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Klangprobe

Über den Dächern von Nippes

Von Sebastian Züger, 23.07.08, 14:21h, aktualisiert 24.07.08, 17:17h

Friedemann Weise ist auf der Suche nach der Poesie im Alltäglichen. Popmusik soll leicht sein, hat's aber manchmal ganz schön schwer. Der Kölner Songschreiber hat das selbst erlebt.

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Friedemann Weise produziert Pop-Perlen - handgeschüttelt aus seiner Gitarre. (Bild: Christoph Hennes)
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Friedemann Weise produziert Pop-Perlen - handgeschüttelt aus seiner Gitarre. (Bild: Christoph Hennes)
E-Mail-Verkehr mit Friedemann Weise. Das ist wie jeden Tag ein neues Gedicht. Ein Beispiel? Okay, ausnahmsweise:

„hi sebastian, ich bin zurück.

hab gesehen, dass du gleich

um die ecke bist.

ich wohne in nippes.

wo wann würde es dir passen?

schlag ein paar termine vor

und ich sag zu einem: ja.“

Spötter mögen meinen, alles werde zum Gedicht, sobald man nach jedem Satz einen Absatz einfüge. Spötter mögen aber wahrscheinlich auch Friedemann Weise (34) nicht. Denn Spötter mögen üblicherweise keine Popmusik, die mit kaum mehr als drei Akkorden auskommt und deren vorrangige Daseinsberechtigung die Leichtigkeit ist. Genau deshalb tun sich viele Menschen hierzulande (und nicht nur die Spötter) grundsätzlich schwer mit Popmusik. Es kann doch nichts gescheit sein, was vor allem gefallen und die Laune heben will. Das (vermeintliche) Land der Dichter und Denker erwartet von seinen Poeten Inhalte, gefälligst! Und zwar gewichtige! Und keine Zeilen wie:

„ah. du willst ne homestory.

das wird teuer.

aber donnerstag klappt.

so um elf?

müssen fotos sein?“

Fotos? Natürlich. Denn ohne Foto keine Klangprobe. Und überhaupt, wo Friedemann doch so fotogen wohnt, über den Dächern von Nippes. Die Wände der Wohnung im fünften Stock sind so schräg wie manche der Songs und Geschichten, die hier entstehen. Kleine Pop-Perlen, handgeschüttelt aus der Gitarre. Eine Kostprobe:

„ich war alleine da

weil ich alleine war

und das nicht erst seit ein, zwei tagen

die Tür ging auf und du

kamst rein, dann ging sie zu

ich wollte sofort zu dir sagen . . .“

Was Friedemann sagen wollte, wird im Herbst auf seinem Debütalbum „Starterset“ zu hören sein, das, wenn alles gut geht, auf einem kleinen Kölner Label erscheinen soll. Wobei, so ein richtiges Debütalbum ist das eigentlich gar nicht. Vor zwei Jahren hat Friedemann mit seiner Drei-Mann-Band schon einmal eins eingespielt, das zwar das Interesse einiger Labels weckte, aber dann doch nie erschien. Also brachte er eine CD mit fünf Stücken im Eigenverlag raus, die sich auf Konzerten ganz gut verkaufte und in den Studentenradios der Republik lief. Was den wünschenswerten Effekt erzielte, dass Friedemanns Konzerte auch dann vor mehr als drei Besuchern stattfanden, wenn er außerhalb Nordrhein-Westfalens auftrat.

Das war der Motivation genug, um es doch noch einmal mit einem Album zu versuchen. Aber irgendetwas musste sich ändern. Friedemann wagte deshalb einen Schnitt und verzichtete auf die bewährte Mithilfe seiner Band. „Ich wollte“, sagt er, „die Songs so aufnehmen, wie ich sie mir in meinem kleinen Dachstudio ausgedacht hatte.“ Dieser Schnitt tat weh, aber den neuen Aufnahmen gut. „Ich weiß jetzt besser, was ich will“, sagt Friedemann, und verdrückt im Sonnenlicht seiner Dachterrasse ein Lachsbrötchen. In Jan Loewenhaupt suchte und fand er einen Produzenten, der seinen gedanklichen Rohdiamanten den praktischen Schliff verpasste und sogar selbst Schlagzeug dazu spielen konnte. Was noch fehlte, war jemand, der Auftritte an Land zieht. Aber selbst den hat Friedemann aufgetrieben, wenn auch über Umwege. Er erfand die Geschichte einer in der U-Bahn vergessenen Kassette mit einem wunderschönen Song namens „Julia“ darauf. Den stellte er anonym auf die Internet-Plattform Myspace und löste damit einen kleinen digitalen Hype aus. In einem halben Jahr besuchten 30 000 Neugierige das Profil und fragten sich: Woher kommt dieses Lied? Und wer ist diese Julia? Inzwischen entlarvt ein Video auf der Seite die Geschichte als eine Geburt der Fantasie. Den Clip drehte Dennis Adler, der Friedemann ebenfalls übers Internet kontaktiert hatte. Heute arbeitet Dennis aber nicht mehr als Regisseur, sondern mit seiner Firma Burning Eagle Booking für Friedemann und organisiert Konzerte in ganz Deutschland.

Rund 20 bis 30 Auftritte kommen so pro Jahr zusammen, und dennoch steht Friedemann am heutigen Donnerstag vor einer echten Premiere: Es ist das erste Konzert mit seiner neuen Band. Produzent Jan lässt sich nun auch außerhalb der Studiomauern am Schlagzeug nieder, und Axel Autschbach, normalerweise tätig bei der Band Fitness, übernimmt den Bass. „Das ist meine erste gecastete Band“, sagt Friedemann, und wundert sich, dass er darüber noch keinen Song geschrieben hat. Vielleicht hört man ihn ja bald über den Dächern von Nippes.

Das Odonien, Hornstraße 85, ist Schauplatz für Friedemann Weises ersten Auftritt mit seiner neuen Band. Im Rahmen der Köln-Ehrenfelder Bandparty „Ehrensache“ spielt er dort ab 20 Uhr gemeinsam mit gigi homerecording, Hallo*Erde und dem von Firm Records ausgeborgten DJ André Kraml.

Musiker, die vorgestellt werden möchten, wenden sich an den „Kölner Stadt-Anzeiger“, Telefonnummer: 2 24-23 23 / 22 97, E-Mail: KStA-Stadtteile@mds.de, Anschrift: Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln. Bewerber sollten aktuelle Musikproben auf CD oder als Sounddatei zusenden.



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