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Wikipedia

Machtkampf ums Wissen

Von Alice Ahlers und Reinhard Lüke, 22.07.08, 21:44h

Die virtuelle Enzyklopädie Wikipedia hat jede Menge Tücken. Viele Nutzer versuchen, das Online-Lexikon nach eigenen Vorstellungen mitzugestalten - doch an den Administratoren kommt nicht jeder vorbei.

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Bei Wikipedia warten manchmal unliebsame Überraschungen. (Bild: dpa)
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Bei Wikipedia warten manchmal unliebsame Überraschungen. (Bild: dpa)
Die virtuelle Wissenssammlung Wikipedia wächst und wächst. Mittlerweile hat das Online-Lexikon über zwei Millionen Einträge in englischer und knapp 800 000 in deutscher Sprache. Damit steigt auch das Interesse von Parteien oder Firmen, ihr Image nicht durch kritische Anmerkungen bei Wikipedia angekratzt zu sehen. Und weil hier im Prinzip jeder mitschreiben kann, sind Unternehmen überaus aktiv, wenn es darum geht, missliebige Passagen zu löschen.

Ein aktueller Fall: Mitarbeiter des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) legten in den letzten Monaten Links unter alle Wiki-Einträge zu Atomkraftwerken in Deutschland und der Schweiz.

Diese Verweise führten direkt zu den eigenen atomkritischen Seiten der Umweltschutzorganisation. „Wir wollten einen Hauch von Ausgewogenheit schaffen“, sagt Axel Mayer, Vorsitzender des BUND-Regionalverbandes Südlicher Oberrhein mit Sitz in Freiburg, denn die Artikel waren ihm zu einseitig. Er lieferte sich daraufhin einen sogenannten „Edit-War“ mit Nutzern, die die atomkritischen Links immer wieder löschten. Die Verweise auf die AKW-Betreiberseiten blieben dagegen stehen. Der atomkritische Link, den der Bund immer wieder einfügte, landete letztendlich auch auf einer Spam-Liste von Wikipedia und wurde damit für eine Veröffentlichung gesperrt.

Hinter den „Löschern“ vermutet Mayer die Atomlobby selbst. Beweisen kann er das nicht. Der Urheber änderte die Texte so, dass er anonym bleibt. Bei anderen Artikeln zum Beispiel zur „Kohlmeise“ habe es diese Probleme nie gegeben. „Aber wenn es um ökonomische Interessen geht, sind Wikipedia-Artikel nicht neutral“, meint Axel Mayer und nennt außer Einträgen zu Atomstrom auch das Themenfeld Gentechnik.

Nachdem in den vergangenen Jahren einige Fälle von geschönten Artikeln aufflogen, wissen die meisten Unternehmen und ihre Mitarbeiter, dass sie als Urheber von Textänderungen über ihre IP-Adresse zurückverfolgt werden können. Die meisten Änderungen eines Lexikoneintrags sind bei Wikipedia gemeinsam mit dem Mitgliedsnamen (bei registrierten Nutzern) oder der IP-Adresse (bei nicht-registrierten Nutzern) unter dem Stichwort „Autoren / Versionen“ dokumentiert. Hier kann man sich nebeneinander die Textversion vor und nach einer Änderung ansehen.

Über Suchmaschinen wie den Wikiscanner kann jeder die IP-Adresse einem Provider zuordnen lassen. Bei Privatpersonen ist das meist der Name des Telefonnetzanbieters. Wer von zu Hause aus Änderungen vornimmt, bleibt also hinter dem Namen Telekom oder Netcologne verborgen.

Institutionen oder große Unternehmen sind dagegen meist selbst Provider und sozusagen direkt an das Internet angeschlossen. Sie sind bei der europäischen Vergabestelle für IP-Adressen „Ripe“ mit ihrem Firmennamen registriert. Die Datenbank ist für jeden einsehbar

Frisierte Fakten

Aus diesem Grund ließ sich etwa im Jahre 2005 nachvollziehen, dass im Zuge des Fleischskandals, die Supermarktkette Real Einträge tilgte, die sie in Zusammenhang mit vergammeltem Hackfleisch brachte. Metro-Sprecher Moritz Zumpfort erklärt hierzu, es sei damals und heute Politik der Metro Group, Wikipedia-Einträge nicht eigenständig abzuändern. Allerdings sei den Mitarbeitern des Unternehmens die Nutzung des Internets auch für private Zwecke gestattet. Es sei also nicht auszuschließen, „dass Mitarbeiter - quasi als Privatpersonen - von ihrem Arbeitsplatzrechner aus Wikipedia Texte nicht nur lesen, sondern diese auch verändern“.

Doch ebenso, wie unliebsame Kritik von manchen Seiten verschwindet, ist auch der umgekehrte Weg gängige Praxis. Als der Eintrag über den ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau 2006 plötzlich um einen Passus „Kritik und Misserfolge“ erweitert wurde, führten die IP-Spuren der Änderung zu einem Rechner, der in der Münchner CSU-Zentrale stand.

Mittlerweile agieren Firmen und Institutionen längst nicht mehr so plump und frisieren ihre Seiten selbst, sondern beschäftigen damit Agenturen, die ihre textlichen Schönheitsoperationen von Rechnern aus vornehmen, die kaum noch in Verbindung mit den Auftraggebern zu bringen sind. Das bestätigt auch Ulrich Müller von der Kölner Initiative LobbyControl: „Ich habe einmal selbst zurückverfolgt, dass eine PR-Agentur im Auftrag des Gesundheitsministeriums die Linkliste unter einigen Einträgen so verändert, dass jeweils die ersten Links zum Ministerium führten.“

Axel Mayer vom BUND findet das undemokratisch. Seine kleine regionale Naturschutzgruppe habe gegen „die PR-Profis der Atomlobby“ keine Chance. Er könne es sich schließlich nicht leisten, jemanden zu bezahlen, der dafür sorgt, dass kritische Elemente in Artikeln ständig wiederhergestellt werden.

Arne Klempert, Geschäftsführer von Wikimedia e.V, stört Mayers Vorwurf nicht. Er vertraut auf den Selbstreinigungsmechanismus seiner Online-Enzyklopädie. Inhaltlich mische er sich nicht ein. Manipulationen seien nur temporär. „Fehler werden meistens bereits schon nach zwei Minuten von jemandem wieder getilgt“, sagt er. Im Falle der AKW-Artikel habe die Community eben entschieden, dass die BUND-Links nicht zu einer wesentlichen Bereicherung des Artikels geführt hätten. Ob PR-Agenturen hinter Änderungen stecken, sei doch im Grunde „wurscht, solange die Inhalte stimmen“.

Mit inhaltlichen Diskussionen hat Klempert nichts am Hut. Die gerade mal zwei Mitarbeiter von Wikimedia e.V. Deutschland kümmern sich nur um organisatorische Dinge. Administratorenrechte haben in Deutschland etwa 200 ehrenamtliche Nutzer. Sie können zum Beispiel bestimmte Teilnehmer oder Inhalte auf die Spam-Liste setzen, sodass diese von da an für jegliche Veröffentlichung gesperrt sind (siehe Kasten). Angaben zu Identität, richtigem Namen oder fachlichen Qualifikationen müssen sie in ihrem Benutzerprofil nicht zwingend machen. Genau dort liegt das Problem. Viele machen in ihrem Benutzerprofil gar keine Angaben dazu, wer sie in der realen Welt sind und was sie zu einer Beurteilung eines Lexikoneintrags befähigt.

Eine Garantie gibt es nicht

Ob sie zu Wiki-Polizisten werden, hängt in den meisten Fällen viel mehr davon ab, wie aktiv sie in der Community sind (siehe Kasten). Seit diesem Jahr gibt es ein neues System, dass die Qualität der Lexikoneinträge verbessern soll. Seit Mai können Artikel von Benutzern mit der Markierung „gesichtet“ versehen werden. Zum Sichter wird allerdings auch schon automatisch jeder, der 500 Artikel bearbeitet hat und dessen erster Eintrag mindestens 60 Tage zurückliegt. Die höhere Kategorie „geprüft“ ist noch in Planung. „Prüfer“ sollen fachkundig sein und einen Artikel auf vollständige und falsche Aussagen hin kontrollieren. Welche Kriterien ein Prüfer erfüllen muss, steht dagegen noch nicht fest. Außerdem betont die Community bereits jetzt: Eine Garantie für die Korrektheit eines Artikels sind auch diese Markierungen nicht.

Axel Mayer sieht in seinem Edit-War dennoch einen Erfolg: Seit kurzem seien die Einträge zu den Atomkraftwerken differenzierter geworden. Dafür hätten unter anderem Einträge von Greenpeace gesorgt. „Die haben mittlerweile auch verstanden, dass man nicht mehr nur auf irgendeinem Acker demonstrieren kann, sondern im Internet Präsenz zeigen muss.“



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