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Mer losse die Domina en Kölle

Von Georg Uecker, 21.07.08, 22:41h, aktualisiert 02.07.09, 14:42h

Für Gastautor Georg Uecker sind die öffentlichen Exzesse bei der Christopher Street Day-Parade ohne politischen Mehrwert. Er wünscht sich die intelligente Provokation zurück, frei nach dem Motto: Diskurs und Disco.

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Fröhlich, spielerisch und solidarisch - so sollte der CSD sein. (Bild: dpa)
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Fröhlich, spielerisch und solidarisch - so sollte der CSD sein. (Bild: dpa)
Georg Uecker
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Georg Uecker, 45, Schauspieler, Moderator und Produzent, küsste 1987 in seiner "Lindenstraßen"-Rolle als Dr. Carsten Flöter als erster Mann in einer deutschen Vorabendserie einen anderen. Man kennt ihn auch aus "Genial Daneben" und als faktensicheren "Grand Prix"-Experten. Schon lange engagiert sich Uecker in der Schwulenbewegung. (ksta)
Georg Uecker

Ich gestehe es besser gleich: Ich liebe die Provokation. Denn ihre deutschsprachigen Synonyme lauten „Forderung“ und „Herausforderung“. Ob beim Zocken, Kämpfen oder Diskutieren: Wenn ich schon nicht selber herausfordere, so nehme ich doch gerne Herausforderungen fordernd an. Aber ich gestehe auch: Ich hasse die Provokation. Weil ihre weiteren Synonyme die unschönen Bezeichnungen „Kränkung“, „Anmaßung“ und „Zumutung“ haben. Doch so wie sich gesellschaftliche und ethische Normen ändern, so werden auch diese Begriffe immer ambivalenter.

In den spannenden Reaktionen auf den alles andere als unkritischen und unpfiffigen CSD-Artikel von Tobias Peter wird rhetorisch scharf geschossen. Plötzlich feiern Formulierungen fröhliche Urständ, die von einer solch anachronistisch anmutenden Spießigkeit und Selbstgerechtigkeit sind, dass ich mich ganz kurz bei dem Wunsch ertappe, nächstes Jahr viel mehr Fetischfreaks, Homohobbits und Bergheimblowjobber paradieren zu sehen. Achtung: dies war nur eine Provokation - im Sinne eines Denkanstoßes. Während sich Herrn Peters Ausführungen und viele Kommentare heterosexueller Leser um ein gerüttelt Maß intelligenter Differenzierung bemühen, gilt das leider nicht für eine - nach meinem subjektiven Empfinden - erschreckend hohe Zahl schwuler Schreiber. Da ist von den „Grenzen des guten Geschmacks“ die Rede und „wir sind doch nicht alle SO!“.

Richtig, aber wer hatte das behauptet? Na bravo, die Entsolidarisierung klappt wie am Schnürchen. Wie grotesk es ist, sich für etwas verteidigen zu müssen, mit dem man gar nichts zu tun hat. Also gut: Ich bin keine lesbische Fußballerin und bin kein bisexueller Lehrer! Endlich ist es mal raus . . . Wo verlaufen eigentlich diese Grenzen? Von den Grenzen des guten Geschmacks bis zum gesunden Volksempfinden ist der Weg nicht weit. Streitkultur ist bei vielen urbanen Homosexuellen dem konsumgeilen Trendterror gewichen. Ich wünsche mir die intelligente Provokation zurück. Diskurs und Disco. Wir verdanken den CSD dem kämpferischen Einsatz von androgynen Tunten und aufgebrezelten Drag Queens, die just am Tag der Beerdigung der schwulen Ikone Judy Garland, den Mut aufbrachten, sich den fortwährenden Demütigungen durch die New Yorker Polizei zu widersetzen.

Da Homosexualität im Juni 1969 in den USA noch strafbar war (wie in Deutschland auch), kam es zu Razzien, deren einziger Zweck in der permanenten, oft brutalen Herabwürdigung vor allem der „Queens“ bestand, während sich weniger „auffällige“ schwule Männer unbehelligt davonstehlen konnten. Sorry, man wisse ja gar nicht, in was für einem Sündenbabel man hier gelandet sei . . . Und lange bevor der Tuntenaufstand als Teil der sexuellen Bürgerrechtsbewegung im nächsten Jahr seinen 40sten Geburtstag feiert, sind die schwulen „Normalo“-Feiglinge, die damals aus der „Stonewall“-Bar flohen, heute das Ideal.

Dass es immer noch zu viele heterosexuelle Mitbürger gibt, die die Erkenntnis „Ach, Sie sind schwul? Das hätte ich Ihnen gar nicht angemerkt“ mit einem Kompliment verwechseln, ist schlimm genug. Dass es schwule Männer gibt, die das gar nicht erst für eine Verwechslung halten, ist historisch gesehen der wahre Skandal. „Bloß nicht auffallen“ ist als Motto und Mantra genauso falsch wie die gegenteilige Behauptung. Dennoch müssen wir lernen, öffentlich, kulturell und politisch vermehrt „sichtbar“ zu werden. Dabei stellt sich jedoch die Frage, ob ausschweifende sexuelle Exzesse in der Öffentlichkeit selbst bei großzügigster Toleranz-Auslegung einer bewussten Provokation von größerem politischen Mehrwert ist. Der ewige Tabubrecher Marke „laute, bunte, schrille Dragqueen“ hat sogar in den übelsten Ecken einer eher reaktionären Klatschpresse schichtweise Provokationspatina angesetzt. Der neue „Knüller“ sind Fetischisten, Exhibitionisten und Sadomasochisten.

Da gähnt zwar schon jeder pubertierende Computerfreak, aber solange kein deutscher Fernsehmoderator in knallengen Gummichaps mit luftigem Arsch-Dekolleté durch seine Samstagabendshow führt, geht da was. Ich fordere auch von jeglichem Fetischisten etwas mehr . . . Humor. Nie werde ich vergessen, wie eine augenscheinlich eher recht kleinbürgerlich anmutende Endfünfzigerin einen recht martialisch aufgemachten Ledermacker mit den Worten: „Jung, komm doch mal hier rüber zu dat Hilde. Du bis en Leckerchen!“ zu sich beorderte. Sie wollte nur mal kurz testen, wie es sich anfühlt, gefesselt zu sein. In völliger Umkehrung der durch seine Mad-Max-Kostümierung verdeutlichten Spielrollenverteilung gehorchte er der forschen Frau aufs Wort. Fetisch meets Freimersdorf. Leder goes Lindenthal. Er legte ihr ratzfatz die Handschellen an, während ihre gleichaltrigen Freundinnen und Kegelschwestern johlten und fotografierten. Ich habe diesen Moment sehr geliebt. Levve und levve losse - ein gelebtes Leitmotiv! Oder spricht man bei SM eher von einem Leidmotiv?

Dass ausgerechnet im katholischen Köln die europaweit einzige CSD-Demo stattfindet, die sich statt am traditionellen Samstag sonntags durch das Stadtzentrum schlängelt, hat schon das eine oder andere kirchliche Meissner-Porzellan zerbrochen. Dem gemeinen Kölner ist das in seiner Grundliberalität jedoch egal. Wie viel Gott steckt in bigott? Der Grad der Auf-, Ab- und Erregung über sexhibistionistische Stilblüten wäre hier an jedem Wochentag derselbe.

Zumindest an diesem Wochenende gilt: Sexualität sollte spielerisch bleiben und Fetischismus fröhlich. Und der Spaß solidarisch! Der Exhibitionist braucht den Voyeur vice versa. Als Schauspieler kenne ich diese Verabredung als Grundkonstituente des Theaters. Übertragen auf den CSD bedeutet dies: Hier sollte sich jeder so geben, wie er ist. Viel zu lange haben wir Rollen gespielt und uns oft genug als Fehlbesetzung gefühlt. Wir konnten nur Fehlbesetzungen sein, denn wir waren im falschen Theater.

Dennoch sollte man am CSD-Wochenende nicht völlig aus den Augen verlieren, dass wir uns im öffentlichen Stadtraum befinden. Er bietet uns die Chance kreativ, spielerisch und doch offen mit unseren zahlreichen Lebens- und Liebesformen umzugehen. Handschellen-Hilde und ihr Fetisch-Frodo haben mehr Brücken gebaut als jemals im Elbtal entstehen werden. Die Tatsache, dass viele der Protagonisten der extremeren Erscheinungsformen, die nun an den öffentlichen Moralpranger gestellt werden, weder lesbisch noch schwul sind, ist nur insofern problematisch, als dass jeglicher „Skandal“-Schrei - und sei er noch so verlogen - wie in einer Art kafkaesk unkündbarem Dauerauftrag auf das schwule Schmuddel-Konto gebucht wird.

Eine Dinslakener Domina, die ihren hündisch ergebenen Sklaven so heftig durchpeitscht, dass man mit der britischen Redewendung „Too much privacy“ dem triebigen Treiben Einhalt gebieten möchte, ist hierzulande außerhalb jeglicher Relevanzdebatte. Nicht so in England, wo selbst freiwillig akzeptierter SM-Sex in privaten Räumlichkeiten gesetzlich verboten ist. Nach dem deutschen Exhibitionisten-Paragrafen 183 können übrigens ausschließlich Männer bestraft werden.

Dass auch eine geschlossene Räumlichkeit Probleme mit städtischen Sittenwächtern bekommen kann, zeigte jüngst das jähe Ende des erfolgreichen Kölner Ablegers des Berliner Kit-Kat-Clubs. Das muntere Treiben der fröhlichen Fetischisten im historischen Wartesaal des Kölner Hauptbahnhofes war der Stadt trotz Clubstatus und Sichtverhüllung ein Dorn an verschiedenen Körperstellen. Denn wenn die putzmuntere Party am Morgen endete, strömten die Bewohner von Dirty Mittelerde hinaus in die Twilight Zone - zwischen rüstigen Rentnern auf Wandertag und japanischen Touristen, die in absurden Verrenkungen versuchen, den ganzen Dom auf ein Foto zu bekommen.

Ciao, ihr Kitekats! Den Dom trennt nur eine Ina von der DOMINA! Mer losse de Domina en Kölle!



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