Frage, welche Temperaturen man hinter diesen Fassaden wohl ertragen müsste, beantworten die Architekten mit intelligenten Wandsystemen, welche die Hitze absorbieren. Der Prototyp ist für die Ausstellung entstanden.

Das vorfabrizierte Haus schlechthin steuern Horden Cherry Lee aus London und Haack + Höpfner aus München bei. Anders als das faszinierende Cellophan-Haus hat ihr Modell die Probe aufs Exempel bereits bestanden: Seit einigen Jahren werden einige wenige dieser Kuben im Münchner „O-Village“ am Englischen Garten von Studenten bewohnt. Die Mieter leben auf nicht mehr als sieben Quadratmetern in High-Tech-Wohnmodulen, die komplett mit dem Kran angeliefert werden. Vorbild für die Miniatur, so die Architektin Lydia Haack, waren das Olympische Dorf von 1972, aber auch Ideen der asiatischen Teehaus-Kultur. Alles ist multifunktionell, inneres Gleichgewicht der Bewohner dürfte diesem Wohnmodell entgegenkommen. Wie zu hören ist, hält sich eine beständige Nachfrage interessierter Mieter. Willkommen im „micro compact home“.



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