Von Anja Katzmarik, 25.07.08, 23:10h, aktualisiert 30.07.08, 12:50h
Abschied nehmen. Von Fenster zu Fenster, von Gitter zu Gitter. Das geht nur brüllend. Jetzt ist Tino heiser - und völlig übermüdet. Auch wenn es Gefangenschaft war, muss der 20-Jährige Vertrautes verlassen. „Überhaupt erst mal wieder unter Leuten zu sein. Das wird schon komisch“, murmelt er. Ist es Vorfreude? Oder Angst? Tino nennt es Aufregung. „Ist doch normal, oder?“ Starrer Blick.
Sein Bettzeug zum Abliefern bei der Verwaltung unter den Arm gepackt, geht Tino wie ferngesteuert über den Flur. Man wagt es kaum, ihn anzusprechen. „Mach's gut! Hau rein!“ verabschiedet sich Nummer 219, die gerade wieder zu ihrer Zelle gebracht wird. Nummer 204 wird in den Arm genommen. Aufmunterndes Schulterklopfen. „Hau rein! Viel Glück draußen!“ Ein JVA-Beamter ruft ihm noch nach: „In der Hose gehst du mir nicht raus.“
Zurück bleiben eine Decke, zwei Teller, eine Schüssel, eine Garnitur Besteck, ein TV-Leihgerät und zwei Jahre Lebenszeit.
Frisch gewaschen, aber ungebügelt ist die Kleidung, die Tino im Kleiderbeutel Nr. 713 entgegennimmt. Das blaue Anstalts-T-Shirt gibt er in der Kammer ab. Ebenso die ausgebeulte schwarze Jogginghose. Wer keine Sachen hat, bekommt welche. Häftlinge werden „der Jahreszeit gemäß“ entlassen.
Und der freie Mann in spe zieht sich um. Zurück in die Kleidung, in der er verhaftet worden war. - Alles was Tino besitzt, trägt er nun am Körper. In der Vollzugsgeschäftsstelle bekommt er noch sein „Überbrückungsgeld“ ausgezahlt. 532 Euro, 37 Cent. Dafür hat er in der Haft in einer Lackiererei gearbeitet.
Ob er die Sache mit seiner Mutter geklärt habe, die ihn vergangene Woche besuchen wollte? War sie bei ihm? „Ja, ja“, beteuert der Sohn. „Wir haben das geklärt. Sie hat verstanden, dass ich in Köln leben werde, um was zu lernen. Ich kann nicht bei ihr in Koblenz sein. Ich hab ihr das gesagt.“ Quer über den Sportplatz geht es Richtung Ausgang.
Ein letzter Blick zurückEin letzter Blick zurück hoch zu den Fenstern der „Kollegen“, die ihm nachsehen. „Yalla, lan! (Arabisch-Türkisch für: „Auf geht's, Junge!“) Bau kein Scheiß, Alter!“, tönt es. Und: „Wohin?“, ruft einer, der unsichtbar bleibt. „Nach Hause“, flüstert Tino. Dann bricht es aus ihm heraus, und er brüllt es einem Urschrei gleich, während er sich um die eigene Achse wie ein Rumpelstilzchen dreht: „Ich geh nach Hause! Mir sagt keiner mehr was!“
Auch Tino Müller spricht nicht mehr, während er die dicken Türen hinter sich lässt, die ihm ein letztes Mal aufgeschlossen werden müssen. Grußlos geht er am Pförtner vorbei ins Sonnenlicht. „Auf Wiedersehen“ sagt man in solchen Situationen nicht.
Vor der Tür wartet ein Bus des Carl-Sonnenschein-Hauses. Hausmeister Franz Deutsch, der gleichzeitig Fahrer ist, bietet Tino eine Zigarette an. Doch der „Novize“ lehnt dankend ab. „Seit heute bin ich Nichtraucher“, sagt er voll guten Willens. Ein Jugendlicher aus dem Carl-Sonnenschein-Haus, Thomas Vollmer, ist ebenfalls zur Begrüßung mitgekommen.
Es sind nette Leute, aber Tino ist unerreichbar. Er redet nur das Nötigste. In seinen Händen sein Entlassungsgeld. Nicht mal ein Portemonnaie hat er. Was er mit dem Geld zuerst machen will? „Mäckes (McDonalds) und Klamotten kaufen“, sagt er spontan. Und er fragt Thomas Vollmer: „Ist das Pascha weit von hier?“ „Nö! Gleich da vorne“, erwidert der neue Mitbewohner und zeigt in Richtung des Bordells in der Hornstraße. Beide prusten los.
Die Fahrt geht los. Richtung Köln. „Ein unbeschreibliches Gefühl“, versucht Tino auf der Rückbank des Mini-Busses sein Innenleben zu beschreiben. Doch bereits nach weniger Kilometern über die Autobahn korrigiert er sich: „Ich fühle mich dreckig. Ich krieg langsam Angst. Ich bin schon lange kein Auto mehr gefahren.“ Über die Zoobrücke geht es dennoch in die Stadt. Die RTL-Baustelle kennt er noch nicht, ebenso wenig den LVR-Turm. Dafür den Dom. Ungläubig starrt er ihm im Vorbeifahren nach. „Ich ben ene kölsche Jung“, antwortet er auf die Frage nach seiner Heimat so knapp wie unvollständig. Ende der Durchsage. „Ich geh nach Hause!“ Aber wo soll das sein?
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Hedwig Neven DuMont
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